17. Juni 2004, 17:52 Uhr

Der Wurm von der Wümme

Wochenlang terrorisiert ein unauffälliger Teenager aus Niedersachsen Millionen Internetnutzer mit seinen PC-Würmern Netsky und Sasser. Dann wird er von einem Freund verraten. Dem stern hat Sven J. exklusiv seine Geschichte erzählt.

Blick nach vorn: "Ich habe Angst, dass meine Zukunft im Eimer ist", sagt Sven J., "wie soll ich die Schäden denn bezahlen?"©

Noch ein paar Anschläge, dann ist er endlich fertig. Kein Licht fällt durch das Kellerfenster in das Zimmer von Sven J., es ist spät geworden an diesem 14. Februar. Draußen schläft das idyllische Waffensen, ein Ortsteil von Rotenburg an der Wümme, drinnen strahlt hell ein Bildschirm: "Netsky", wie sie ihn nennen werden, hat das Licht der Welt erblickt - ein Computerwurm, der sich in den nächsten Monaten verbreiten wird. Von Waffensen nach Washington bis Wellington.

Kaum ein PC, den "Netsky" verschont. Er treibt - wie seine Vorgänger von "I love you" bis "Sobig" - Millionen Menschen in den Wahnsinn und vernichtet in Firmen wertvolle Arbeitszeit. Im vergangenen Jahr richteten digitale Schädlinge 55 Milliarden Dollar Schaden an, schätzt die Antivirus-Firma Trend Micro. "2004 wird schlimmer", sagt Mikko Hyppönen von F-Secure. Das US-Verteidigungsministerium befürchtet, ein "perfekter Wurm" könnte die amerikanische Wirtschaft auf einen Schlag 50 Milliarden Dollar kosten. Im Mai zählte das Unternehmen Sophos 959 neue Viren und Würmer - so viele wie seit Jahren nicht. Und längst stecken nicht mehr nur talentierte Teenager hinter dem Ungeziefer. Kriminelle übernehmen das Feld. Kaum einer der Virenautoren wurde erwischt. Auch der unscheinbare Junge, der von Niedersachsen aus die Welt verunsicherte, dachte lange, er könnte sich hinter seinem Wurm verstecken.

Sven genießt die Einsamkeit

Sven J. hat mit Würmern zu tun, seit er 13 Jahre alt war - da hat er seinen Angelschein gemacht. Auch mit 17 angelt er noch. Am liebsten nachts, Sven genießt das Warten und die Einsamkeit. Er besucht die Berufsfachschule für Informatik in Rotenburg; für Computer-Würmer beginnt er sich aber erst im Januar zu interessieren, als ein Wurm namens "Mydoom" die Website von Firmen lahm legen will. Sven J. hat das fasziniert: Da war ein Programm, das sich von selbst vervielfältigte und dessen Namen jeder kannte. Wäre es nicht eine tolle Idee, fragte er einen Freund, etwas zu basteln, das sich schneller verbreitet und "Mydoom" von infizierten PCs löscht? Einen Anti-Wurm? Der Kumpel fand das gut. "Er wollte sogar mitmachen", sagt Sven, "aber das war ihm zu schwer." Drei Monate später wird ihn dieser Kumpel für 250.000 Dollar an Microsoft verraten.

Sven ist schüchtern. Reden ist seine Sache nicht. Er hat nur wenige Freunde, geht ungern auf Partys, trinkt keinen Alkohol. Nur Fußball spielt er, im Sturm oder in der Abwehr, was gerade gebraucht wird. Über den Wurm aber hat er geredet - und nicht nur mit der Hand voll Kumpels in der Schule. Bald wusste jeder in der Klasse, dass Sven an einem Computerwurm sitzt. Die Geschwister waren eingeweiht, nur die Eltern hatten keine Ahnung. Die es wussten, fanden die Idee gut. "Die haben mir sogar gesagt", erinnert Sven sich, "dass ich etwas hinzufügen soll, das Schaden macht. Aber das wollte ich nie." Ihm reicht der Wurm selbst. Er will besser sein als andere Virenprogrammierer. Nicht böser.

Der Stiefvater saß ein Zimmer weiter

Bis zu zehn Stunden am Tag saß er vor dem PC, trank Selters, schaute MTV und Viva und hörte Filmmusik. An einer Zimmerwand ein Poster des Computerspiels "Worms". Neben ihm im Keller, nur durch eine Holzwand getrennt, saß sein Stiefvater am Computer und arbeitete für die Firma "PC Help", die der Mutter gehört. Er erstellt Prospekte und hilft bei PC-Problemen.

Die stern-Redakteure Dirk Liedtke und Sven Stillich (von links) im Gespräch mit Sven J. (vorn) im Computerverein von Rotenburg an der Wümme.©

Nebenan gibt es keine. Nach drei Wochen ist "Netsky" fertig. Über 2000 Befehlszeilen hat Sven J. geschrieben, die dem Programm sagen, was es wann wie tun soll. Der Quellcode, die Befehlskette. Jetzt fühlt er sich, "als hätte ich in einer Arbeit eine Eins geschrieben". Einen Namen hat er nicht für den Wurm, aber den braucht er auch nicht: Seinen Namen bekommt das Ungeziefer meist von der Antivirus-Firma, die ein Exemplar zuerst entdeckt.

Die Freunde "helfen" beim Verschicken

Die Kugel hat er, nun fehlt ihm nur noch die Kanone - nichts ahnende Internetnutzer, die den Wurm als Erste bekommen sollen, um unfreiwillig Hunderttausende damit zu bombardieren. Noch am Abend des 14. Februar beginnt Sven J., E-Mail-Adressen aus dem Netz zu fischen, an die er den Wurm versenden will. Bereits nach einer Stunde hat er Tausende zusammen; wer auf dieser Liste steht, ist Zufall. Seine Freunde helfen ihm, den Wurm zu starten - der Schädling durchsucht ihre Festplatten, findet die gekaperten E-Mail-Adressen und verschickt sich an jede einzelne weiter, so wie er es danach bei jedem Nutzer tun wird, der ihn öffnet. So sei es gewesen, sagt Sven. Am Montag darauf, als sich die ganze Klasse mit ihm freut, wird sein Wurm von Antiviren-Firmen entdeckt. Sie nennen ihn "Netsky". "Ein schöner Name", denkt Sven.

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