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Hacken, bis der Flüchtling seine Infos bekommt

IT- und Quellcode-Nerds strömen nach Berlin. Ihre Mission: digitale Flüchtlingshilfe. Anke Domscheit-Berg hat sich den "Refugee Hackathon" ausgedacht. Im stern-Interview träumt sie von perfekten Wohnraum-Apps und weniger Bürokratie.

Von Larissa Schwedes

Anke Domscheit-Berg

Frau des Faches: Die Ex-Piratin Anke Domscheit-Berg hat 15 Jahre lang an IT-Projekten gearbeitet.

Flüchtlinge brauchen ein Dach über dem Kopf und eine warme Mahlzeit. Aber was sollen sie mit Apps?

Eine digitale Betreuung kann die Erfüllung dieser Bedürfnisse erleichtern. In Berlin am LaGeSo (Landesamt für Gesundheit und Soziales) ist der Staat nicht in der Lage, die Menschen unterzubringen. Wenn die Büros abends schließen, haben sie kein Dach über dem Kopf. Zahlreiche Freiwillige helfen. Aber oft ist es schwierig, die Angebote und den Bedarf zu koordinieren. Wer braucht gerade was? Wo kriegt man in Berlin acht syrische Flüchtlinge auf einmal unter, wenn sie um Mitternacht ankommen? Digitale Lösungen sind schnell und unkompliziert. Als Flüchtling könnte man schreiben: "Ich brauche hier in Fürstenberg ein Kinderbett." Als Anwohnerin könnte ich direkt eins vorbei bringen.

Das Smartphone ist für viele Flüchtlinge der wichtigste Gegenstand. Wie viele haben eigentlich eins?

Über 80 Prozent, schätze ich. Auch die meisten anderen haben ein Mobiltelefon. Bei uns sind nachts Leute angekommen, die hatten keine Socken und keine Jacken. Aber ihr Handy, das ist für die Flüchtlinge alles. Die Unterkunft bei mir um die Ecke hat kein Internet. Oft stehen Männer und Frauen vor unserer Tür, die einfach mal ein, zwei Stunden im WLAN rumhängen wollen.

Was will der Refugee Hackathon?

Wir wollen digitale Lösungen schaffen, die Flüchtlingen das Ankommen erleichtern und Hilfeleistenden das Hilfeleisten erleichtern. Die Hilfsbereitschaft zurzeit ist großartig. Dabei macht jeder das, was er am besten kann. Und Programmierer wollen eben am liebsten etwas programmieren.

Wie genau sieht das aus?

Wir entwickeln einen Überblick, welche Apps es schon gibt, und was noch fehlt. Da wir alle keine Flüchtlinge sind, machen wir vorher einen Anforderungsworkshop mit Flüchtlingen und Helfern. Die werden gefragt: "Was waren auf der Flucht und danach die Probleme, die Sie besonders schwierig fanden?" Daraus basteln wir unsere To-do-Liste für den Hackathon.

Können wirklich an einem Wochenende komplette Apps entwickelt werden?

Wir haben jetzt schon 225 Anmeldungen, davon sind 80 Prozent Programmierer. Das ist eine krasse Manpower. Damit kriegt man an einem Wochenende echt was hin. Viele haben sich auch bereit erklärt, darüber hinaus weiter mitzuarbeiten.

Von welcher App träumen Sie am meisten?

Es gibt keine funktionierende Plattform, die Angebote für privaten Wohnraum bündelt. Als ich selbst Platz anbieten wollte, musste ich in einem Formular angeben, wie viele Quirle in meiner Küche vorhanden sind. Ganz vieles ist überbürokratisiert. In der Verwaltung gibt es viel zu wenige Leute. Man braucht die aber auch gar nicht immer als Vermittler. Digitale Lösungen können helfen, direkte Verbindungen zwischen Ansässigen und Flüchtlingen zu schaffen.

Ein Projekt des Hackathons ist eine Anwendung, um online Asyl zu beantragen. Das klingt ambitioniert, aber eher unrealistisch.

Wir möchten zeigen, dass auch kritische Themen gestemmt werden können. Die Politik will kein Online-Asyl. Wenn Menschen im Libanon nur einen Online-Antrag ausfüllen müssten, würden noch viel mehr kommen. Trotzdem können die Programmierer das gern umsetzen. Das ist dann eben ein politisches Statement. In erster Linie will der Hackathon aber handfeste Dinge schaffen, die einen direkten Nutzen stiften.

Der Refugee Hackathon findet am 24. und 25. Oktober ab jeweils 10 Uhr in den Räumen von Immobilienscout24 in Berlin statt. Weitere Informationen finden Sie unter www.refugeehackathon.de

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