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Viel Bildschirm, wenig Knöpfe: So fühlt sich das neue iPhone X an

Riesiges Display, Gesichts-Scanner und kabelloses Laden: Mit dem iPhone X hat Apple sein Smartphone neu erfunden. Dafür kostet es auch mehr als 1000 Euro. Lohnt es sich? Wir haben das Gerät bereits ausprobiert.

Von Christoph Fröhlich, Cupertino

Es sind nur wenige Zentimeter, die Vergangenheit von der Zukunft trennen. Das Vergangene, das sind Smartphones mit rechteckigen Displays, umgeben von klobigen Rändern. Dazu gehört auch das 8, obwohl das erst gestern Abend vorgestellt wurde. Angesagt sind dagegen futuristisch anmutende Geräte mit rahmenlosen, beinahe endlos wirkenden Bildschirmen.

Eigentlich logisch, denn Smartphones können zum jetzigen Stand nicht mehr viel größer werden. Also muss man den Platz, der da ist, effizienter ausnutzen. Das Galaxy S8 setzte in dieser Hinsicht Maßstäbe. Nun hat Apple mit dem iPhone X nachgezogen. Laut Tim Cook ist es das Gerät, dass "das nächste Jahrzehnt" prägen werde. Und um die wichtigsten Fragen gleich zu Beginn zu beantworten: Das neue iPhone kommt am 03. November und kostet mindestens 1149 Euro. Ein saftiger Preis, der hohe Erwartungen schürt.

Das Display verdrängt die Knöpfe

Beim kurzen Ausprobieren hinterließ das Display einen hervorragenden ersten Eindruck. Das Schwarz ist tiefdunkel, die Farben leuchten, der Bildschirm wirkt aus jedem Winkel brillant. Einzig bei der neuen "Super-Retina-Auflösung" konnten wir mit bloßem Auge keinen Unterschied ausmachen. Die Qualität des OLED-Screens ist für iPhone-Nutzer trotzdem ein Quantensprung. 

Fotos sehen auf dem OLED-Display beeindruckend aus.

Fotos sehen auf dem OLED-Display beeindruckend aus.


Besitzer von Premium-Androiden können zu Recht anmerken, dass erneut nur ein Feature von der Konkurrenz abkupfert - Samsung und LG verbauen OLED-Bildschirme schon seit Jahren. Apple geht allerdings einen Schritt weiter: Mit dem "Infinity-Bildschirm" des Galaxy S8 definierte Samsung das Schönheitsideal des 2017er-Smartphones, dort befand sich allerdings noch ober- und unterhalb des Bildschirms ein schmaler Streifen. 

Apples iPhone-Bildschirm bedeckt dagegen beinahe die gesamte Front. Dadurch ist es möglich, dass der 5,8-Zoll-Screen (größer als beim iPhone 7 Plus) in ein vergleichsweise kompaktes Gehäuse passt. Perfekt für Menschen mit kleinen Händen - wie etwa der Autor dieser Zeilen -, die trotzdem nicht auf einen großen Bildschirm verzichten wollen. Das folgende Foto zeigt das neue iPhone X (links) neben einem iPhone 7 Plus.

Links das iPhone X, rechts das iPhone 7 Plus.

Links das iPhone X, rechts das iPhone 7 Plus.


Das Gesicht ist der neue Finger

Das Mehr an Bildschirm führt allerdings unweigerlich zu einem Weniger an Knöpfen: Physische Buttons sucht man auf der Vorderseite vergebens. Nach der Kopfhörerbuchse im vergangenen Jahr kann man nun auch um den Home-Button trauern. Für die Bedienung des Telefons muss man deshalb ein paar neue Gesten verinnerlichen. Um auf den Homescreen zu kommen, muss man etwa von unten nach oben wischen.

Der Verlust des mit dem Home-Button verbundenen Fingerabdruckscanners macht die Sache nicht einfacher. Neben dem klassischen, aber umständlichen PIN-Code entsperrt man das Telefon stattdessen mit dem Einzigen, was auf der Frontseite außer dem Bildschirm noch übrig ist: der Frontkamera. Genauer gesagt der TrueDepth- samt dazugehörigen Sensoren. Am oberen Rand befindet sich eine Ausbuchtung mit Selfie-Kamera (sie knipst mit 7 Megapixeln und kann auch Porträts aufnehmen) und mehreren Sensoren, etwa einem Punktprojektor. Dadurch kann das Telefon das Gesicht des Nutzers in weniger als einer Sekunde scannen. Dank Infrarot-Technik soll das sogar im Dunkeln funktionieren. Die Technik nennt Apple Face ID. 

Ein sprechender Kackhaufen: Das neue Frontkamera-System ermöglicht sogenannte Animojis.

Ein sprechender Kackhaufen: Das neue Frontkamera-System ermöglicht sogenannte Animojis.

Plötzlich ist man ein Einhorn. Und ein Kothaufen.

Wie gut das wirklich funktioniert, ist noch vollkommen offen. Im Hands-on-Raum durfte man sein Gesicht nicht einscannen, stattdessen konnte man sich die Technik von Mitarbeitern demonstrieren lassen, die bereits den Face-ID-Einrichtungsvorgang absolviert hatten. Das Entsperren des Telefons klappte in den meisten Fällen mühelos, solange man das iPhone direkt vor das Gesicht hielt. Lag es schräg unter einem auf dem Tisch, muss man nachjustieren und das Telefon entweder hochheben oder sich darüber beugen. Wie zuverlässig die Technik im Alltag funktioniert, lässt sich daraus noch nicht ableiten. Bis zum Release im November kann Apple noch eine Menge unter der Haube nachbessern.

Doch Apple hält offenbar große Stücke auf Face ID. Denn die Technik dient nicht nur zum Entsperren des Telefons, man kann damit auch via Apple Pay Zahlungen autorisieren. Eine weitere Funktion sind die sogenannten Animojis: Postet man in einem Chat etwa das Einhorn-Emoji, kann der Nutzer seinen Gesichtsausdruck auf das Fabelwesen übertragen. Ein witziges Feature, an dem man sich aber vermutlich nach ein paar Tagen satt gesehen hat.

Die Technik hinter Face ID ist die vielversprechendste Neuerung des iPhone X, mit der Apple weit über das hinausgeht, was die Konkurrenz derzeit bietet. Beim Galaxy Note 8 kann man mit dem Retina-Scanner lediglich das Telefon entsperren, und selbst das funktioniert nicht immer. Dennoch muss Apples 3D-Gesichts-Scan erst noch in unabhängigen Tests beweisen, dass er mindestens genauso zuverlässig arbeitet wie Touch ID - bei gleichem Komfort. 

iPhone X mit Wireless Charging

Bislang ging es nur um die Vorderseite des Telefons. Auf der Rückseite gibt es jedoch auch einige Neuerungen. Da ist zunächst die offensichtlichste Änderung: Nimmt man das  in die Hand, spürt man nicht mehr das seit Jahren verwendete Aluminium, sondern Glas, das von einem abgerundeten Edelstahlrahmen eingefasst ist. Es wirkt wie eine modernere Variante des iPhone 4. 

Das iPhone X auf einem herkömmlichen Qi-Charger.

Das iPhone X auf einem herkömmlichen Qi-Charger.

Die Glas-Rückseite ermöglicht den Einsatz von Wireless Charging, also kabellosem Aufladen. Um den Akku vollzutanken, muss man nicht mehr die Lightning-Strippe ins Telefon stecken. Stattdessen genügt es, das iPhone auf eine spezielle Matte oder ein Dock zu legen. Das ist im Lieferumfang nicht enthalten, im Elektrofachhandel bekommt man aber schon Dutzende Modelle für wenige Euro. Sogar Ikea hat Möbel mit eingebautem Wireless Charging im Sortiment. Auch dieses Feature kennt man bereits von Android-Smartphones, trotzdem ist es eine willkommene Neuerung.

Doppelkamera und viel Rechenpower

Für viele Nutzer ist die Kamera das wichtigste Feature. Beim Vorjahresmodell war die Doppelknipse auf der Rückseite horizontal angeordnet, nun hängen die zwei Linsen untereinander. Das sieht ungewohnt aus, zumal Apple sonst viel Wert auf Symmetrie legt. Mit der neuen Kamera sind natürlich noch bessere Bilder möglich als beim Vorgänger, versprach Apples Marketingchef Phil Schiller im Rahmen der Keynote. Der Porträtmodus bekommt nun etwa weitere Modi, mit der man die Belichtung im Nachhinein verändern kann. Die Funktion gibt es exklusiv für das iPhone 8 Plus und X, ein Software-Update für das 7 Plus ist nicht möglich.

iPhone X Apple

Das iPhone X gibt es in Space Grau und hellem Silbergrau.

Für genügend Rechenpower sorgt der A11-Bionic-Chip. Der hat sechs Kerne: Zwei sind auf Höchstleistung getrimmt, vier auf Effizienz ausgelegt. Jeder Kern kann einzeln angesteuert werden, besonders rechenintensive Anwendungen können aber auch alle sechs gleichzeitig nutzen. Die hohe Flexibilität kommt der Akkulaufzeit zugute. Riesensprünge darf man nicht erwarten, aber im Schnitt sollen zwei Stunden mehr drin sein als beim iPhone 7.

Als Betriebssystem ist iOS 11 vorinstalliert. Die Software steht am 19. September für alle Nutzer zum Download bereit. Die wichtigsten Features - ein erweitertes Kontrollcenter, die Datei-App, Augmented Reality und neue Modi für Live-Fotos - stehen auch für andere iPhone-Modelle bereit. Die wichtigsten Features zeigen wir in diesem Video.

Fazit: Apple traut sich wieder etwas

Der erste Eindruck ist vielversprechend: Das iPhone X hat sich in jederlei Hinsicht von den Vorgängern weiterentwickelt, sowohl was die Optik als auch die technische Ausstattung betrifft. Zugleich hebt es sich mit durchdachten Features von der Konkurrenz ab, auch wenn man einige Funktionen so oder ähnlich schon bei anderen Modellen gesehen hat.

Das Prunkstück ist der neue Bildschirm. Das kabellose Laden bringt mehr Komfort, die Kamera soll bei schlechten Lichtbedingungen bessere Bilder machen. Spannend ist die Entschlüsselung mit Hilfe des biometrischen Gesichts-Scanners (Face ID): Funktioniert die Technik wie von Apple versprochen, wäre das ein Durchbruch. Man habe sichergestellt, dass sich das System nicht von einem einfachen Foto aushebeln lasse, erklärte Schiller. Die Fehlerquote liege bei 1 zu 1.000.000 bei echten menschlichen Gesichtern. Hacker auf der ganzen Welt werden trotzdem oder gerade deswegen versuchen, die Technik auszutricksen - spätestens ein paar Wochen nach Release wird sich zeigen, ob sie erfolgreich sind.

iPhone X in zwei Farben 

Das iPhone X kommt am 03. November, erhältlich ist es in zwei Farben: Silber und Schwarz. Los geht es bei 1149 Euro für das Modell mit 64 Gigabyte. Die Variante mit 256 Gigabyte kostet sogar 1319 Euro. Wie viele Menschen bereit sind, diese Preise zu zahlen, wird sich zeigen. In den sozialen Netzwerken ist der Unmut jedenfalls groß. Doch die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass Preiserhöhungen viele Apple-Kunden nicht abschrecken.

Wer nicht mehr als 1000 Euro für sein Telefon zahlen will und trotzdem im Apple-Universum bleiben will, kann zum günstigeren und früher verfügbaren iPhone 8 und iPhone 8 Plus greifen. Beide Modelle sehen im Grunde aus wie ihre Vorgänger, sieht man einmal von dem neuen Gold-Farbton und der Glasrückseite ab. Sie beherrschen ebenfalls Wireless Charging, haben den schnelleren Prozessor, unterstützen Augmented Reality und haben eine verbesserte Kamera. Nur der Rand um das Display ist noch da - samt Home-Button.

Direkt aus Cupertino: Der Apple-Abend in Bildern: So schick sind iPhone X und Co.
iPhone X Apple

Das 5,8 Zoll große Display nimmt fast die gesamte Vorderseite des iPhone X ein.