Videotelefonie? Neuer Trend? Ja, iPads, iPhones und Notebooks machen populär, was lange nicht den Durchbruch schaffte. Wir werden das Telefonieren ganz neu lernen müssen. Von Ralf Sander

Darauf haben viele Apple-Fans gewartet: Videochat auf dem iPad© Apple
Ein Vorteil von Telefongesprächen: Es ist egal, wie man aussieht. Schlimme Haare, schmutziges Hemd, Füße auf dem Tisch - Mutti oder der Chef am anderen Ende der Leitung sehen nichts davon. Diese Zeiten nähern sich ihrem Ende. Videotelefonie ist auf dem Weg, ein Massenphänomen zu werden. Die Technik ist bereit. Und wir Menschen wollen es. Auch wenn wir uns in Zukunft vor dem Telefonieren noch einmal die Haare kämmen müssen. Oder uns allen egal ist, wie wir aussehen.
Videotelefonie an sich ist nicht neu. Schon 1997 bot die Deutsche Telekom ein Bildtelefon an, das aber ein Randphänomen bleiben sollte. Und auch in den USA setzten sich wenige Jahre später die hochwertigen, aber auch sehr teuren Telepresence-Systeme von Cisco oder Polycom nicht durch. Die Demokratisierung des Videochats kam erst Ende 2005, als Skype seiner kostenlosen Internettelefonie bewegte Bilder verpasste. Fünf Jahre später entfallen laut Unternehmensangaben mehr als 40 Prozent der Gesprächsminuten auf Videotelefonie. Skype wird jeden Monat von durchschnittlich 145 Millionen Menschen genutzt, im Februar 2011 wurde ein Rekord aufgestellt: 29 Millionen Menschen telefonierten gleichzeitig.

Skype überall: In einem Münchner Krankenhaus gibt es Videotelefone auf der Geburtsstation© Marc Müller/DPA
Waren es bisher Desktop-Rechner mit angeschlossener Webcam sowie vor allem Notebooks, die zum Skypen benutzt wurden, gewinnt nun eine neue Geräteklasse für die Videotelefonie an Bedeutung: Smartphones und Tablet-PCs, die mit zwei Kameras ausgerüstet sind, von denen eine in Richtung des Nutzers blickt. Bei Laptops und einigen Smartphones ist eine solche Ausstattung längst Standard.
Wie praktisch es ist, mit einem kleinen, leichten Bildschirm zu videochatten, ist vielen erst durch Apple bewusst geworden. Dem iPhone 4 spendierte das Apfel-Imperium im vergangenen Jahr nicht nur die zweite Kamera, sondern auch die Videochatsoftware Facetime. Und kaum eine Neuerung des kürzlich vorgestellten iPad 2 wurde so bejubelt: Endlich Facetime auch auf dem Tablet! Damit ist Videotelefonie zum De-facto-Standard für alle kommenden Tablet-PCs und hochklassigen Smartphones geworden.
Durch Facetime wird hip, was durch Skype normal geworden ist. "Wir müssen Skype danken für die Aufmerksamkeit, die es dem Thema Videotelefonie verschafft hat", sagt Bryan Brown. Er ist PR-Manager von ooVoo - einem direkten Konkurrenten von Skype, der mit "besserer Qualität und Performance" sowie Zusatzfeatures punkten will. Im Mobilbereich mischen außerdem noch Firmen wie Qik und Fring mit. Sogar ein Riese wie Polycom setzt auf mobile Geräte - und bindet zukünftig auch 7-Zoll-Tablets wie Samsungs Galaxy Tab in seine HD-Videkonferenz-Systeme ein. Das soll - mit angepasster Bildqualität - auch über aktuelle Mobilfunknetze funktionieren. Außendienstler würde es freuen.
Dienste, die große Datenmengen übers Handynetz übertragen, finden die Mobilfunkbetreiber allerdings nicht so gut. Weil sie im Zeitalter von Datenflatrates nicht in dem Umfang mitverdienen, wie sie es gerne tun würden. Deswegen werden Voice-over-IP-Dienste wie Skype seit Jahren von den Mobilfunkern konsequent gesperrt oder sind - wie bei T-Mobile - nur gegen eine Zusatzgebühr möglich. Deswegen ist Videotelefonie zurzeit vor allem über Wlan oder Netzwerkkabel üblich. Der neue Mobilfunkstandard LTE mit seinen riesigen Übertragungsraten wird der Videotelefonie allerdings auch unterwegs auf die Beine helfen. Nicht nur, weil die Netzbetreiber hier Geld verdienen können, sondern auch, weil ihre Kunden es erwarten werden. Denn besonders die Jungen gewöhnen sich längst an das Plaudern vor der Kamera.