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Warum haben Lehrer so einen schlechten Ruf?

Sie sind faul, jammern nur rum und wissen alles besser: Über niemanden wird lieber gelästert als über Lehrer. Aber warum ist das so?

Der schlechte Ruf der Lehrer hat viel mit schlechten Erinnerungen zu tun

Der schlechte Ruf der Lehrer hat viel mit schlechten Erinnerungen zu tun

Jeder kann fiese Geschichten aus seiner Schulzeit erzählen - von dem Mathelehrer, der die schwachen Kinder gerne vor allen bloß gestellt hat. Oder von der Geschichtslehrerin, die nach der Pause immer verdächtig gute Laune hatte und nach Likör roch. Jeder hält sich für einen Experten, wenn es um Lehrer oder Schule geht - schließlich ist man selbst jahrelang Schüler gewesen.

Vorurteile gegenüber Lehrern werden von schlechten Erinnerungen gespeist. In einer internationalen Studie der Varkey GEMS Stiftung zum Ansehen von Lehrern landete Deutschland im letzten Drittel - nur Lehrer aus Israel, Brasilien, Tschechien, Italien und Japan schnitten noch schlechter ab. Laut der Stiftung geht der Großteil der Befragten davon aus, dass Kinder keinen Respekt mehr vor ihren Lehrern haben - warum auch, wenn sie mitbekommen, wie die Erwachsenen über ihre eigenen sprechen. Und nur die wenigsten Eltern würden ihren Kindern raten, später selbst auf Lehramt zu studieren.

Professor Udo Rauin hat täglich mit denen zu tun, die es trotzdem wagen und Lehrer werden wollen. Er leitet die Akademie für Lehrerbildung an der Universität Frankfurt. In einer Langzeitstudie untersuchte er vor einigen Jahren die Motivation von angehenden Lehrern. Sein Fazit viel vernichtend aus: Nur 35 Prozent der Befragten waren sehr engagiert, für ein Viertel war der Beruf eine reine Notlösung. Besonders diejenigen, für die das Unterrichten nie eine Herzensangelegenheit war, haben später mit Burnout und Überforderung zu kämpfen.

Auf den Lehrer kommt es an

Denn der Lehrerberuf ist entgegen aller Vorurteile ein sehr fordernder Job. 30 Kinder zu unterrichten und ihre Begeisterung für den Lernstoff zu wecken, ist eine schwere Aufgabe, der nicht jeder gewachsen ist. Die Lehrer sind es, die über das Wohl einer Klasse entscheiden, das belegen Studien wie die des Schulforschers John Hattie immer wieder. Sie entscheiden, ob eine Klasse Erfolg hat, nicht die Schulform oder die Rahmenbedingungen.

Doch in Deutschland werden nur die Schüler getestet und nicht die Lehrer. Der Großteil des Lehrpersonals ist verbeamtet und hat einen sicheren Job bis ans Lebensende. Bezahlt wird nicht nach Leistung, ihr Gehalt steigt automatisch - wenn sie heiraten oder Kinder kriegen gibt es einen Bonus. Das alles führt nicht dazu, dass das Ansehen der Lehrer steigt. Im Gegenteil.

In Finnland dürfen nur die besten Studenten später vor einer Klasse stehen, jedes Jahr bewerben sich bei weitem mehr Kandidaten für ein Lehramtsstudium als benötigt werden. Lehrer haben dort einen hervorragenden Ruf - das lockt Bewerber an.

In Deutschland müssen Lehrer damit leben, als faul verurteilt und für falsche Entscheidungen verklagt zu werden. Was für ein Anreiz! Wenn die Arbeit realistisch betrachtet und nicht aufgrund der scheinbar wenigen Wochenstunden und vielen Ferientage beneidet würde, wäre das Lehrerimage wohl ein anderes. Dann würde auch gesehen, dass Lehrer heute nicht nur Erzieher, sondern oft auch Sozialarbeiter, manchmal sogar Vater- oder Mutterersatz sind.

vim

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