
"Er hat die Behandlung für Alkoholismus entdeckt", sagte Nobelpreisträger Jean Dausset über Olivier Ameisen© O. Ameisen
Ein Grund: So eine Studie kostet mehrere hunderttausend Euro - und kein Pharmakonzern hat Interesse daran, sie zu finanzieren. Baclofen ist ein altes Medikament, das Patent also längst abgelaufen, so dass es als günstiges Generikum hergestellt werden darf. Für die Pharmakonzerne rentiert es sich mehr, neue Wirkstoffe zu entwickeln und zu testen, um dann in den ersten Jahren, in denen der Patentschutz gilt, ordentlich zu verdienen.
Ein weiterer: Einige Suchtmediziner sehen Ameisens Bericht mit Skepsis, kratzt er doch an der heute etablierten Vorstellung, wie Abhängigkeit zu behandeln ist. "Sucht ist keine einfache Erkrankung", sagt etwa Falk Kiefer vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Baclofen beeinflusst ein Botenstoff-System im Gehirn; es wirkt auf die sogenannten Gaba-b-Rezeptoren. "Bei der Sucht sind viele Botenstoff-Systeme eingebunden, nicht nur Gaba-b", sagt Kiefer. Er könne sich vorstellen, dass das Mittel einigen Patienten helfen kann, ist aber unsicher, ob es effektiver wirke als die Medikamente, die bereits auf dem Markt sind, um das Craving zu reduzieren. Deren Quoten fallen eher bescheiden aus. Zur Wirkung von Acamprosat und Naltrexon sagt Kiefer: "Werden sechs bis sieben Alkoholiker damit behandelt, schafft es einer mehr, abstinent zu bleiben." Er sei erstaunt, auf welcher schmalen Datenbasis Ameisen viel Publicity mache.
Ameisen ärgern solche Vorwürfe. "Dass Suchtmediziner seit 2004 keine Baclofen-Studien angestoßen haben, zeigt nicht den Mangel an Beweisen, sondern den Mangel an Wissenschaft", sagt er. In "Das Ende meiner Sucht" präsentiert er nicht länger nur Forschern, sondern auch der Öffentlichkeit seine Lösung: Geh zum Arzt, hol' dir Baclofen! Für jeden Süchtigen, der aus eigenem Antrieb nicht mehr trinken will, ist das Mittel seiner Beschreibung zufolge geeignet. Rein rechtlich dürfen Ärzte auch in Deutschland Kranken Medikamente verordnen, obwohl diese nicht für ihr Leiden zugelassen sind, dieser "Off-Label-Use" kommt sogar häufig vor. In Frankreich beklagen sich Ärzte bereits, dass sie von Patienten genötigt werden, ein Medikament zu verschreiben, obwohl harte Fakten zu dessen Wirksamkeit fehlen. Und so kommt nun auch die Forschung nach: In Großbritannien und den USA bereiten Forscher Studien mit hoch dosiertem Baclofen vor.