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Das dubiose Geschäft der Wunderheiler

Was raten Alternativmediziner Krebs-Patienten, deren Krankheit durch eine einfache Operation heilbar wäre? Der stern hat dazu im vergangenen Jahr recherchiert - mit erschütterndem Ergebnis.

  Autor Bernhard Albrecht und Schauspielerin Katja, die vorgibt, Brustkrebs zu haben, warten auf eine Beratung.

Autor Bernhard Albrecht und Schauspielerin Katja, die vorgibt, Brustkrebs zu haben, warten auf eine Beratung.

Der Montagabend in der ARD stand ganz im Zeichen dubioser Heilmethoden: Den Anfang machte Ex-Abendtalker Reinhold Beckmann mit seiner neuen Reportagesendung "Beckmann", für die der 59 Jahre alte Journalist im Milieu der Wunderheiler und Scharlatane recherchiert hatte. Thematisch knüpfte Frank Plasberg an, der Titel seiner "Hart aber fair"- Ausgabe: "Von Impfgegnern bis Wunderheilern - alles nur Aberglaube?" Zu Gast war auch stern-Redakteur Bernhard Albrecht. Er hatte im vergangenen Jahr mit einer Schauspielerin Heilpraktiker und alternativmedizinische Ärzte aufgesucht - und über seine bestürzenden Erfahrungen berichtet.

Die "Gabe" hat die Geistheilerin vom Vater geerbt. Mit dieser Gabe will sie uns helfen, eine Wahl zu treffen, die über Leben und Tod entscheiden kann: ja oder nein zu einer Brustkrebsoperation. 1000 Kilometer sind wir aus Hamburg in das Schweizer 3000 Seelen-Dorf gereist, um uns Rat zu holen. Die Praxis im ersten Stock eines 60er-Jahre-Hauses wirkt nüchtern - grauer Teppichboden, schwarze Lederstühle im Wartezimmer, Diplome an den Wänden.

Am Telefon hat sie uns zuvor erklärt, wie sie zu ihren Diagnosen kommt: "Ich halte meine Hände auf die Brust und nehme die Energie des Tumors auf. Dann spüre ich seine Aktivität, also, ob er sich langsam oder rasant verbreitet!' Heute muss sie eine Herausforderung meistern: Schauspielerin Katja, in diesem Experiment "meine Frau", hat nicht wirklich Brustkrebs. Ihre Befunde stammen von einer anderen Patientin, Ergebnisse einer Mammografie und einer feingeweblichen Untersuchung. Die Schweizerin ist die letzte Testkandidatin auf unserer Liste. Vor ihr waren wir bei 19 anderen Alternativmedizinern, wir sind am Ende einer dreiwöchigen Reise durch die Welt der Wunderheiler angelangt. Zehn Heilpraktiker und zehn alternativmedizinisch tätige Ärzte konsultierten wir.

"Ich werde mir Feinde machen"

Geplant hatte ich die Auswahl der Therapeuten mit zwei Wissenschaftlern - Lehrbuchautoren und Kennern der Alternativheilszene: Jutta Hübner von der Deutschen Krebsgesellschaft und Karsten Münstedt, Onkologe vom Universitätsklinikum Gießen. Alle unsere Heiler behaupten, auf Krebs spezialisiert zu sein. Gefunden haben wir sie dank Google, mit einfachen Schlagworten, wie sie einer verzweifelten Frau kurz nach der Diagnose einfallen könnten, etwa "Brustkrebs alternative Heilmethoden" oder "Krebs alternativ heilen". 17 deutsche Ärzte und Heilpraktiker kamen unter den Toptreffern zusammen, drei weitere sind Empfehlungen eines dieser Therapeuten - unter ihnen auch die Heilerin, die "absichtlich" keine Website hat.

Ich werde mir Feinde machen. Jeder vierte Deutsche glaubt an die Fähigkeiten von Wunder- und Geistheilern, gut 40 Prozent an Astrologie. Krebspatienten sind anfällig für unseriöse Heilsversprechen: Ein Indikator ist die Amazon-Bestsellerliste, Kategorie "Krebs". Unter den 20 Topsellern geht ein Großteil Verschwörungstheorien nach oder preist Krebsdiäten als Rettung.

Ich teile durchaus viele Vorwürfe gegen die klinische Wirklichkeit im Umgang mit Krebs. Ja, die Pharmaindustrie wirft immer neue fragwürdige und ungeheuerlich teure Chemotherapien auf den Markt. Ärzte zeigen oft wenig Verständnis für Patienten in Todesangst, und sie treffen auch falsche Entscheidungen. Aber: Die Onkologie hat in den vergangenen Jahrzehnten epochale Erfolge gegen einzelne Krebserkrankungen erzielt. Brustkrebs in frühen Stadien kann geheilt werden.

Die Frage "Operation - ja oder nein?" ist nach einer Krebsdiagnose meist die drängendste. Der verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs entschied sich dagegen, als er an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankte. Neun Monate lang ließ er sich alternativ behandeln - erfolglos. In seiner Biografie nennt Jobs das einen Fehler.

Es gibt keine Zahlen über Frauen, die sich jeder schulmedizinischen Therapie verweigern. Aber ich sprach mit Selbsthilfeorganisationen, vielen Gynäkologen und Onkologen. Alle kennen Patientinnen, die nach einer Heilerodyssee zur Chirurgie flohen, als ihre Brust schon eine schwärende Wunde war. "Jeden Monat haben wir eine", sagt Marion Kiechle, Chefärztin am Klinikum rechts der Isar in München. Was wird diesen Frauen hinter verschlossenen Türen versprochen? Zu jeder Verführten gehören auch Verführer.

Größenwahnsinnige Scharlatane

Vor zwei Jahren habe ich die Geschichte einer Verführten rekonstruiert. Für Moni, die vier Jahre im Dschungel der Alternativmedizin verbrachte, kam die OP zu spät, sie starb im Januar 2013. Hätte sie sich nach der Diagnose operieren lassen, wäre sie wahrscheinlich heute krebsfrei. Der Artikel damals war ihr Vermächtnis: "Seid nicht so leichtgläubig wie ich!" Jetzt will ich erfahren: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, auf der Suche nach sanften Heilmethoden größenwahnsinnige Scharlatane anzutreffen?

Unsere Rollen als Paar sind klar definiert. Schauspielerin Katja ist getrieben von einer wichtigen Frage: "Muss ich mich mit diesem Befund operieren lassen oder nicht?" Sie soll Unentschlossenheit ausstrahlen. So will ich unsere Gesprächspartner zu weichenstellenden Aussagen bringen. Von ihnen könnte abhängen, welchen Weg ein verzweifelter Patient einschlägt. Ich selbst verberge, dass ich Arzt bin, lasse mich von den Ratschlägen der Therapeuten lenken. Mitunter stelle ich dumme Fragen, höre scheinbar nicht richtig zu, frage mehrfach nach denn ich will sichergehen. In Gerichtsprozessen behaupten Quacksalber oft, falsch verstanden worden zu sein. Wir fragen immer das Gleiche: Können unsere Kandidaten die Befunde lesen? Wie stehen sie zu Schulmedizin und Operation? Welche Therapien schlagen sie vor, und was kosten sie?

Wer liest den Befund richtig?

Die Schweizer Geistheilerin nimmt sich lange Zeit fürs Lesen der Befunde. Eine ferne Kirchturmglocke unterbricht als einziges Geräusch die Stille. Fünf Minuten verstreichen. Die Aufgabe ist lösbar. Man muss einige Schlüsselbegriffe finden, die aber leicht zu entdecken sind - wenn man sich die Zeit nimmt, alle drei Seiten zu beachten: "G3", " fokale Invasion ... 4 mm", "Östrogenrezeptor: 80 %". Sie besagen, dass der Tumor sehr schnell wächst, aber noch sehr klein ist. Die Heilungsaussichten sind exzellent. Die Prognosen für unterschiedliche Brustkrebsformen beruhen auf dem weltweiten Erfahrungsschatz von Jahrzehnten.

Unser Befund bedeutet: Nach einer OP wäre eine Patientin mit 90 Prozent Wahrscheinlichkeit auch nach zehn Jahren krebsfrei. Ihre Chance würde auf mehr als 95 Prozent steigen, wenn sie die Möglichkeiten der Schulmedizin voll ausschöpfte. Dafür wäre nicht einmal die gefürchtete Chemotherapie nötig, sondern ein Medikament, das die weiblichen Geschlechtshormone blockiert, außerdem eine einmalige Bestrahlung des Brustgewebes während der Operation - ein Verfahren, das im Vergleich zur älteren, großflächigen Strahlentherapie weniger Nebenwirkungen hat.

Was wird uns die Heilerin raten? Muss sie das alles wissen? Niemand verlangt von Heilern oder Allgemeinärzten, über Brustkrebs so detailliert Auskunft geben zu können. Aber wer für sich in Anspruch nimmt, für oder gegen eine Operation zu raten, muss den Befund sorgfältig lesen und verstehen.

Ärzte fällten häufiger Fehlurteile als Heilpraktiker

Unsere Gesprächspartner haben sich diese Verantwortung selbst aufgebürdet. Nur ein Heilpraktiker hat zugegeben, dies übersteige seine Fähigkeiten. "Ich kann Sie nur beraten, was man sonst alles tun kann." Fünf der zwanzig Therapeuten drückten sich trotz Nachfrage oder wollten keine Befunde sehen.

Erschreckend: Die Ärzte fällten häufiger Fehlurteile als die Heilpraktiker. Fünf der zehn beurteilten den Krebs harmloser, als er war. Manche lasen wahrscheinlich schlicht nicht zu Ende und fanden nicht alle Schlüsselbegriffe, andere verstanden Grundwörter der Krebsmedizin wie "G3" nicht, sondern werteten es als "günstiges Zeichen" - G3 steht für Zelleigenschaften und bedeutet, dass der Krebs aggressiv ist und schnell wächst. Besser schlugen sich die Heilpraktiker: Nur einer der sechs, die eine Bewertung wagten, lag so grob daneben. Die anderen fünf übersetzten zwar teilweise Fachbegriffe falsch, zogen aber die richtige Schlussfolgerung: Dieser Tumor ist gefährlich.

Fatal ist das deshalb, weil die meisten Patienten zunächst neben Heilpraktikern auch Fachärzte konsultieren werden, sodass das Fehlurteil eines Heilpraktikers weniger gravierende Konsequenzen hätte. Die sechs Ärzte aber, die im Test versagten, boten ein Rundum-sorglos-Paket: Ich kann Ihren Krebs mit den Augen der Schulmedizin sehen und plane danach meine alternativen Heilmethoden.

Dazu passt das Resümee der Brustkrebspatientin Moni nach vier Jahren Odyssee: "Zweimal stand ich kurz vor dem Tode, und beide Male habe ich Ärzten zu sehr vertraut!" Der erste übersah eine lebensbedrohliche Blutarmut. Eines Tages zeigte sie ihm ihre Brust, die er zuvor nie hatte sehen wollen. Sie öffnete den Büstenhalter, nahm den Verband ab. Das Blut schoss ihm im Strahl entgegen. Als sie sein Entsetzen sah, floh sie. Der zweite Arzt bemerkte nicht, dass die Metastasen im Rippenfell literweise Flüssigkeit abgesondert hatten, die ihre Lunge einzwängten. Sie bekomme keine Luft mehr, klagte sie - er aber verschrieb weiterhin Kräuter, Salben und Kaffeeeinläufe.

Die Schweizer Geistheilerin blickt nach fünf Minuten von den Papieren auf und hebt an zu einem eindringlichen Monolog. Auf eine detaillierte Analyse des Befunds folgt der dringende Rat: "Lassen Sie sich operieren! Ich will Sie nicht jung sterben sehen! Ihre Kinder brauchen Sie noch!" Sie berichtet von anderen Patientinnen, die diese Chance verpasst hätten. "Mit der Operation alleine haben Sie schon 80 bis 90 Prozent Chance - ohne Risiko."Sie kommt auf die Familienvorgeschichte zu sprechen. Katja hatte von der Mutter und Tante erzählt, die beide an Brustkrebs erkrankt seien. Die Heilerin rät zum Gentest und erklärt: Hochrisikogene bedeuteten, sie müsse eine beidseitige Brustentfernung erwägen.

Wer rät: ab ins Krankenhaus?

Verkehrte Welt! So vehement wie diese Heilerin haben nur wenige Alternativmediziner für die Schulmedizin plädiert. Das erschütternde Resultat: Zwölf der zwanzig Testkandidaten, Ärzte und Heilpraktiker gemischt, hielten eine Operation für verzichtbar. Wobei sich diese Gruppe in zwei Lager spaltet: Sechs Hardliner hielten ihre Methoden für besser oder gar für unvereinbar mit der Schulmedizin. Weitere sechs formulierten ihre Meinung so blumig wie diese niedergelassene Ärztin: "Das sind zwei Philosophien. Beides ist möglich. Beide Wege wurden schon beschritten, und zwar erfolgreich!" Katja fragte: "Also haben Sie auch Frauen behandelt, die sich nicht operieren haben lassen?" Die Ärztin, vehement: "Jeden Tag. Wir haben die Hütte voll davon." Katja: "Und dann ist der Brustkrebs weg, der Körper bekämpft ihn selber?" Die Ärztin: "Das ist das Ziel!"

Der Chefarzt einer Klinik für Naturheilkunde, der uns über eine Telefonhotline für 1,98 Euro pro Minute beriet, wurde deutlicher: "Ja natürlich, sogar ganz viele haben wir behandelt!" Was mit dem Krebs denn passiere, wenn er nicht operiert werde, wollte Katja wissen. "Dann macht's der Körper selber. Der hat ja ständig Selbstheilungskräfte in Aktion."

Spontanheilungen sind extrem selten

Tatsächlich verfügt der Körper über Selbstheilungskräfte, die Tumoren verschwinden lassen können - manchmal sogar ohne Therapie. Doch dieses von der Wissenschaft kaum erforschte Phänomen tritt selten auf: "Bei den meisten Krebsarten kommen Spontanheilungen in weniger als einem von 100 000 Fällen vor", sagt der Krebsarzt Herbert Kappauf, der sich früher am Klinikum Nürnberg über zwei Jahrzehnte damit beschäftigt hat. 35 Fälle von Tumorrückbildungen hat er studiert: "Bisherige Untersuchungen sprechen nicht dafür, dass Patient oder Arzt Spontanheilungen erzwingen können."

Viele Alternativmediziner erzählten uns von Krebspatienten im Endstadium, die sie geheilt hätten. Ein solcher Fall ist Ralf Brosius, der glaubt, sein Leben den Wildkräutersäften seines Arztes John Switzer zu verdanken. Der frühere Krebspatient lebt von seinem Heilungsmythos, verkauft Gemüsemixer, hält Vorträge und tingelt durch Talkshows. Eine Journalistin forschte für uns nach - Brosius befand sich nicht, wie er behauptet, im Endstadium, sondern in einem deutlich früheren Stadium seiner Krebserkrankung. Geheilt wurde er - darin sind sich zwei Fachärzte und Spezialisten für diese Krebsform einig - nicht durch Switzers Kräuter, sondern die Operation. Brosius reagierte lapidar auf diese Einschätzung: "Wer bin ich, einem Fachmann zu widersprechen? Ein Arzt muss es besser wissen als ich."

Die Frage der Legalität ihrer Empfehlungen trieb offenbar einige Ärzte und Heilpraktiker um. Öfter hörten wir Sätze wie: "Von Berufs wegen müsste ich Ihnen zu Operation, Chemo- und Strahlentherapie raten, aber wenn Sie mich als Mensch fragen ..." Einige sprachen von einem Aufklärungsbogen, den wir vor Behandlungsbeginn unterschreiben sollten, damit sie später nicht rechtlich belangt werden könnten.

Wie so ein juristisch ausgeklügeltes Schreiben aussehen kann und was passiert, wenn man es nicht unterschreiben will, erlebten wir in einem Zentrum bei Stuttgart. Der Mann, der uns durchs Haus führte, lehrte uns, hier gebe es keine "Patienten", nur "Gäste". Alle durchliefen das gleiche Programm, das auf einer Krebsdiät, verschiedenen Maßnahmen zur "Entgiftung" sowie "Energiearbeit" beruhe. Fünf Wochen kosteten 10 283 Euro. Als wir die "medizinische Leiterin", eine Heilpraktikerin, baten, sich unseren Befund anzusehen, sagte sie: "Das Hauptproblem ist, ich mache mich strafbar. Ohne Unterschrift kann ich nicht beraten. Wir sind so dermaßen alternativ in unserer Denkweise, wir stehen immer mit einem Bein im Gefängnis." Unterschreiben sollten wir ein Formular, das sie - im Klartext - von ihren beruflichen Pflichten entbinden würde. Dort ist der Satz zu lesen: "Krebs ist heilbar." Ein Absatz weiter unten dann dies: "Mit Ihrer Unterschrift bestätigen Sie, dass ich Sie darüber aufgeklärt habe, dass ich keine Behandlungen durchführe oder Diagnosen erstelle und dass das Ziel meiner Beratung ist, Ihnen Informationen über ganzheitliche Krebstherapien zukommen zu lassen. Jede weitere Intervention besprechen Sie bitte mit Ihrem behandelnden Arzt, Heilpraktiker, Psychologen oder sonstigem Therapeuten."

Katja empörte sich, die Heilpraktikerin konterte: "Ich spüre zu viel Unsicherheit bei Ihnen. Die meisten Gäste hier haben keinen Pipifax-Tumor, sondern Hammerdiagnosen. Und die wissen, was sie wollen ..." Bald wurden die Stimmen beider schrill, die Heilpraktikerin bekam rote Flecken am Hals: "Ich kann Ihnen nur sagen... ich habe erst neulich zwei Brustkrebsleute durchgebracht, die sind wieder krebsfrei, aber die sind mit mir diesen Weg gegangen." Ich fragte nach: "Also ohne Operation krebsfrei?" Sie: "Natürlich!"

Einer der beiden Gründer des Zentrums, laut eigener Website Mentaltrainer, eilte hinzu, versuchte zu schlichten. Ein Mann um die 50, Geheimratsecken und graue Schläfen, sonore Stimme, jovialer Ton. Die Heilpraktikerin suchte das Weite, er aber sagte: "Für uns ist nicht relevant, ob Sie Tumor A oder B haben. Sie müssen sich hier wohl fühlen und sollten nicht erwarten, dass wir den Tumor in zwei Tagen zerstören. Dafür müssen Sie unser Programm im Anschluss neun Monate zu Hause weiterführen. So können Sie Krebs ,lösen' - und nicht einfach nur Tumoren zerstören."

"Sie haben den Tumor geärgert"

Die Praxis des radikalen Chirurgieskeptikers John Switzer am Starnberger See in Bayern hat nichts mit dem gemein, was man sich unter einer Arztpraxis vorstellt. Die Sprechstundenhilfe, ganz in Rot und mit Goldketten behängt, saß in einem Kabäuschen, das mit Postern zugeklebt war: "Wildkräuter-Kalender", "Quantec-Medizin aus der Zukunft". Der Arzt musterte Katja: "Sie haben den Tumor geärgert, indem Sie eine Probe daraus haben entnehmen lassen", sagte er. "Wenn Sie meine Schwester wären, hätte ich Ihnen das nicht geraten." So steige das Risiko, dass der Krebs im Körper streue. Deshalb sei auch die Operation so gefährlich.

Diese Streitfrage ist so alt wie die Medizin selbst. Der griechische Arzt Hippokrates empfahl 400 vor Christus, Tumoren in Ruhe zu lassen, Operationen würden den Verlauf nur beschleunigen. 500 Jahre später berichtete der römische Arzt Galen, Schöpfer des Wortes "Krebs", über die erste erfolgreiche Krebsoperation der Geschichte. Es folgten 1800 Jahre Streit. Im Jahr 1882 entfernte der US-Arzt William Halsted erstmals einer Brustkrebspatientin die komplette Brust. Der Siegeszug der Chirurgie begann.

Doch die Skeptiker verstummten nicht. Bis ins 20. Jahrhundert wurden Patienten in Studien dem "natürlichen Verlauf" der Tumorerkrankung überlassen. Nach fünf Jahren lebten noch wenige Prozent oder niemand. Die Chirurgen verfeinerten ihre Methoden, heute wird überwiegend brusterhaltend operiert. Immer neue Studien untermauerten höhere Überlebensraten vor allem nach Operationen in frühen Stadien - doch der größere Teil unserer getesteten Alternativmediziner hält diese weiterhin für so gefährlich wie einst Hippokrates.

Der Starnberger Arzt überreichte uns dazu einen Artikel aus einem Esoterikmagazin. Darin bestätigten "namhafte Krebsforscher" diese Gefahren, sagte er. Ich ging den Quellen des Artikels nach und gelangte zum Epidemiologen Michael Retsky an der US-amerikanischen Universität Harvard, der mit einem internationalen, hochrangigen Team von Fachleuten seit vielen Jahren die verborgenen Gefahren von Operationen bei Krebs erforscht. Seine Hypothese: Unter bestimmten Umständen kann die Krebsoperation "schlafende Tochtergeschwülste"im Körper früher erwecken - und so bei manchen Patienten die Lebenserwartung verkürzen. Dabei spielten Entzündungsstoffe eine Rolle, die der Körper in Reaktion auf die OP-Wunde freisetzte. Die Wissenschaftler lehnen trotzdem Operationen keineswegs ab. Ihr Lösungsvorschlag ist verblüffend einfach und passt nicht zu den Verschwörungstheorien vieler Alternativmediziner: Patentfreie Medikamente, die dem Aspirin verwandt sind, unterdrücken offenbar die unerwünschte Entzündung.

Unser Starnberger Arzt riet mit Hinweis auf diese Studie Katja vom Eingriff ab. Ich wollte es genau wissen und schickte den Studienautoren die Angaben über unseren Tumor. Ihre Antwort könnte eindeutiger nicht ausfallen. Diese Patientin müsse sich umgehend operieren lassen, so Co-Autor Romano Demicheli. Und: "Solche Scharlatane müssten strafrechtlich verfolgt werden."

Es ist das typische Muster, das mir im Laufe meiner Recherchen häufig begegnete. Die Schulmedizin stellt Thesen auf, entdeckt neue Therapien, verwirft sie wieder oder erforscht sie weiter. Alternativmediziner picken sich heraus, was ihnen passt, und ignorieren den Rest. Stattdessen bauen sie ein wolkiges Gebäude aus Verschwörungstheorien, wobei im Zentrum immer die Pharmaindustrie steht, ein dankbarer Gegner, der eine große Angriffsfläche bietet. So schaffen sie gefühlte Einigkeit mit ihren Patienten.

Die Therapien der Wunderheiler

Das zweieinhalbstündige Gespräch mit Dr. med. Richard Huthmacher war sicher eines unserer absurdesten Erlebnisse im Dschungel der Wunderheiler. Er empfing uns in der Lobby eines Viersternehotels. Ein Mann um die 60, dunkler Anzug, gepflegter Graubart, zwei dicke Ohrringe, einer schwarz, einer weiß. Später sprach er von "schwarzer und weißer Magie". Ein Zufall? Huthmacher offerierte eine weltrekordmäßig kurze Therapie gegen jede Art von Krebs, zwei Tage à 2500 Euro. Falls sie doch nicht wirke, könne man immer noch operieren. Das Konzept: eine Mischung aus Psychotherapie, Hypnose und "Rückführung in die Kindheit". Die Therapie wirke auf Ebene einzelner Atome in Krebszellen, erklärte er. Dort beeinflusse er mit seiner geistigen Energie den "Spin der Elektronen" - "Quantenheilung" eben. Klar, dass wir das nicht gleich verstünden, er habe 20 Jahre gebraucht.

Um es vorwegzunehmen: Die Methoden der anderen Therapeuten waren geerdeter. Wie wirksam sie sein könnten, wäre Stoff für ein Buch. Es gibt viele Behandlungsansätze, die ergänzend zur Schulmedizin einiges bewirken können, manche werden seit Jahrzehnten intensiv beforscht. Es gibt jedoch oft gute Gründe, warum sie sich noch nicht durchgesetzt haben.

Ein Beispiel: Vier Ärzte offerierten uns die "lokale Hyperthermie", ein Verfahren, bei dem Tumorzellen mittels Radiowellen auf Temperaturen zwischen 42 bis 44 Grad Celsius erhitzt und zerstört werden - so die Theorie. "Das Prinzip ist einleuchtend. Wenn es funktionieren würde, hätten wir eine sinnvolle Ergänzung oder sogar Alternative zur Chemo- und Strahlentherapie", sagt Peter Wust, Radiologe an der Charité, der die Hyperthermie seit 1988 erforscht. "Das Problem ist nur, dass die Wärme zum Körperinneren hin dramatisch abnimmt. Wir haben das nachgemessen. In den Tumoren erreichen wir nicht die gewünschte Zieltemperatur." Deshalb sei die lokale Hyperthermie bislang nur bei Tumoren Erfolg versprechend, die nahe an der Körperoberfläche liegen.

Die Alternativmediziner verschwiegen uns solche Forschungsergebnisse - sie ließen uns im Glauben, dass die Ärzte, bezahlt von der Pharmaindustrie, die Methode unterdrückten. Gleiches gilt für das weite Feld der "Immuntherapien". In der Theorie der Alternativmediziner klingt es so einfach: Der Krebs habe sich getarnt, um Angriffen der körpereigenen Abwehrzellen zu entgehen. Das Immunsystem erkenne seinen Feind nicht. Das ist alles richtig.

Während sich weltweit hochrangige Wissenschaftler ein spannendes Wettrennen um wirksame Immuntherapien gegen Krebs liefern, behaupteten die Alternativmediziner, die akademische Krebsforschung ignoriere die Zusammenhänge zwischen Krebs und Immunsystem. Sie preisen Nahrungsergänzungsmittel und Krebsdiäten zur Stimulation der Abwehr an. "Manche sind sinnvoll als Ergänzung zur Schulmedizin, bei anderen ist die Wirkung nicht erwiesen oder auch widerlegt", sagt Jutta Hübner von der Deutschen Krebsgesellschaft.

7800 Euro für Vitamin C

Mit bis zu 30 000 Euro im ersten Jahr schlugen die unterschiedlichen Behandlungskonzepte zu Buche. Wobei es sehr schwer war, unsere Gesprächspartner auf Zahlen festzulegen. Nur einer der Anbieter hatte einen Vertrag mit gesetzlichen Krankenkassen, zwei weitere sahen Aussichten, dass private Kassen die Kosten teilweise übernehmen würden. Wir bekamen wolkige Antworten. Als ich beispielsweise nach den Kosten der "Vitamin-C-Hochdosis-Therapie" fragte, nannte mir eine Ärztin zunächst 75 Euro als Preis für eine Infusion. Nach langem Hin und Her erfuhren wir schließlich, dass diese Behandlung nur über ein ganzes Jahr gegeben sinnvoll wäre: zwei Infusionen pro Woche, macht 7800 Euro allein für diesen Posten. Die meisten Alternativmediziner konnten nicht mal einen ungefähren Kostenrahmen nennen und gaben als Grund oft "weitere nötige Untersuchungen" an, die sich allein schon auf bis zu 1000 Euro summierten.

Geradezu ein Schnäppchen war die "Höner-Mehrschritt-Therapie-5" eines Tierheilpraktikers, der sich widerwillig auf ein Gespräch einließ, weil er wohl schon juristische Probleme hatte: "Ich darf keine Menschen beraten oder behandeln." Auf der Website alternativheilung.eu wird ein Mix aus verschiedenen Nahrungsergänzungsmitteln zur "Selbsttherapie" von Krebs empfohlen, dessen hohe Wirksamkeit Höner angeblich an seinem Hund entdeckt hat. Er hatte die Internetpräsenz früher selbst geführt, jetzt steht im Impressum der Name einer Frau, die alle Interessierten per Link direkt zu Höners Produktseite weiterleitet. Ein Anti-Krebs-Package lässt sich für rund 170 Euro erwerben. Damit käme man drei Monate über die Runden. Höner ließ sich im Telefonat dazu hinreißen, die "Erfolgschancen" genau zu beziffern - was die anderen Alternativmediziner tunlichst vermieden, weil dies ohne wissenschaftlichen Nachweis rechtlich problematisch ist: "Deutlich über 90 Prozent, wenn man noch keine Chemotherapie und noch keine Bestrahlung gemacht hat. Wenn man das schon gemacht hat, geht's deutlich runter..."

Die Schweizer Heilerin will mit Katja allein sein für die "energetische Arbeit" am Tumor. Die Sitzung dauert eine halbe Stunde, kein Ton dringt durch die Tür. Wird sie jetzt, nachdem sie die Befunde gesehen hat, einen bösartigen Tumor diagnostizieren, wo keiner ist? Später erzählt Katja, was sie erlebt hat. Die Heilerin habe beide Hände an verschiedenen Stellen - Brust, Achsel, Oberbauch - aufgelegt, immer eine vorn, eine am Rücken, und habe so minutenlang verharrt. Katja ließ sich fallen: "Es fühlte sich an, als ob Energie von vorne nach hinten durchflösse. Die Gedanken fliegen weg. Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn sich jemand so auf dich konzentriert. Ich bin eingeschlafen, Wachschlaf, im Sitzen abgedriftet, nur manchmal riss es mich wieder zurück in die Realität. Danach geht es einem besser, weil man sich auf sich besonnen hat. Das macht man so selten im Alltag."

Die Schweizer Heilerin hat unseren Test glänzend bestanden. Befund richtig interpretiert, Gefahr erkannt, zur Operation geschickt. Gleichzeitig aber gab sie ihr Bestes, um den Heilungsprozess zu unterstützen. Die Heilkraft der Meditation und vergleichbarer Verfahren ist heute Gegenstand der Forschung, und gerade das Immunsystem, das zunächst ein Krebsleiden nicht erkennt und später unter der Wirkung von Chemo- und Strahlentherapien leidet, scheint davon zu profitieren.

Der einzige Schönheitsfehler: Die Heilerin tappte in die Falle und spürte einen kleinen, sehr aggressiven Tumor - genau dort, wo er laut Befund zu vermuten war. Kein Mensch ist vor der Kraft der Suggestion gefeit.

Unser erschreckendes Rechercheergebnis erlaubt kein Pauschalurteil über sanfte Heilmethoden - es ist eine Stichprobe unter selbst ernannten Krebsspezialisten. Trotzdem legt es nahe: Die Alternativmedizin müsste stärker reglementiert werden. Gegner solcher Forderungen sagen, jeder habe das Recht, über seinen Körper selbst zu entscheiden. Doch diese Verantwortung dem Einzelnen zu überlassen und ihn ohne weitere Beratung in die Welt der Wunderheiler zu schicken, das überfordert jeden Medizinlaien. Das ist auch Katjas Fazit. "Das Krasseste ist, dass jeder so tut, als sei das, was er anbietet, das Beste. Und dann sagt: ,Es ist Ihre Entscheidung."' Wer als Krebspatient arglos in den Dschungel der Wunderheiler stolpert, spielt Lotterie. Gerät er an den Falschen, riskiert er den frühen Tod.

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