15. Dezember 2004, 10:02 Uhr

Schlechter Rat vom Online-Doc

Medizinseiten im Internet haben Konjunktur. Immer mehr Patienten informieren sich hier über Krankheiten. Aber Seriöse Beratung ist oft nur einen Mausklick von gefährlicher Quacksalberei entfernt, wie ein stern-Test zeigt. Von Beate Wagner

Per Mausklick zur Heilung: Was vielen Patienten als Alternative zum lästigen Arztbesuch erscheint, birgt die Gefahr von Fehldiagnosen und -behandlungen©

Die Stirn glüht, der Magen krampft - eigentlich gehört der geschwächte Körper ins Bett. Aber Hilfe gibt's beim Doktor, und das heißt: auf den Stuhl im überfüllten Wartezimmer.

In den USA ersparen sich heute schon Tausende Patienten das lange Warten: Sie sitzen stattdessen mit Tee, Wärmflasche und Laptop im Bett und mailen ihrem Arzt, welche Beschwerden sie quälen. Innerhalb weniger Stunden landen die medizinischen Tipps des Doktors im Postfach; das Rezept ist gleich angehängt. Vor zwei Jahren gingen die amerikanischen Onlinevisiten in einem Pilotprojekt an den Start. Seitdem werden sie bei Ärzten und Patienten immer beliebter.

In Deutschland gibt es die Möglichkeit derartiger Webvisiten noch nicht. Doch auch bei uns ist das Internet inzwischen die wichtigste Anlaufstation bei Fragen rund um die Gesundheit. Einer Studie der Universität Heidelberg zufolge suchen mittlerweile 6,5 Millionen Menschen mindestens einmal monatlich im Netz nach medizinischen Informationen. Und jeder vierte Onlinenutzer recherchiert vor oder nach dem herkömmlichen Arztbesuch eine zweite Mediziner-Meinung oder kontaktiert Leidensgenossen. Insgesamt wird die Zahl der Websites zum Thema Gesundheit auf über 100 000 geschätzt, davon mehrere hundert deutschsprachige Medizinportale.

Sie klären auf über Krankheiten, Diagnosen und Therapien, erläutern aktuelle Neuerungen in Gesundheitspolitik und Forschung und erklären gängige Untersuchungsverfahren. Dazu gibt es Medizinlexika, Selbsttests sowie Links und Adressen von Instituten und Selbsthilfegruppen. Suchmaschinen helfen, Ärzte, Kliniken oder Apotheken in der Heimatregion zu finden (siehe Übersicht Seite 144/145). Mehrere Portale verfügen außerdem über kostenlose Diskussionsforen, in denen sich Patienten miteinander austauschen. Einige wenige bieten auch betreute Foren an, in denen Ärzte verschiedener Fachrichtungen Fragen beantworten.

Wie brauchbar dieser kostenlose Expertenservice der einzelnen Anbieter wirklich ist, hat der stern getestet. Die Ergebnisse sind eher ernüchternd (siehe Kasten Seite 143). So hält der Cybermediziner Gunther Eysenbach, Experte für alles Ärztliche im Internet, sämtliche getesteten Portale für verbesserungswürdig. "Besonders mangelhaft ist die Tatsache, dass es nicht einen einzigen Link zu weiterführenden Informationen gab", kritisiert Eysenbach, der an den Universitäten Toronto und Heidelberg das Verhalten von Internetnutzern und die Qualität von Websites untersucht. Einige Fragen wurden gar nicht erst beantwortet. Manche Antworten waren verkürzt, fachlich nicht ausreichend oder missverständlich. In Einzelfällen waren die Tipps regelrecht gefährlich: Auf die Frage, ob hohe Fieberschübe immer ein Zeichen von Krankheit seien, lautete eine Antwort, es bestehe kein Grund zur Sorge. Gelegentliches Fieber lasse auf ein gut funktionierendes Immunsystem schließen. "Eine Katastrophe", so Eysenbach.

Für die Onlineärzte hat es kein Nachspiel, gleich, ob sie einen guten oder schlechten Rat in die Tastatur tippen. Denn die Ratschläge gelten lediglich als "unverbindliche Stellungnahme, die einen Besuch bei einem Arzt oder Apotheker keinesfalls ersetzen", heißt es in den Nutzungsbedingungen.

Laut deutscher Berufsordnung dürfen Ärzte überhaupt keine Ferndiagnosen stellen oder Patienten behandeln, die sie nicht persönlich gesehen und untersucht haben. Die Internetportale verstehen sich daher auch lediglich als technische Plattform für die Kommunikation zwischen Medizinern und Internetnutzern. Für eventuelle inhaltliche Mängel der Antworten übernehmen sie keine Verantwortung.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 52/2004

Methode Wie getestet wurde

Der stern stellte elf Fragen aus unterschiedlichen medizinischen Bereichen wie Kinderheilkunde, innere Medizin, Impfungen oder akute Notfälle an vier Portale, die persönlichen ärztlichen Rat anbieten. Die Antworten wurden bewertet von Prof. Dr. Peter Mitznegg, Leiter der Allgemeinmedizin der Charité Berlin und Dr. Gunther Eysenbach, Sozialmediziner und Cybermedizin-Forscher.

Sie überprüften die für sie anonymisierten Portale auf verschiedene Kriterien hin - etwa Richtigkeit und Vollständigkeit der Antworten. Für jede Frage konnten pro Kriterium bis zu zehn Punkte vergeben werden, also konnte jedes Portal pro Kriterium maximal 110 Punkte erreichen. Null Punkte gab es, wenn die Antwort dem Kriterium gar nicht gerecht wurde, zehn Punkte, wenn sie perfekt war. Testzeitraum war August/September 2004. Die meisten Anfragen wurden innerhalb von ein bis vier Tagen bearbeitet, einige jedoch gar nicht. Natürlich sind die Ergebnisse eine Momentaufnahme der Portale mit den gerade antwortenden Ärzten. Sie lassen kein Pauschalurteil über den jeweiligen Anbieter zu.

Fazit: Die ärztlichen Ratschläge aller Diskussionsforen waren mit Vorsicht zu genießen. Am besten schnitt Lifeline ab, am schlechtesten Qualimedic/Gesundheitsberatung. Nur einmal näherte sich Lifeline mit 86 Punkten der Höchstpunktzahl von 110. Knapp die Hälfte der Punktzahlen pro Kriterium lag im unteren Drittel. Bei keiner Antwort wurden Hinweise auf weitere Informationsquellen oder Links gegeben.

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