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25. November 2010, 17:05 Uhr

Ärzte verweigern Behandlungen aus Kostengründen

Mehr als jeder zweite Arzt gibt zu, dass er Patienten aus Kostengründen schon mal medizinisch notwendige Behandlungen vorenthalten hat. Die Bundesärztekammer versucht, die Ergebnisse des Gesundheitsreports 2010 zu relativieren.

Angesichts des Kostendrucks im deutschen Gesundheitswesen fürchten viele Menschen Einschränkungen bei der Behandlung. 42 Prozent der Deutschen machen sich Sorgen, im Krankheitsfall eine notwendige Leistung nicht verschrieben zu bekommen, wie eine am Donnerstag in Berlin vorgestellte Studie des Allensbach-Instituts und des Finanzdienstleisters MLP ergab. 38 Prozent der gesetzlich Versicherten und neun Prozent der privat Versicherten hätten das Gefühl, dass ihnen aus Kostengründen bereits Behandlungen oder Medikamente vorenthalten wurden.

Ihre Sorge scheint nicht unbegründet: Denn mehr als jeder zweite der 524 ebenfalls von Allensbach befragten Ärzte bekannte, aus Kostengründen bereits auf eine medizinisch notwendige Behandlung verzichtet zu haben. Bei den niedergelassenen Ärzten waren es sich 62 Prozent, bei den Krankenhausärzten 49 - insgesamt 55 Prozent. Davon sagten 24 Prozent, das komme gelegentlich vor, und bei zwölf Prozent war es sogar häufig, wie Institutschefin Renate Köcher erläuterte.

Unter den befragten 1832 Bürgern äußerten vor allem Kassenpatienten die Sorge, dass sie "im Krankheitsfall eine notwendige Behandlung vom Arzt aus Kostengründen nicht verschrieben bekommen" könnten. 46 Prozent aus dieser Gruppe vermuteten dies, während es unter den Privatpatienten nur zehn Prozent waren. Besonders häufig war diese Sorge bei Armen und Kranken: Unter den Menschen mit einem Monatseinkommen von unter 1500 Euro teilten 52 Prozent die Vermutung; unter jenen mit "weniger gutem" Gesundheitszustand 57 Prozent. Tatsächliche Einschränkungen beim Arzt erlebt haben nach eigenen Angaben 35 Prozent der Befragten.

"Keine Patienten zu Schaden gekommen"

Allerdings besteht aus Sicht der Bundesärztekammer kein echter Grund zur Sorge. Vizepräsident Frank Ulrich Montgomery sagte zwar, die Ergebnisse gäben zu denken. Es gehe aber nicht um "lebensnotwendige Leistungen" oder die Versorgung in Notfällen, sondern um "Leistungen, die man verschieben kann". Dazu zählte Montgomery Vorsorgetermine oder planbare Behandlungen. Montgomery berief sich auf Gespräche mit seinen Kollegen. "Wir kennen keine Fälle, wo Patienten zu Schaden gekommen sind."

Ärzte sind verpflichtet, Kranken zu helfen. Laut Gesetz muss zudem alles medizinisch Notwendige allen Patienten zur Verfügung stehen. Allerdings wird seit Jahren darüber debattiert, dass es Über-, Unter- und Fehlversorgung gibt. Was medizinisch notwendig oder wünschenswert ist, gilt oft als Ermessensfrage. Jahrelang gab es auch immer wieder Berichte, dass Mediziner zum Ende des Quartals Patienten nicht mehr annahmen, weil ihr Budget ausgeschöpft war.

Immerhin sagten unter den befragten Bürgern 41 Prozent auch, dass Ärzte oft Medikamente verschrieben, die nicht nötig seien. 56 Prozent sagten, die Deutschen gingen zu oft zum Arzt und trügen damit zu den Finanzproblemen im Gesundheitswesen bei. Diese Meinung vertreten auch sehr viele Ärzte. Die Frage, ob es häufiger vorkomme, dass Patienten zum Arzt gingen, obwohl das aus medizinischer Sicht eigentlich nicht notwendig sei, bejahten 70 Prozent der befragten Mediziner.

Die meisten sind trotz allem zufrieden

Insgesamt sind die Deutschen nach wie vor zufrieden mit der Gesundheitsversorgung: 70 Prozent sagten dies, deutlich mehr als 2009 (64 Prozent). Von den befragten Ärzten bewerteten sogar 88 Prozent das System mit "gut" oder "sehr gut" - nach 82 Prozent im vergangenen Jahr.

Für die Zukunft befürchten viele jedoch Schlimmes. Zwei von drei Bürgern erwarten, dass der Kostendruck die Qualität der medizinischen Versorgung verschlechtert. Die Quote war allerdings 2009 mit 72 Prozent noch deutlich höher.

Den Auftrag für die Allensbach-Studie hatte der Finanzdienstleister MLP gegeben, der unter anderem Beratung zu privaten Versicherungsleistungen anbietet.

joe/AFP/DAPD
 
 
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