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Glyphosat im Urin: So werden Verbraucher verunsichert

Ist die Mehrheit der Deutschen mit Glyphosat belastet? Eine Untersuchung legt das nahe. Doch sie liefert wenig neue Erkenntnisse und schürt vor allem Ängste.

Von Lea Wolz

Die Zulassung für Glyphosat läuft dieses Jahr aus. Kommende Woche soll über eine Verlängerung entschieden werden.

Die Zulassung für Glyphosat läuft dieses Jahr aus

Erst die Muttermilch, dann das Bier, nun auch noch der Urin von Kindern: Die Heinrich-Böll-Stiftung hat heute die nach eigenen Angaben "weltweit umfassendste Datenerhebung zur Belastung von Erwachsenen und Kindern mit Glyphosatrückständen" veröffentlicht.

In der Presseankündigung wird von einer "beunruhigenden Antwort" gesprochen, die die Erhebung liefert. Sie sei mit einem "unabhängigen Labor" durchgeführt worden. Die "brisanten Daten" aus dem gesamten Bundesgebiet würden unter anderem "enthüllen": Insbesondere Kinder weisen die höchste Belastung mit Glyphosat auf. 

Das lässt natürlich erst einmal die Alarmglocken läuten. Rückstände von einem Unkrautvernichtungsmittel! Im Urin der Kleinsten! Doch was sagen die Daten tatsächlich aus? Und wie gefährlich sind die gemessenen Werte?

Zeitpunkt der Veröffentlichung wohl politisch motiviert

Zuerst einmal ist es nicht verwunderlich, dass die Veröffentlichung jetzt kommt. Seit vielen Monaten wird erbittert über das Risiko gestritten, das von dem weltweit am meisten eingesetzten Herbizid ausgeht. Der Grund: Die Zulassung für Glyphosat läuft in der Europäischen Union im Juni 2016 aus. Für die erneute Genehmigung müssen die Risiken des Wirkstoffs, der unter anderem in Unkrautvernichtungsmittel "Roundup" von Monsanto verwendet wird, neu bewertet werden. Das ist ein gängiger Prozess. Die Entscheidung darüber, ob Glyphosat weiter in der EU eingesetzt werden darf, liegt bei der EU-Kommission. Und die hat es nun offenbar eilig: Sie hat Ende Februar angekündigt, bereits am 7. und 8. März ihr Urteil zu fällen.

Auch die den Grünen nahe stehende Böll-Stiftung war daher mit der Veröffentlichung ihrer Daten unter Zeitdruck. Denn diese sollten ja noch vor der Entscheidung der EU-Kommission für Empörung sorgen.

Zuvor hatte bereits das Münchner Umweltinstitut mit dem Fund von Glyphosat in Bier Stimmung gemacht: Mit einer wissenschaftlichen Standards keinesfalls genügenden Untersuchung, die mehr Fragen aufwarf als sie Antworten gab. Und die Grünen hatten im Juli 2015 stillende Mütter verunsichert: Mit der Schlagzeile, dass Glyphosat auch in der Muttermilch gefunden wurde. Die Untersuchung basierte damals auf 16 Milchproben, eingesetzt wurde ein dafür nicht geeignetes Prüfverfahren, der sogenannte Elisa-Test. Die Untersuchung führte das Leipziger Unternehmen Biocheck für die Grünen durch.

Nach der Stichprobe der Partei hat auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) 114 Proben Muttermilch untersuchen lassen, mit anderen, geeigneteren Methoden. Das Ergebnis: In keiner der untersuchten Proben konnte das Herbizid nachgewiesen werden. Zwar lässt sich auch damit nicht ausschließen, dass Glyphosat in die Muttermilch gelangt. Doch es zeigt, wie wichtig die Wahl der Methode ist.

Glyphosat-Nachweis im Urin erwartbar

Die neueste Datenerhebung, von einer Studie will der Sprecher der Böll-Stiftung am Telefon nicht sprechen, konzentriert sich nun auf den Nachweis des Herbizids im Urin. Auf dem Podium der Pressekonferenz sitzen unter anderem der Grünenpolitiker Harald Ebner, eine Referentin des Umweltinstituts, das vergangene Woche die Bierstudie herausgegeben hat, der Sprecher der Bürgerinitiative Landwende und ein Marketingleiter einer Biomarktkette. Ausgewogen, so darf man vermuten, sieht anders aus. Und auch die anwesende Professorin Monika Krüger, ehemalige Leiterin des Instituts für Bakteriologie und Mykologie der Universität Leipzig, ist keine Unbekannte. Sie ist Mitbegründerin der Firma Biocheck, die für die Grünen die Muttermilchproben untersuchte und auch diesmal die Proben auswertete. Ein Interessenkonflikt, der in der Untersuchung unerwähnt bleibt.

Die Urinproben wurden im Rahmen der Aktion "Urinale" gesammelt, zu der die Bürgerinitiative Landwende und die Bio-Supermarktkette "Basic" aufgerufen hatten. Gut 2000 Probanden aus der ganzen Republik schickten Urinproben ein.

Bei deren Auswertung kam auch diesmal der Elisa-Test zum Einsatz, der für wässrige Lösungen wie Urin zwar tatsächlich geeigneter ist als für Fettemulsionen wie Milch. Doch die Ergebnisse, die die Datenerhebung liefert, sind wenig überraschend.

Demnach ließen sich in nahezu allen Urinproben Rückstände des Herbizids finden. Bei 75 Prozent der Probanden war die Belastung mindestens 0,5 Nanogramm pro Milliliter (ein Nanogramm entspricht einem Milliardstel Gramm) und lag damit der Stiftung zufolge "um ein Fünffaches höher als es der Grenzwert für Trinkwasser mit 0,1 Nanogramm pro Milliliter zulässt". Kinder und Jugendliche bis 19 Jahren "scheinen", so die vorsichtige Formulierung, stärker belastet als andere. Wer sich vegan oder vegetarisch ernährte, hatte weniger Rückstände im Urin.

Auch wenn die Herausgeber der Untersuchung es gerne suggerieren würden: Darüber, ob die Erhebung repräsentativ ist, lässt sich streiten. Dass die Mehrheit der Bundesbürger mit Glyphosat belastet ist, lässt sich so nicht sicher belegen. Zudem: Die Datenbasis bei Kindern und Jugendlichen ist mit 51 Teilnehmern sehr klein, das räumen sogar die Macher der Erhebung ein. Daraus abzuleiten, dass Kinder die am stärksten belastete Gruppe sind, ist gewagt.

Nahezu alles lässt sich nachweisen

Dass Glyphosat im Urin zu finden ist, ist ohnehin wenig verwunderlich. Denn mit immer besseren Messmethoden lässt sich heute nahezu alles nachweisen - auch im Urin. Über die Gefährlichkeit hingegen sagt das rein gar nichts aus. Und, man wird ein wenig müde, es zu wiederholen: Der Trinkwasserwert ist kein geeigneter Referenzwert, über die Gefährlichkeit eines Stoffes sagt er nichts aus. Wie schon bei den Muttermilchproben der Grünen wird er aber gerne ins Feld geführt, denn mit ihm lassen sich Ängste leicht schüren. Da Trinkwasser zu den am strengsten kontrollierten Lebensmitteln in Deutschland zählt, lässt sich dieser Grenzwert schnell überschreiten.

Für die zulässige Aufnahme von Glyphosat durch Lebensmittel gilt in Deutschland ein anderer, vergleichsweise strenger Grenzwert. Er liegt bei 0,5 Milligramm pro Kilo Körpergewicht und Tag. Das BfR betonte daher am Freitag, Glyphosatnachweise im Urin seien in geringen Konzentrationen zu erwarten. "Sie zeigen, dass Glyphosat, vorwiegend mit dem Urin, rasch wieder ausgeschieden wird." Zudem seien nicht einmal die festgestellten Maximalwerte gesundheitlich bedenklich. Die Belastung, die sich daraus berechnen lasse, liege "weit unterhalb der Grenzwerte". Auch für besonders empfindliche Gruppen, wie Kinder, sei der Grenzwert sicher. 

Aber hat das Pflanzengift im Urin überhaupt etwas zu suchen? Ein Satz der immer wieder fällt und auch am Freitag bei der Präsentation der Erhebung ins Feld geführt wurde, lautet: "Wenn Glyphosat krebserregend ist, ist jedes Molekül zu viel." Denn jedes Molekül könne Krebs auslösen. Das trifft zwar zu: Bei krebserregenden Substanzen gibt es keine Untergrenze, prinzipiell kann jedes Molekül Krebs auslösen. Doch wer dieser Argumentation folgt, sollte das Glas Rotwein genauso meiden wie den  Spaziergang in der Sonne, Zigaretten oder Wurst - denn all diese Dinge können ebenfalls Krebs begünstigen.    

Um es klarzustellen: Die Diskussion darüber, ob Glyphosat für Menschen gefährlich sein kann und was höher zu bewerten ist - das generelle Krebserzeugungspotenzial oder das dosisabhängige Risiko (siehe Kasten) - ist wichtig. Untersuchungen wie die der Böll-Stiftung liefern allerdings keinen neuen Erkenntnisgewinn, schüren aber auf inhaltlich angreifbarer Basis Ängste.

Auch die Präsidentin des Umweltbundesamtes, Maria Krautzberger, zeigte sich wenig überrascht von den Funden. Die Werte lägen "in einer Größenordnung, die wir jüngst bei unserer eigenen Langzeitmessung im Urin von 400 Studierenden gefunden hatten", sagte sie. Der Nachweis von Glyphosat im Urin sei angesichts der langjährigen und intensiven Ausbringung des Mittels kaum verwunderlich. Die Debatte sollte sich ohnehin nicht allein um Glyphosat drehen, betonte Krautzberger. "Wichtig ist, einzelne Pflanzenschutzmittel nicht isoliert zu betrachten oder sich auf einzelne Wirkstoffe einzuschießen", sagte sie. "Es ist der intensive Einsatz der Mittel in ihrer Gesamtheit, der ökologisch nicht nachhaltig ist."

mit DPA
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