Deutsche Ärzte lindern die Schmerzen ihrer Patienten allzu oft mit einem Mittel, das wegen seiner Risiken in einigen Ländern nicht zugelassen ist. Kritiker warnen vor einem inflationären Gebrauch. Von Sonja Popovic

Ärzte verschreiben zu häufig Schmerzmittel mit dem Wirkstoff Metamizol, kritisieren Experten© Colourbox
Wer Schmerzen hat, will sie loswerden - und zwar so schnell wie möglich. Gut, wenn der Arzt etwas findet, das wirkt. Doch bei Medikamenten ist nicht alles, was gut wirkt, auch immer gut verträglich. Im aktuellen Barmer GEK Arzneimittelreport, einem jährlichen Bericht über den Medikamentengebrauch in Deutschland, ist den Autoren ein Wirkstoff aufgefallen, der 2010 auffallend oft zum Einsatz kam: Metamizol, auch unter dem Namen Novaminsulfon bekannt. In der Liste der 20 in Deutschland am häufigsten verordneten Arzneien tauchen drei Medikamente mit diesem Wirkstoff auf, zusammen wurden sie etwa 1,3 Millionen Mal verordnet.
Hierbei handelt es sich aber um einen kleinen Ausschnitt, da nur die Daten einer Krankenkasse und nur die ambulant verschriebenen Mittel eingerechnet sind. Die tatsächliche Zahl der Verordnungen liegt um ein Vielfaches höher: hochgerechnet und grob geschätzt bei 20 Millionen und mehr. Und eine aktuelle Erhebung der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft belegt: Die Verordnungen steigen kontinuierlich. Die bundesweit eingenommene Zahl von Tagesdosen - ein Wert, der sich aus der Anzahl der Verordnungen und einem von der Weltgesundheitsorganisation bestimmten Faktor berechnen lässt - hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdreifacht und stieg von etwa 30 Millionen im Jahr 1999 auf fast 120 Millionen in 2009.
Der Bremer Pharmakologe Gerd Glaeske, Hauptautor des Arzneimittelreports, spricht von einer "gefährlichen Renaissance eines Schmerzmittels". Denn der Wirkstoff hat gefährliche Nebenwirkungen: Metamizol kann eine allergische Schockreaktion auslösen, die tödlich enden kann. Bedrohlicher ist aber etwas anderes: Die Substanz kann die Bildung der weißen Blutkörperchen, einen wichtigen Bestandteil des Immunsystems, zum Erliegen bringen. Ist ihre Zahl stark vermindert, sprechen Ärzte von einer Agranulozytose. Der Körper kann dann Infektionen, selbst eine banale Entzündung des Rachens, nicht mehr abwehren. Die Zellbildung ist gestört, Patienten können daran sterben. Das Fatale: Patienten merken nicht, dass ihnen weiße Blutkörperchen fehlen. Und wer geht schon wegen Halsschmerzen sofort zum Arzt? Je länger Betroffene aber warten, desto schlechter fällt die Prognose aus.
Ärzten sind diese Nebenwirkungen geläufig. Denn der Wirkstoff ist nicht neu, er wurde bereits Anfang der 20er Jahre eingeführt. In den 70er und 80er Jahren geriet Metamizol aufgrund seiner Risiken in die Kritik. 1986 beschränkte das damalige Bundesgesundheitsamt schließlich die Anwendung: Das Mittel sollte nur bei hohem Fieber und sehr starken Schmerzen eingesetzt werden, etwa bei Koliken, Tumoren oder nach Operationen - wenn andere Maßnahmen nicht greifen.
In den 90er Jahren waren deutsche Ärzte daher zurückhaltend bei der Verordnung. Doch das änderte sich mit der Zeit - ein Trend, den nicht nur Glaeske mit Sorge beobachtet. "Es ist ein Reservemedikament, kein Mittel der ersten Wahl", sagt Wolfgang Becker-Brüser von der pharmakritischen Zeitschrift "Arznei-Telegramm". "Dass es so oft eingesetzt wird, ist unverständlich. In mehreren Ländern Europas wie Schweden und Großbritannien, auch in den USA, in Kanada und Australien ist Metamizol gar nicht erst zugelassen - aus gutem Grund."
Auch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), jene Stelle, die über die Zulassung eines Medikaments entscheidet, hat die zunehmende Beliebtheit des Mittels bemerkt und bereits 2009 die Warnung aus den 80er Jahren erneuert: "Metamizol ist ausschließlich zur Behandlung von starken Schmerzen zugelassen (...), falls andere (...) Maßnahmen nicht geeignet sind", heißt es darin. Bei leichten oder mittelschweren Schmerzen darf es nicht angewendet werden.
Lesen Sie im zweiten Teil, wie und warum Metamizol in der Praxis eingesetzt wird und was Patienten beachten sollten, wenn sie es einnehmen.