Seit 1989 existiert in Ludwigsburg eine Wohngemeinschaft für HIV-Positive und Aidskranke. Zum Anfang war sie ein Hospiz, die Betroffenen kamen zum Sterben. Das hat sich geändert. Doch einfach ist der Alltag noch immer nicht. Von Malte Arnsperger, Ludwigsburg

Die WG wurde dieses Jahr mit dem PositiHIV-Preis der Aids-Hilfe Baden-Württemberg ausgezeichnet© Rainer Kwiotek/Zeitenspiegel
Eigentlich dürfte Nikola gar nicht mehr leben. Mitte der achtziger Jahre hat er sich mit HIV infiziert. Wie, weiß er nicht mehr genau. "Beim Vögeln auf Ibiza ist es passiert", sagt er "Keine Ahnung bei wem. Da war alles etwas unübersichtlich."
Am Ende des Ganges in dem lang gestreckten Haus hat Nikola sein Zimmer. Ein selbst bemaltes rundes Pappschild mit einem roten Zeiger in der Mitte baumelt an der Tür. Der Zeiger steht auf dem Feld "Hab' heute null Bock". Nikola ist 59 Jahre alt, ein kleiner Mann mit grauen Haaren, der seinen Bauch unter einem schlabbrigen Wollpulli verbirgt. Neben der Tür hängt ein Bild in weißem Rahmen: Es zeigt einen braun gebrannten Muskelprotz im String-Tanga. Auch das ist Nikola. Damals, als er noch richtig gelebt hat, als er mit seinem Freund auf Ibiza, in Stuttgart und in Berlin keine Party ausgelassen hat.
Zwischendurch hat Nikola Medizin studiert, wollte Chirurg werden und Menschen helfen. Doch ein schwerer Autounfall hat diesen Traum kurz vor der Abschlussprüfung beendet. Heute ist er es, der Hilfe braucht, ein Patient, der mit gebrochener Stimme spricht, die Augen auf Halbmast, als hätte er gerade zwei Flaschen Wein geleert. Grund sind die 20 Pillen, die er jeden Tag schlucken muss. Die meisten wegen seiner HIV-Infektion und den Nebenwirkungen. Aber sie halten ihn am Leben. Vor zehn Jahren sagte ihm sein Arzt: "Ich bezweifle, ob Sie noch das nächste Jahr erleben werden."
Michaela Reuß kennt solche Diagnosen. Sie hat hautnah mitbekommen, wie sich die Lebenserwartung von HIV-Infizierten in den vergangenen Jahren verändert hat. Als die Sozialarbeiterin im Jahr 2000 ihren Job als Mädchen für alles in der sogenannten Aids-WG antrat, die sich in einem Park bei Ludwigsburg hinter hohen Bäumen versteckt, waren ihre Schützlinge im Durchschnitt vierzig. Heute sind drei der momentan vier WG-Bewohner älter als fünfzig. "Die medikamentöse Behandlung ist viel besser geworden" sagt sie. "HIV-Infizierte können heute wesentlich länger mit ihrer Krankheit leben."
Durch diese Entwicklung hat sich die Aids-WG verändert. Gegründet wurde sie vom Kreis Ludwigsburg und dem Deutschen Roten Kreuz 1989 vor allem deshalb, weil sich viele Pflegeheime sträubten, HIV-Infizierte aufzunehmen. Die Einrichtung diente ursprünglich eher als Sterbehospiz, in dem bis zu sechs Patienten ihre letzten Wochen und Monate verbringen konnten. "Es ging damals um Sterbehilfe", sagt Michaela Reuß. "Die Bewohner wurden hier gepflegt und wir versuchten, ihnen das Sterben so angenehm wie möglich zu machen." Jedes Jahr wurde ein Dutzend von ihnen mit dem Leichenwagen abgeholt. Heute liegt der letzte Sterbefall rund zwei Jahre zurück. An ein richtiges WG-Leben war damals nicht zu denken. Das ist nun anders.
Zwölf Uhr mittags im Esszimmer. Am Holztisch haben sich Nikola, Thomas und die dunkelhäutige Äthiopierin Ariam mit Pflegeschülerin Christina zum Kartenspielen zusammengesetzt. Wer gewinnt, ist egal. Sie haben Hunger, denn der Duft des Auberginen-Reis-Auflaufs im Backofen steigt ihnen in die Nase. Sie warten nur noch auf einen Leidensgefährten, Herrn Tromp (Name geändert), der einzige, den hier alle siezen. Aber zunächst tritt Schwester Beate Wörz mit dem Wochenplan in der Hand an den Tisch.
"Ariam, wie sieht's aus: Am Donnerstag um elf Haare schneiden?" Ariam blickt mit großen dunklen Augen zu ihr auf. "Warum?" fragt sie. - "Weil deine Haare zu lang sind", sagt Schwester Wörz. Thomas assistiert, fährt sich durch die Haare und sagt langsam: "Das ist super beim Friseur. Der wäscht dir die Haare und schneidet sie." Ariam nickt langsam. Thomas lehnt sich lächelnd zurück. "Ich komme vielleicht auch mit."
Ariam und Thomas sind die WG-Urgesteine. Seit 1997 lebt die Afrikanerin hier. Über ihr Leben davor weiß niemand genaues. Auch ihr exaktes Alter kennt keiner, sie ist wohl Mitte vierzig. Trotz ihrer relativ jungen Jahre ist sie hochgradig dement, die Verständigung mit ihr schwierig. Angehörige gibt es nicht, offizielle Unterlagen ebenso wenig. "Wir haben immer schon afrikanische Frauen bei uns gehabt", erklärt Michaela Reuß. "Viele wurden in ihrer Heimat vergewaltigt und infiziert. Sie haben Glück, dass sie hier landen. Denn in ihrer Heimat werden sie wie Aussätzige behandelt."
Welt-Aids-Tag In Deutschland leben zwischen 64.000 und 70.000 Menschen, die HIV-positiv oder an Aids erkrankt sind - so die aktuelle Schätzung des Robert-Koch-Instituts. Pro Jahr wird bei rund 3000 Menschen eine HIV-Infektion nachgewiesen. Am Welt-Aids-Tag stehen die Aufklärung über die Krankheit, der Schutz davor sowie die Solidarität mit Betroffenen im Vordergrund.