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8. Oktober 2009, 20:11 Uhr

"Ist okay", sagt Herta Müller

Wie reagieren, wenn man plötzlich Literatur-Nobelpreisträgerin ist? Herta Müller will beim Eierbraten nicht daran denken. Und hat Mühe, sich von Kulturstaatsminister Neumann küssen zu lassen. Ein Ortstermin. Von Sophie Albers

Herta Müller, Literatur-Nobelpreis, Berlin

Herta Müller muss sich der Presse stellen© Hannibal/DPA

In zwei viel zu kleinen Räumen drängen sich viel zu viele Journalisten. Von Herta Müller ist gerade mal der Scheitel ihres schwarzen Bobs zu sehen, als die kleine Frau, die schon zig Literaturpreise gewonnen hat, durch das Büro des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Berlin geschoben wird. Sie soll ganz nach vorne, auf ein Podium, denn heute ist noch eine Auszeichnung dazu gekommen, nach der dann eigentlich nichts mehr kommt: der Nobelpreis für Literatur.

Richtig begeistern kann sich Herta Müller nicht. Oder sie ist noch unter Schock. "Lächeln bitte", rufen die Fotografen. "Sie ist eine wirklich lustige Person", versichert später eine Dame vom Hanser-Verlag. Herta Müller erträgt das Blitzlichtgewitter und schaut ein bisschen ins nirgendwo. Gerade hat sich Kulturstaatsminister Bernd Neumann zu ihr durchgekämpft, wortwörtlich, mit einem riesigen Blumenstrauß.

Herta Müllers scharfe Mundwinkelfalten halten ein kleines Lächeln im Zaum. "Auf Nobelpreise kann man sich nicht vorbereiten", sagt ein Mann vom Hanser-Verlag. "Herta, sag' schon, dass du platt bist", fordert er die Autorin auf. "Ich weiß es, aber ich glaube es immer noch nicht", bemüht sich Herta platt zu sein. Schafft es aber nicht so wirklich. Ihre Rede ist wie ein ruhiger Fluss, auf dem einzelne Worte schwimmen. "Ich kann noch nicht darüber reden. Das muss ich erst einordnen. Und so was muss man einordnen", sagt sie. Und mit dem nächsten Satz setzt sie der Enttäuschung im Raum noch eins drauf: Der Preis gehe nicht an sie, sondern ihre Bücher. "Und die sind nicht ich."

Finger an der Halsschlagader

Immerhin ist sie bereit, ein paar Fragen zu beantworten, spricht über ihr Schreiben, über das Leben in der Diktatur in Rumänien, die 1989 fiel. Über tote Freunde, die das Ende der Diktatur nicht zurückbringe. Über das Unbegreifliche, dass man zum Friseur geht und beim Geheimdienst landet, weil man "von der Straße gefischt wird". Literatur gehe immer da hin, "wo Beschädigungen einer Person sind", sagt sie - und dass sie sich in Deutschland frei fühle, weil sie eben den Unterschied kenne. Minister Neumann guckt sehr ernst und wartet auf seinen Einsatz. Und Müller tippt nervös mit dem Zeigefinger gegen ihre Halsschlagader. Vielleicht will sie wissen, ob sie tatsächlich da ist, in diesem Raum voller Menschen, die auf einen Gefühlsausbruch warten, den sie zumindest im Augenblick nicht liefern kann oder will.

Aber sie stehe doch nun in einer Reihe mit den ganz Großen wie Thomas Mann und Günter Grass, wagt noch einer einen Versuch. Sie sei dadurch nicht besser oder schlechter, schmettert Müller den Ball zurück. Den Nobelpreis für Literatur zu gewinnen, "ist okay, ist schön. Aber es wird sich an mir nichts verändern." Der Preis sei eine äußere Sache, Schreiben eine innere. Sie versucht doch noch, die mittlerweile in ihrem eigenen Erwartungssaft schmorende Meute aufzumuntern: "Ich werde nicht ständig mit einer Galerie der Gewinner im Kopf herumlaufen. So groß ist mein Kopf gar nicht."

Spiegeleier und Kartoffeln

Und dann kann sie ihren Gewinn offenbar plötzlich doch einordnen. Auf die hartnäckige Frage, was der Preis denn nun mit ihrem Schreiben mache, sagt sie: "Ich werde jetzt nicht über den Nobelpreis schreiben. Ich bin doch jetzt nicht den ganzen Tag Nobelpreisträgerin, beim Spiegeleier braten oder Kartoffeln kaufen."

Endlich wird Neumann seinen Blumenstrauß los, richtet Grüße von der Kanzlerin aus und küsst Herta Müller auf die Wangen, die dabei so guckt, als hätte ein Händeschütteln auch gereicht. Bei "Wir sind stolz auf Sie" presst sie die knallroten Lippen zusammen und sagt ein verhaltenes "Danke". In diesem Augenblick fängt die Frau vom Verlag an zu klatschen, weil es sonst keiner tut. Die kleine Frau auf dem Podest hat schließlich alle davon überzeugt, dass ein Nobelpreis keine so große Sache ist.

Von Sophie Albers
 
 
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