Ob Eva Herman oder Thilo Sarrazin - regelmäßig tobt eine Skandaldebatte durch die Republik. Das Muster: Ein "Tabubrecher" spricht "unterdrückte Wahrheiten" aus und radikalisiert sich zunehmend. Von Carsten Heidböhmer

Buchautor, Bundesbankvorstand und Entdecker des "Juden-Gens": Thilo Sarrazin beherrscht derzeit die Gazetten dieser Republik© DPA
Seit Tagen bestimmt der Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin mit seinen umstrittenen Thesen über integrationsunwillige Migranten, vererbbare Intelligenz und die zunehmende Verdummung unseres Landes die Schlagzeilen. Für seine Äußerungen gerät Sarrazin unter schweren Beschuss. Das ist nicht unüblich, wenn jemand eine Debatte anzettelt: Wer Vorschläge unterbreitet, hat sich der Kritik zu stellen. Das ergeht Bundessozialministerin Ursula von der Leyen mit ihren Vorschlägen zu einer Bildungs-Card so, und auch Gesundheitsminister Philipp Rösler musste für seine Vorschläge zur Gesundheitsreform heftig Prügel einstecken. So weit, so gewöhnlich.
Doch der Fall Sarrazin geht darüber hinaus - und das hat nicht nur etwas mit der Radikalität der in seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" formulierten Gedanken zu tun. Es schwingt noch etwas anderes mit: Es präsentiert nicht bloß ein origineller Kopf Ideen zur Zukunft Deutschlands. Vielmehr ist hier ein furchtloser Tabubrecher am Werk. Aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang die Worte, mit denen die türkischstämmige Sozialwissenschaftlerin Neclà Kelek den Autor bei der offiziellen Buchvorstellung einführt: "Hier hat ein verantwortungsvoller Bürger bittere Wahrheiten drastisch ausgesprochen und sich um Deutschland einen Kopf gemacht. Um diesen Kopf soll Thilo Sarrazin offensichtlich jetzt kürzer gemacht werden."
Das Pathos ist nicht zu überhören: Wer in diesem Land mutig die wahren Probleme anspricht, begibt sich in große Gefahr - und wird am Ende geköpft. Kelek weiß, wovon sie spricht: Die Frauenrechtlerin ist wegen ihrer Fundamentalkritik am Islam regelmäßig scharfen Attacken ausgesetzt. In dieser Tradition sieht sie auch Sarrazin.
Dieser eitle Gestus des Unangepassten, Unzeitgemäßen, der sich gegen ein Kartell von Gutmenschen auflehnt, die mit ihrer Political Correctness jede freie Meinungsäußerung unterdrücken, ist nicht neu. Die Attitüde erinnert stark an Eva Herman. Die ehemalige "Tagesschau"-Sprecherin hatte mit ihren etwas altbackenen Ansichten zur Familienpolitik eine Diskussion angestoßen, in deren Verlauf sie heftig angegriffen wurden. Schnell wuchs ihr diese Debatte über den Kopf, Herman verrannte sich und radikalisierte ihre Aussagen. Mit unreflektierten NS-Vergleichen katapultierte sie sich schließlich ins gesellschaftliche Abseits, 2007 kündigte ihr der NDR. Herman sah sich als Opfer einer öffentlichen Kampagne.
In ihrem jüngsten Buch "Die Wahrheit und ihr Preis. Meinung, Macht und Medien" setzt sich Herman mit der Zeit nach ihrem Rauswurf auseinander. In dem Ankündigungstext des Kopp-Verlags wimmelt es nur so vor ideologischen Versatzstücken, die das Weltbild des selbsternannten Tabubrechers ausdrücken. Dort heißt es: "Eva Herman, beliebte Moderatorin und langjährige Nachrichtensprecherin der Tagesschau, vertritt öffentlich eine politisch unkorrekte Familienpolitik. (...) Damit bricht sie ein Tabu (...). Es kommt zum Aufstand der Gutmenschen und zu einer regelrechten öffentlichen Hexenjagd gegen Eva Herman (...) In diesem Buch (...) zeigt (sie) die rücksichtslosen Mechanismen einer fast unmenschlichen Medienwelt auf, die Züge einer Meinungsdiktatur offenbaren."