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Thilo Sarrazin bei Reinhold Beckmann: Im Brustton des Bürokraten

Alle gegen den Buhmann der Stunde: Reinhold Beckmann bringt in seiner Sendung ein Ensemble klassischer Polit-Talkgäste gegen Thilo Sarrazin in Stellung. Der, ganz Bürokrat, vertraut auf die Macht der Akten.

Von Niels Kruse

Am Ende konnte er einem schon fast leidtun. Thilo Sarrazin saß Reinhold Beckmann gegenüber, der 80 Minuten lang versucht hatte, seinem Gast einen mitzugeben. Und er saß nicht nur ihm gegenüber. Das Studio wimmelte schon zu Beginn der Sendung vor fernsehbekannten Gesichtern, die dem Moderator im Duell gegen den Buhmann der Stunde sekundieren sollten: Renate Künast (grüne Fraktionschefin), Ranga Yogeshwar (Wissenschaftsjournalist), Olaf Scholz (Hamburger SPD-Chef) und Aygül Özkan (Sozial- und Integrationsministerin von Niedersachsen, CDU). Umzingelt von Gegnern musste Sarrazin seine nassforschen Thesen zu Bildung, Begabung, Intelligenz, zu Genetik und zur Vererbungslehre verteidigen. Die Art und Weise, wie er es tat, verrät das Dilemma des Thilo Sarrazin.

Der Mann wirkt hinter seiner Brille ja immer etwas traurig, und er spricht so leise - mit diesem kleinen S-Fehler. Aber natürlich muss man kein Mitleid mit Thilo Sarrazin haben. 65 Jahre ist er alt, und die Auseinandersetzung bestimmte seine Berufe: sieben Jahre war er Berliner Finanzsenator. Davor hatte er sich als Bahn-Vorstand halböffentlich eine Dauerfehde mit seinem damaligen Chef Hartmut Mehdorn geliefert. Und noch früher, nach der Wende, war er maßgeblich an der Gestaltung der Währungsunion beteiligt. So einer weiß, was er tut. Zurzeit ist es, die Nation zu provozieren.

Statistiken und Zahlen sind die Basis

Obwohl, nein: "In 95 Prozent der Zuschriften, die ich bekomme, steht, ich sei in meinem Buch nicht zu weit gegangen", sagt Sarrazin gleich zu Beginn auf die Frage, ob er der Spalter der Nation sei. Es war so ein typischer Sarrazin-Satz. Er hätte stattdessen auch sagen können, dass er viele Unterstützer habe. Oder, dass er viel Zuspruch bekomme. Aber nein, stattdessen: 95 Prozent Zustimmung. Können Zahlen lügen? Nein, nicht für Sarrazin: "Türken heiraten zu 93 Prozent unter sich", sagt er an anderer Stelle. Will man es so genau wissen? Sarrazin schon. Statistiken und Nummern sind Basis und Erklärung für die Welt, wie er sie sieht. "Zahlen habe ich methodisch immer sauber abgeleitet", sagt er im Brustton des Bürokraten.

Solche Sätze lüften ein wenig den Vorhang, hinter dem der Volkswirtschaftler und Bundesbankvorstand seine steilen Thesen ersinnt. "Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass man die Welt über Zahlen erklären könnte, hätte er am ersten Tag die Zahlen erschaffen", platzt es irgendwann aus Renate Künast heraus. Am Schluss der Sendung sieht sich der Mann wegen seiner Zahlenhuberei sogar gezwungen, sich selbst in der dritten Person zu verteidigen: "Thilo Sarrazin besteht nur aus einem kleinem Teil aus Zahlen", sagt Thilo Sarrazin über Thilo Sarrazin. Aber es ist der entscheidende Teil.

Einfach nur ein Statistikhansel?

Leider steht zu befürchten, dass der große Tabubrecher Sarrazin einfach nur ein Statistikhansel ist, der sich, nur so als Beispiel, über die Ergebnisse des Mikrozensus' beugt und feststellt, dass die Gesamtheit der Muslime der zweiten Einwanderergeneration nicht so gut performt, wie man es aus dem statistischen Mittel anderer OECD-Staaten hätte erwarten können. Was daraus folgt, ist für Sarrazin klar: Schwachpunkt in dieser Rechnung ist nicht die Betrachtung, sondern der Muslim, der entweder genetisch oder kulturell oder intellektuell nicht in der Lage ist, irgendwas zur Gesellschaft beizutragen, außer ihr auf der Tasche zu liegen.

Das Dilemma von Thilo Sarrazin ist, dass er nie etwas anderes gelernt hat, als sich die Welt unter der Maßgabe des Verhältnisses von Einnahmen und Ausgaben zu betrachten. Er ist ein Zahlenmann, der Unternehmensbilanzen versteht, Staatsfinanzen wohl auch, aber nichts von denen, die es erwirtschaften. Einer dieser Akademiker, der weiß, dass es den Menschen schlecht geht, aber nicht warum. Er wäre gerne Bildungssenator in Berlin gewesen, sagte Sarrazin bei Beckmann. Es klang, als wäre der sprichwörtliche Kelch an den Kindern vorbei gegangen.

Woher er denn die These habe, dass arabische Frauen nichts besseres zu tun hätten, als sich fortzupflanzen, wollte Beckmann kurz vor Schluss wissen. Antwort Sarrazin: "Durch meine Gespräche mit dem Bürgermeister von Neukölln." Der heißt Heinz Buschkowsky, und ist auch so ein "Klartext-Redner". Er kam direkt im "Beckmann" nachfolgenden "Nachtmagazin" zu Wort und sagte, Sarrazins Analyse an sich sei ja richtig, aber diese Sache mit der Vererbungslehre und der Intelligenz, das hätte nun nicht sein müssen.

Niels Kruse