"Wie die Beamten des Mittelalters"

2. September 2006, 09:58 Uhr

Wir sprechen eine Sprache (Englisch), bewegen uns grenzenlos und haben auch sonst eine ganze Menge gemeinsam: In seinem neuen Buch zeigt der Historiker Tony Judt, was uns Europäer verbindet.

0 Bewertungen

"Ich bin nicht Engländer oder Jude, schon gar nicht Amerikaner": Tony Judt, 58, wurde in London geboren und lehrt in New York Europäische Geschichte©

Professor Judt, Sie kommen in Ihrem hoch gelobten Werk über die Nachkriegsgeschichte Europas zu einigen bemerkenswerten Schlüssen, unter anderem schreiben Sie, dass die Deutschen sehr erfolgreich im Umgang mit ihrer Nazi-Vergangenheit gewesen seien.

Im Großen und Ganzen ja. Natürlich hatte Deutschland keine andere Wahl. Man darf nicht vergessen, dass es in den 50er Jahren diesen sehnlichen Wunsch gab, alles zu vergessen. Man wollte sich deutschen Leids erinnern, aber nicht der Verbrechen. Das änderte sich in den 60er Jahren, und als ich in den Achtzigern begann, mich mit dem Thema auseinander zu setzen, war ich erstaunt, dass es in Deutschland eine offene Debatte über den Umgang mit dem Holocaust gab, über Schuld und Wiedergutmachung. In Frankreich und den Niederlanden war das noch schwierig, in Österreich gab es gar keine Debatte. Deutschland machte dies besser, bis zum Punkt der Obsession.

Obsession?

Wenn ich heute in Deutschland bin und Israel kritisiere, werden manche verlegen und sagen: "Das darfst du nicht tun." Dann antworte ich: "Warum? Israel macht doch viele schreckliche Dinge." Ich als Jude darf das sagen, aber meine deutschen Freunde wollen das Thema lieber nicht berühren.

Und Sie meinen, es wäre an der Zeit für eine größere Unbefangenheit?

Absolut. Neulich entgegnete mir ein Freund von der Humboldt-Uni in Berlin: "Stell dir vor, ich halte in New York einen Vortrag über Israels Besatzungspolitik und wie das Land gegen internationales Recht verstößt. Dann sehe ich doch in der "New York Times" die Überschrift: "Deutscher attackiert Juden." Vielleicht ist es so. Es ist eben ein sehr schwieriges Thema.

Die Deutschen haben in diesem Sommer ihren Patriotismus neu entdeckt. War das Ihnen, der viele Verwandte im Holocaust verlor, zu viel der Vaterlandsliebe?

Ich bin bei dem Thema äußerst sensibel und habe den Eindruck, dass das Maß in Deutschland stimmt. Bis vor kurzem gab es ja noch diese geradezu besessene Haltung: Wir dürfen bloß nicht zu patriotisch sein. In Paris oder Prag wird man aber heute niemanden finden, der sagt: Moment mal, die Deutschen fangen an, wieder patriotisch zu sein, das ist gefährlich.

Sie schreiben in Ihrem Buch einen markanten Satz, für den Sie Applaus von ganz rechts bekommen könnten: "Ein gewisses Maß an Verdrängen und Vergessen von Geschichte ist die notwendige Voraussetzung für eine gesunde Gesellschaft."

Es ist etwas anderes, ob ich als Historiker dies sage oder ein politischer Funktionär. Der Historiker muss schwierige Wahrheiten sagen, aber in der öffentlichen Debatte muss man vorsichtig sein. Ich halte oft Vorträge an Schulen, in England, Frankreich, Amerika, und höre von Schülern die Beschwerde: "Warum müssen wir immer den Holocaust durchnehmen?" Dies ist eine vorhersehbare Haltung der nachkommenden Generationen. Ich plädiere ja nicht für Schweigen, aber macht den Holocaust bitte nicht zum zentralen Thema aller moralischen Debatten.

Es wird nicht wenige Deutsche geben, die diese Sätze, gesprochen von einem Juden, als befreiend empfinden.

Ich hätte dies bestimmt nicht in den 60er Jahren gesagt. Man muss sich erst der Taten erinnern, bevor man beginnen kann, sie zu vergessen. Wir dürfen aber einen anderen Fehler der Geschichte nicht wiederholen: die Bedeutung des Holocaust zu übertreiben und damit die Geschichte falsch zu bewerten.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 35/2006

  zurück
1 2 3
 
 
stern TV-Programm
Kostenlos downloaden: stern TV-Programm für iPhone, iPad und Android-Smartphones und -Tablets Mehr Infos über die App
 
Humor
Tetsche, Haderer, Mette und Co. Tetsche, Haderer, Mette und Co.
 
TV-Tipps des Tages
Empfehlungen aus der Redaktion Empfehlungen aus der Redaktion
 
Wissenstests
Sind Sie ein Kultur-Kenner? Sind Sie ein Kultur-Kenner? Ob zu TV, Kino, Literatur oder Musik ... Testen Sie Ihr Wissen rund um die Kultur. Zu den Wissenstests
 
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity

  von bh_roth: VPN-Server erkennbar?

 

  von Gast 92508: Welche Kühlschranktemperatur ist richtig

 

  von Gast 92503: Warum habe ich nach meiner Privatinsolvenz immer noch einen sehr schlechten Scorwert bei der Schufa...

 

  von Gast 92501: gibt es ökologische Fahrradbekleidung?

 

  von Gast 92499: Rechtsfrage

 

  von rocky1703: mein sohn ist 21 jahre und hat seine ausbildung abgebrochen abgebrochen muss ich weiter unterhalt...

 

  von Amos: Warum heißt es häufig "Freiheitsstrafe" statt "Gefängnisstrafe"? Klingt das...

 

  von Gast: Haben Sie Behindertenrabatte?

 

  von Amos: Was ist dran am möglichen Ende von AC/DC? Alles nur Spekulationen?

 

  von Gast 92465: ich habe bei meinem Nissan Pixo den Lüftungsmotor wegen Geräusche vor 1 Jahr austauschen lassen.

 

  von getachew: Wie kann man die Monatskarte der Bvg steuerlich absetzen?

 

  von Amos: Warum trägt der BVB auch ein VW-Logo auf dem Trikot? Aus Sympathie für Wolfsburg? Bisher hatten sie...

 

  von bh_roth: Zwei Windows Betriebssysteme auf einer Festplatte möglich?

 

  von Gast 92439: Temperatur schwankt im Kühlkombie von -20 bis - 12 Grad. warum?

 

  von Anoukboy: Ich bin Französin, habe mehrere Jahre in Deutschland gewohnt une gearbeitet. Ich ziehe nach...

 

  von Gast 92418: Daten von externer Festplatte auf PC laden?

 

  von Amos: Deutsche Spitzengastronomie wird zu 95% von männlichen Köchen dominiert. Köchinnen kenne ich...

 

  von Amos: Woher stammt die Unsitte, vieles als "vorprogrammiert" zu bezeichen? Statt...

 

  von Gast 92411: wie stelle ich meine e-mail adresse um?

 

  von gerti: suche eine alternative Pfanne zu Aluguss für Induktionsherd welche nicht so schwer ist...

 

 
 
stern - jetzt im Handel
stern (17/2014)
Der Schicksalsflug