In der Öffentlichkeit verpönt, aber ein Milliardengeschäft. Die Dokumentation "9 to 5 - Days in Porn" guckt hinter die Kulissen der Pornoindustrie. Zwischen kaputten Darstellerinnen und findigen Geschäftsleuten nimmt Regisseur Jens Hoffmann den Porno-Mythos auseinander. Von Johannes Gernert

Eineinhalb Jahre lang hat Dokumentarfilmer Jens Hoffmann Menschen in der Pornoindustrie begleitet© Zorrofilm/DPA
Eine Porno-Dokumentation also. Das größte Problem, mit dem Regisseur Jens Hoffmann zunächst fertig werden musste, waren die Vorurteile. Er dreht seit fünf Jahren Dokumentarfilme. Zuletzt hat er über Jahre hinweg eine Base-Jumperin begleitet. Das sind Sportler, die unter Lebensgefahr mit Fallschirmen von hohen Gebäuden oder Klippen springen. Für den Film ist Hoffmann ausgezeichnet worden. Jetzt wollte er sich die riesige Industrie im San Fernando Valley im Nordwesten von Los Angeles vornehmen. Jenes Tal, das die Welt mit Porno-Produktionen versorgt und so einen Großteil der rund 100 Milliarden Euro Jahresumsatz dieser Branche erwirtschaftet.
Bei den Worten Porno und Dokumentation denken viele erst einmal an die Beiträge, die am späteren Abend auf RTL2 oder anderen Privat-TV-Sendern laufen. Auch Hoffmann kannte diese "Reportagen". "Die wollen gerne einen Porno zeigen, nur dürfen sie das im Fernsehen nicht", sagt der Regisseur. Deshalb drehten sie dann Stücke, in denen manche Szenen wie Pornos aussehen - bloß ohne Genitalien. "Wir hatten das Gegenteil vor. Es sollte auf keinen Fall ein 'Making of Porno' werden", so Hoffmann. Nein, er wollte einen Film über Menschen machen, und über deren Leben.
Also nahm er sich vor, nicht so naiv zu berichten wie die "Pseudo-Pornos". Aber auch nicht mit der grundlegend ablehnenden Haltung von Feministinnen wie Alice Schwarzer, die Pornografie mit dem Slogan "Por-No" als institutionalisierte Vergewaltigung verurteilen. Hoffmann wollte die Branche und ihre Menschen über einen längeren Zeitraum betrachten. Dabei entwickelte er fast so etwas wie einen wissenschaftlichen Anspruch. Es sollte, sagt er, ein möglichst objektiver Querschnitt durchs San Fernando Valley werden.
Damit nun wirklich niemand auf die Idee kommt, sein Projekt mit dem Privatsender-Programm zu vergleichen, näherte sich Hoffmann den Drehorten von Anfang an mit Distanz. Fast immer steht jemand - wie ein menschlicher Zensurstreifen - zwischen Hoffmanns Kamera und den kreischenden, stöhnenden Darstellern. Wenn er Set-Szenen zeigt, wirken sie unangenehm klinisch: Eine Frau wird vor dem Analsex mit einem Stab sauber gemacht. Oder sie sind überaus komisch: Ein Darsteller arbeitet verbissen mit der Hand an seiner Erektion, während er in einer Drehpause schnell das Gras vom Dealer entgegennimmt und einen Scheck ausstellt.
Hoffmann beleuchtet das gar nicht glamouröse Umfeld, in dem die Hochglanzproduktionen entstehen. Das erinnert an die Bilder des Fotografen Larry Sultan, der die leeren Blicke von Darstellern einfängt, die auf schmutzigen Sofaecken sitzen: Er nimmt den Porno-Mythos in seinem Zyklus "The Valley" auseinander, indem er alles zeigt - außer die ausgeleuchteten Körper beim Sex. Wenn doch, steht eine Topfpflanze im Bild oder ein anderer piefiger Alltagsgegenstand, der die Szene sofort erdet.
Sultans Fotos hat sich Hoffmann zur Vorbereitung angesehen, und seine Bildsprache orientiert sich daran. Der Münchner war als Regisseur und Kameramann unterwegs, unterstützt hat ihn nur eine Tonfrau. Irgendwann haben die "Porno-Arbeiter", die sie über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren immer wieder besucht haben, die beiden nur noch "the couple" (das Paar) genannt. Sie wurden ein stiller Teil der Szene, waren immer dabei. Ähnlich ergeht es jetzt dem Zuschauer. Und deshalb erzählt "9 to 5" so viel über dieses Milieu.
Darin treten die klassischen Porno-Mädchen vom Lande auf. Frauen, Anfang 20 oder auch ein bisschen jünger, die gehört haben, dass sich in Los Angeles mit Sex gutes Geld verdienen lässt. Sie kommen erst einmal in der Wohnung eines Agenten unter, werden zu Drehs vermittelt, werden einige Monate, Jahre von vielen Produzenten gebucht, werden vielleicht zu Szene-Stars, bekommen einen Porno-Award, und steigen in die Liga der Top 30 auf, wo sie 500.000 Dollar im Jahr verdienen. Oder sie schaffen es nicht, und nach ein, zwei Jahren interessiert sich kein Produzent mehr für sie - aber auch sonst kaum jemand.
Hoffmann erzählt von diesem klassischen Schicksal am Beispiel einer jungen Frau namens Mia. Die Euphorie am Anfang, der schicke Sportwagen, das nachlassende Interesse. Dann ist auch noch ihre Schwester und beste Freundin weg, und Mia sitzt, bis auf nuttige Stiefel nackt, nach dem Dreh auf dem Bett und starrt ins Leere. Abgelegt wie ein Kondom nach dem One-Night-Stand.