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8. Februar 2008, 10:55 Uhr

Hoffnung für schwule Muslime

Gemäß traditioneller Auslegung des Koran ist Homosexualität eine Sünde und wird in manchen Ländern mit dem Tode bestraft. Die Dokumentation "A Jihad for Love" zeigt homosexuelle Muslime in aller Welt, die Glauben und Sexualität miteinander vereinbaren. Von Marianna Evenstein

Szene aus dem Dokumentarfilm "A Jihad for Love" (Dschihad der Liebe) von Parvez Sharma© Berlinale

Sechs Jahre lang hat Parvez Sharma an seinem Dokumentarfilm "A Jihad for Love" (Dschihad der Liebe) gearbeitet. In neun Sprachen und zwölf Ländern, darunter Ägypten, Iran, der Türkei und Pakistan. Und es war alles andere als einfach, die Geschichten von schwulen und lesbischen Muslimen zu filmen, vor allem in islamischen Ländern, in denen Homosexualität ein Tabu darstellt. Viele Regierungen hätten ihm gar nicht erst die Erlaubnis gegeben, für einen Film mit diesem Thema in ihrem Land Aufnahmen zu machen, sagt der Regisseur. Also filmte er oft heimlich: "Ich tat, als wäre ich ein Tourist", erzählt er. So habe er zu vielem Zutritt gehabt, "weil ich aussehe, wie alle anderen auch".

Sharma, der sich selbst als schwul und muslimisch definiert, ist in Indien geboren und aufgewachsen. Im Jahr 2000 zog er in die Vereinigten Staaten, doch erst nach den Anschlägen vom 11. September 2001 habe er das Bedürfnis verspürt, sein "coming out" als Moslem in den USA zu haben. "Die ganze Welt hat sich in so vielerlei Hinsicht verändert. Als Moslem war ich plötzlich zum Außenseiter geworden."

Die negative Berichterstattung über den Islam, die in westlichen Medien nach 9/11 festzustellen war, habe ihn frustriert, so Sharma. Mit "A Jihad for Love" habe er sich die Möglichkeit geschaffen, über den Islam zu berichten, mit Hilfe von dessen wohl ungewöhnlichsten Fürsprechern.

Folter und Flucht

Die Protagonisten repräsentieren die vielschichtigen und facettenreichen Welten des Islam, darunter sowohl Sunniten als auch Schiiten. So traf der Filmemacher auf einen offen schwulen Iman in Südafrika, einen Ägypter, der wegen seiner Homosexualität verhaftet und gefoltert wurde, bevor er nach Frankreich fliehen konnte, ein lesbisches Paar in der Türkei, und vier junge Schwule, die aus dem Iran flohen und nun in Kanada leben. Sie alle verbindet ihre fortgesetzte und intensive Hingabe an ihren Glauben. Obwohl sie auf der Grundlage der gleichen Religion erhebliche Schmerzen und Verfolgung zu erleiden haben, hat sich keiner von ihnen von seiner Religion abgewandt.

"Es wäre sehr leicht gewesen, einen Film zu machen, der einfach nur islamkritisch ist. Aber ich habe mit meinen Protagonisten sehr hart gearbeitet, um sicher zu gehen, dass die Schönheit des Glaubens, der ihnen so wichtig ist, mit absoluter Ehrlichkeit und Integrität dokumentiert wird", sagt Sharma. "In vielerlei Hinsicht war es die Tatsache, dass ich selbst Moslem bin, die es mir ermöglicht hat, den Film durch eine muslimische Linse zu filmen, mit dem dazugehörigen Verständnis des und für den Islam."

Der innere Kampf

Der Titel des Films, "A Jihad for Love", sei eine sehr bewusste Entscheidung gewesen, so Sharma weiter. Für viele Menschen im Westen sei der Begriff des "Jihad" ausschließlich mit dem "heiligen Krieg" verbunden. Doch stehe "Jihad" in der islamischen Tradition auch für einen spirituellen, inneren Kampf mit sich selbst, wie Sharma erklärt: "Wir beanspruchen einen der umstrittensten Begriffe unserer Sprache und sagen, dass das, was die gewalttätige Minderheit im Islam als Jihad präsentiert, gewiss nicht das ist, was der Prophet Mohammed meinte. Denn er sprach über einen größeren Jihad, den Kampf in einem selbst."

Und es ist eben dieser Kampf, den die Protagonisten mit sich selbst führen, und den Sharma in seinem Film zeigt. Ein Kampf um Anerkennung, Akzeptanz und letztlich um Liebe. In ihren Geschichten schwingt viel Schmerz mit, doch es bleibt immer eine Spur von Hoffnung. Ob sie aus ihrer Heimat flüchten mussten oder bleiben und ihre Sexualität nur im Verborgenen ausleben können, die Porträtierten bemühen sich alle in ähnlicher Weise, ihre religiösen Überzeugungen mit den tatsächlichen Bedingungen ihres Daseins in Einklang zu bringen. Und es gelingt ihnen, für sich selbst eine neue Beziehung zu ihrem Islam aufzubauen.

Hoffnung geben

Diesen Prozess stellt Sharma in seinem Film dar und ermöglicht damit sowohl Muslimen als auch Nicht-Muslimen einen anderen Blick auf diese Religion - einen, der eher an Gemeinsamkeiten orientiert ist und religiöse Gräben überwinden helfen kann.

"A Jihad for Love" ist bereits mit Erfolg auf verschiedenen Filmfestivals in Kanada, Brasilien, Mexiko, Südafrika und Großbritannien gelaufen. Doch ist Sharma für sein Werk auch schon beschimpft und bedroht worden. Sein Ziel bleibe jedoch dessen ungeachtet, den Film insbesondere in die muslimische Welt zu tragen und einem muslimischen Publikum näher zu bringen: "Die Reaktionen des Publikums und die Art, mit der die Zuschauer den Film annehmen, lassen mich hoffen, dass dieser Film zu einer Art Bewegung beitragen kann. Wir wollen einen Dialog unter Muslimen in Gang bringen, der Veränderungen bewirken kann. Ich werde diesen Film in die Moscheen bringen, an die Orte, wo er am wichtigsten ist. Wenn ich einen jungen Mann in Teheran oder eine junge Frau in Kairo davon abbringen kann, sich alleine und isoliert zu fühlen, an Selbstmord zu denken - wenn ich ihnen die Hoffnung geben kann, dass es möglich ist, dass sie ihre Sexualität ausleben und auch ihrem Glauben treu bleiben können, wenn auch nur ein Leben durch diesen Film zum Besseren verändert wird, dann erreiche ich, was ich mir von diesem Projekt erhofft habe."

Von Marianna Evenstein
 
 
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