Die besten Filme im anspruchsvollsten Wettbewerb. Die dicksten Deals auf dem größten Filmmarkt. Das schrillste Outfit auf dem bestbesuchten roten Teppich. 2010 ist das Filmfestival von Cannes seinem Ruf kaum gerecht geworden. Und jetzt? Von Sophie Albers

Wir starren auf die Leinwand, und der Film starrt zurück. Szene aus dem Cannes-Gewinner-Film "Uncle Boonmee"© Festival de Cannes
Vor zwei Jahren war der politischste unter den Hollywoodstars Präsident der Jury des Filmfestivals von Cannes. Als Sean Penn gleich zu Beginn gefragt wurde, wem er denn am liebsten die Goldene Palme überreichen würde, sagte er: "Jedem Regisseur, der sich im Klaren darüber ist, in was für einer Welt wir leben". Das Kino als Spiegel der Realität? Das Kino als Mittel zur Flucht aus dem Alltag? Das Kino als Kritiker der Gesellschaft? Oder nicht doch eher das Kino als Bühne der Illusionen? Wo, wenn nicht auf dem wichtigsten Filmfest der Welt, ist der richtige Ort, um über genau diese Fragen zu verhandeln? Wie steht es um die Kunst, den Glamour und das Geld beim Filmfestival von Cannes?
Die Frage nach dem Geld ist schnell abgehakt: Die Zeit der dicken Deals ist vorbei. Wenn sie doch geschlossen werden, dann betreffen sie fast nur noch garantierte Blockbuster. Mittelgroße Filme haben schlechte Chancen. Die kleinen Produktionen haben sich eh immer um sich selbst gekümmert. Die Wirtschaftskrise hatte den Keller des Festivalpalastes, wo die Händler alljährlich ihre Stände aufbauen, weiterhin im Griff.
Vielleicht hatte auch deshalb der rote Teppich diesmal etwas von einer Pflichtveranstaltung, und die wurde gleich zu Beginn durchgezogen: Russell Crowe und Cate Blanchett "veredelten" die Eröffnungsgala mit "Robin Hood". Michael Douglas, Shia LaBoeuf und Oliver Stone ließen sich für die Fortsetzung des 80er-Jahre-Klassikers "Wall Street" feiern. Weil sich beide Filme allerdings als Enttäuschung entpuppten, waren auch die Stars schnell wieder vergessen.
Dabei hätte das Weltgeschehen Oliver Stone keine bessere Vorlage liefern können. Doch beim "Platoon"- und "Natural Born Killers"-Regisseur verkam die Finanzkrise zum flüchtig gemalten Hintergrund für ein Familienrührstück. Und "Robin Hood" war einfach nur seelenlos. Ja, Javier Bardem, Naomi Watts und Juliette Binoche waren auch da. Aber der aufgespritzte, namenlose Party-Jetset war definitiv in der Überzahl.
Bleibt der künstlerische Anspruch: Der Charme von Cannes beruht auf dem Spagat zwischen Kunst und Kommerz. Der Wettbewerb ist berühmt für das Nebeneinander von Kunstkino und Hollywoodunterhaltung, die Dissonanz von Ernsthaftigkeit und Show ist gewollt. "Das weiße Band" und "Antichrist" neben "Inglourious Basterds" und "Taking Woodstock", wie es 2009 der Fall war. Und den großartigen Gangsterfilm "A Prophet" gab es gleich mit dazu.
stern.de Kulturredakteurin Sophie Albers berichtet in ihrem Blog live von den 63. Filmfestspielen in Cannes