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Der Mann hinter dem Da Vinci Code

Wie ein braver Englischlehrer aus dem amerikanischen Suburbia am Strand von Tahiti die Formel für den Weltbestseller findet, damit superreich wird und dennoch so rätselhaft bleibt wie seine Romanhelden.

Von P.M.-Autorin Tanja Beuthien

Der Mann ist faszinierend: Charmant, gut aussehend, gebildet, ein Frauenschwarm par excellence. Die ersten grauen Strähnen im dichten schwarzen Haar, die strahlend blauen Augen, dazu ein samtener Bariton: einfach unwiderstehlich. Ein bisschen sieht er aus wie Tom Hanks in "Schlaflos in Seattle", nur viel intellektueller natürlich, denn er ist Dozent für Symbologie an der Harvard Universität. Sein Wissen reicht von den Tempelrittern bis zur Teilchenphysik, vom Heiligen Gral bis zu den Geheimnissen der Heiligen Römischen Kirche. Er klärt Verschwörungen im Handumdrehen auf, neigt zu halsbrecherischen STunts und schönen Frauen, besitzt Sexappeal und gute Manieren. Robert Langdon ist gescheit, gewitzt und genial, kurz: "Er ist der Mann, der ich gern wäre", sagt Dan Brown.

Ein adretter Junge

Dan Brown sieht nicht aus wie Robert Langdon - und auch nicht wie Tom Hanks. Er erinnert eher an Robin Williams im "Club der toten Dichter" Typ smarter College-Lehrer in Rolli und Tweed. Die Haare blond und sauber gescheitelt. Ein freundliches Strahlelächeln auf den Lippen, die Hände in den Hosentaschen versteckt. ER gilt als schüchtern und ausgesprochen nett, sein amerikanischer Verleger nennt ihn einen "adretten Jungen" und behauptet, es sei "unmöglich, ihn nicht zu mögen". Klingt nicht gerade nach unwiderstehlichem Frauenschwarm, muss es aber auch nicht. Denn Dan Brown ist mindestens so berühmt wie Tom Hanks. Und mindestens so reich. Denn er ist der Erfinder von Robert Langdon - und damit der zurzeit meistgelesene Autor der Welt.

Sein Thriller "Sakrileg", mit dem genialen Harvard-Professor Robert Langdon in der Rolle des Ermittlers, erreicht allein Deutschland eine Gesamtauflage von 3,5 Millionen. Weltweit ging der Bestseller über 47 Millionen Mal über den Ladentisch, ein Ende ist nicht abzusehen. Denn für geschätzte zehn Millionen US-Dollar hat Dan Brown die Filmrechte an den Langdon-Büchern an Sony Pictures verkauft. Unter dem Titel "Da Vinci Code" eröffnet der Blockbuster am 17. Mai die Filmfestspiele in Cannes, einen Tag später startet er weltweit. Als Regisseur zeichnet Oscar-Preisträger Ron Howard ("A Beautiful Mind"). Audrey Tautou, Jean Reno und Ian McKellen sind in Nebenrollen zu sehen. Ach ja, die Hauptrolle spielt - natürlich - Tom Hanks.

Der Liebling der Massen sitzt unterdessen in einer kargen Dichterklause in New Hampshire in Neuengland, ohne E-Mail, Telefon, Fernseher und Fax - und schreibt an seinem neuen Buch. Für die Medien ist er nicht zu sprechen, er gibt schon lange keine Interviews mehr. Der Bestsellerautor Dan Brown ist verschwunden und hinterlässt nur eine aufgeräumte Homepage mit Videoaufzeichnungen, Bildern und Zitaten zu Leben und Werk.

Doch wer ist dieser harmlos wirkende Mann, der in seinen Büchern Priester, Wissenschaftler und Museumsdirektoren aufs Heimtückischste meuchelte und mal eben das Leben Jesu Christi neu arrangiert? Wer schafft es, die Geheimformel zu finden, um Millionen Leser zu bannen? Wer rüttelt da an den Grundfesten der katholischen Kirche?

Der Mensch Dan Brown

Dan Brown kommt am 22. Juni 1964 in Exeter, New Hampshire zur Welt, als Sohn eines preisgekrönten Mathematikprofessors und einer Kirchenmusikerin. Die Verbindung zwischen Wissenschaft und Religion liegt ihm im Blut - die Leidenschaft für mystische Geschichten, für Symbole, Zeichen und Rätsel bekommt er von den Eltern noch obendrein: Zu Weihnachten finden Dan und seine Geschwister statt Päckchenbergen ein Gedicht unter dem Weihnachtsbaum, das sie auf eine Schnitzeljagd durch alle Räume der gutbürgerlichen Villa schickt. Bei jeder Station entdecken sie neue Buchstaben, die, richtig zusammengesetzt, das Lösungswort und damit das Geschenk verraten. Dan liebt diese Jagd nach Codes, die er später auch in seinen Büchern einsetzt. Die Atmosphäre in Neuengland, mit seiner Tradition von exklusiven Clubs, Bruderschaften und Geheimbünden, tut ihr übriges, um ihn zu inspirieren.

Während seiner Zeit am elitären Amherst-College studiert er für kurze Zeit Kunstgeschichte im spanischen Sevilla und beschäftigt sich zum ersten Mal mit Leonardo da Vincis "Abendmahl". Der Grundstock für seinen Megaseller "Sakrileg" (im Original: "The Da Vinci Code") scheint gelegt. Doch Dan Brown aus New Hampshire will nicht als Schriftsteller Karriere machen, sondern als eigenwilliger Sänger und Musikproduzent in Hollywood - zunächst mit Synthesizer-Songs für Kinder: Er imitiert Tierstimmen auf dem Computer, lässt Frösche quaken und Elefanten tröten. Dann kommt sein Debüt mit melancholischen Love-Songs. Titel "Dan Brown". Doch zum Durchbruch reicht es nicht: "Seh' ich wirklich aus wie jemand, den MTV mit offenen Armen empfängt?", äußerte er sich später resigniert. "Ich glaube nicht. Ich gehöre in ein Klassenzimmer. Die Welt wartet nicht auf einen blassen Typen mit beginnender Glatzenbildung, der im Fernsehen zur besten Sendezeit mit dem Hintern wackelt."

Mit seiner Frau Blythe, einer Kunsthistorikerin, zwölf Jahre älter als er, zieht er also nach New Hampshire zurück und beginnt ein braves Vorort-Leben als Englischlehrer. Die Inspiration überrollt ihn 1994 wie eine Welle am Strand von Tahiti. Dort findet Dan Brown ein altes Exemplar von Sidney Sheldons "Die letzte Verschwörung" im Sand. "Ich habe die erste Seite gelesen, dann die zweite. Ein paar Stunden später hatte ich das ganze Buch verschlungen und dachte: 'Hey, das kannst du auch'". Der Bestseller Dan Brown war geboren.

Der Meister

Sein erster Thriller "Diabolus" (im Original: "The Digital Fortress") erscheint als E-Book und erst 1998 auf Papier. Obwohl das Buch in den USA zunächst kein großer Erfolg wird, enthält es doch schon einige Zutaten zu Browns künftigen Bestsellern: Weltverschwörungen, Geheimnisse der Forschung und rätselhafte Organisationen gemixt mit Action-Szenen, Cliffhangern, die das Ende der Kapitel offen lassen, um den Leser bei der Stange zu halten, und eine Tour de Force durch die touristischen Sehenswürdigkeiten eines Landes. In diesem Fall jagt Brown seinen Protagonisten, Sprachwissenschaftler David Becker, auf der Suche nach dem Schlüssel zu einem der "gefährlichsten Computerprogramme der Welt" quer durch Sevilla. Und erinnert sich so noch einmal an die eigene schöne Studienzeit in Spanien. Kurz darauf schreibt Brown mit "Illuminati" (im Original "Angels and Demons") den ersten Roman mit Robert Landon in der Hauptrolle. Der amerikanische Symbologe darf in Rom nach vier ermordeten Kardinälen und einer zerstörerischen Bombe aus „Antimaterie“ fahnden, die droht, den gesamten Vatikan in Schutt und Asche zu legen. Natürlich kommt er dabei dem sagenumwobenen Geheimbund der Illuminaten auf die Spur, löst einige der letzten Rätsel der katholischen Kirche - und verliebt sich in die schöne Physikerin Vittoria Vetra. Zum Weltbestseller "Sakrileg" ist es nur ein kleiner Schritt.

Ich halte das Blut im Fluss.

Dan Brown hat inzwischen seinen Lehrerberuf aufgegeben, sitzt jeden Morgen ab vier Uhr am Schreibtisch und dreht sein antikes Stundenglas um. Ist der Sand durchgerieselt, gönnt er sich ein paar Dehn- und Streckübungen. Oder hängt sich in "Gravity Boots" kopfüber von der Klimmzugstange. "Ich finde, das hält das Blut und die Ideen im Fluss", sagt er. Und mordet lautlos weiter.

Umfangreiche Reisen und Recherchen gehen dem Schreiben voraus. Für seinen dritten Thriller "Meteor" (im Original: "Deception Point"), der in der Arktis spielt, recherchiert Brown im World Wide Web, chattet mit Experten. Und schickt seine Romanfigur, Geheimdienstmitarbeiterin Rachel Sexton, schließlich ins ewige Eis, um einen Gesteinsblock zu untersuchen, der angeblich außerirdisches Leben birgt.

An seinem Megaseller "Sakrileg" schreibt Brown jahrelang. Er diskutiert mit Bibliothekswissenschaftlern und Kunsthistorikern und fährt mit seiner Frau nach Paris, um Leonardo da Vincis Bilder im Original zu studieren. Auf dem kostbaren Parkett der Grande Galerie im Louvre drapiert er dann auch den ersten Toten des Thrillers: Jacques Saunière, Musuemsdirektor, liegt nackt und ausgestreckt als lebensgroßer Fünfstern auf dem Boden, ein blutiges Pentagramm auf der Brust. Ermittler Robert Langdon entdeckt sogleich allerlei Symbolisches, das ihn zur geheimen Bruderschaft der "Prieuré de Sion" führt. Und damit zu einem der größten Geheimnisse der Menschheit: dem heiligen Gral. Dumm nur, dass die Pariser Polizei Langdon für den Hauptverdächtigen im Mordfall Saunière hält. Zusammen mit der Kryptologin Sophie Neveu flieht Langdon nach London, dreht wie gewohnt seine Runde bei den touristischen Sehenswürdigkeiten von Westminster Abbey bis zur Rosslyn Chapel in Schottland. Und überrascht die staunende Sophie schließlich mit der Enthüllung des "Da Vinci Code": Der Heilige Gral, eigentlich der Kelch, das Gefäß für das "Blut Christi", sei in Wahrheit ein Symbol für Maria Magdalena, die Frau und Gefährtin, mit der Christus eine Tochter gezeugt habe. Da Vinci, einst eines der prominentesten Mitglieder der "Prieuré de Sion", habe sein Wissen verschlüsselt weitergegeben. Denn in seinem berühmten "Abendmahl" sitze nicht der Jünger Johannes, sondern Maria Magdalena links neben dem Gottessohn. Der Vatikan - so Langdons Verdacht - bemühe sich, dieses Geheimnis unter allen Umständen zu vertuschen. Und schrecke selbst vor Mord nicht zurück.

Die katholische Kirche rief ihre Schäfchen umgehend zum Boykott des Thrillers auf - eine bessere Publicity ließ sich kaum denken. Einige Autoren klagten vor Gericht, Brown habe teilweise wörtlich aus ihren Büchern zitiert und abgeschrieben. Diese Behauptungen ließen sich nicht halten. Das "Sakrileg" blieb unantastbar, und das Magazin Forbes errechnete, dass das Gesamtgeschäft inklusive Verfilmung, Video, DVD, Audiobooks, Taschenbüchern und den Einnahmen aus dem nächsten Buch in etwa eine Milliarde US-Dollar abwerfen wird.

Der Mythos.

"Das haut mich um und macht mir fast ein bisschen Angst", sagt Dan Brown über den Erfolg von "Sakrileg". "Ich habe sehr hart an diesem Roman gearbeitet und gehofft, dass er den Lesern gefallen wird, aber mir nicht vorstellen können, dass er ein so breites Publikum findet." Intuition oder cleveres Marketing? Der amerikanische Verlag "Doubleday" war von Browns "Sakrileg" so überzeugt, dass er schon vor Erscheinen des Buches ganzseitige Anzeigen schaltete und einen Internet-Wettbewerb organisierte. Der Thriller startete im März 2003 mit der enormen Erstauflage von 215.000 Hardcovern. In den ersten zwei Tagen gingen angeblich so viele Exemplare über den Ladentisch, wie bis dato von Dan Browns ersten drei Büchern zusammen verkauft worden waren. Die Mischung aus Fakt und Fiction, Mystik und Krimi traf mitten hinein ins Leserherz.

Marco Schneiders, Programmleiter bei Browns deutschem Verlag Lübbe, erklärt sich die Faszination der Bücher mit der Machart, der "genialen Verwendung von Cliffhangern", und "einer geschickten Mischung aus Thriller und religionsgeschichtlichem Hintergrund". Zum anderen findet Schneiders, haben "die meisten Leser den Eindruck, sie wären nach der Lektüre schlauer. Da wird nicht die Bildungskeule geschwungen, sondern einfach spannend erzählt".

Dass vieles in Dan Browns Schmökern nicht den historischen Tatsachen entspricht, dass es, anders als im Buch beschrieben, in der katholischen Kirche niemals Zweifel an der Göttlichkeit Jesu gegeben hat und dass nichts in Leonardos Schriften auf einen heimlichen Magdalenenkult hindeutet, bringt allenfalls Kirchengeschichtler und Kunsthistoriker auf den Plan. Dan Brown selbst bekennt: "Ich begann die Recherche zum 'Da Vinci Code' als Skeptiker. Ich erwartete, die Theorie (von Christus Frau und Kind) zu widerlegen. Und nach einigen Reisen nach Europa und über zwei Jahre Recherche, wurde ich zum Gläubigen." Nichts in seinen Schriften sei antichristlich, betont der Autor. Wichtig sei doch, dass man über diese Theorien diskutiere. "Und das ist gut für die Religion."

Browns Jünger treffen sich einstweilen nicht in der Kirche, sondern in den Chatforen des Internets und Diskutieren über den wahren Heiligen Gral, den neuen Fodors-Reiseführer zu den "Sakrileg"-Schauplätzen, und stimmen ab, ob nicht doch George Clooney der bessere Robert Langdon als Tom Hanks gewesen wäre. Auch über Dan Browns nächstes Buch, das angeblich "The Solomon Key" heißen soll, wird eifrig spekuliert. Der Mythos hat sich längst selbständig gemacht und benötigt weder den Menschen noch den Meister Dan Brown. Der heiß erwartete Thriller, in dem es um Freimaurerlogen in Amerika gehen soll, ist noch nicht einmal geschrieben, da liest man schon die ersten Rezensionen (!).

Natürlich wird es ein Buch zum Film geben und ein neues, erweitertes Hörbuch. Es erscheint außerdem eine unautorisierte Biografie unter dem verheißungsvollen Titel: "Dan Brown. Der Mann hinter dem Da Vinci Code". Tausende Fans besuchen schon jetzt Kurse und lesen Enthüllungsbücher über den Wahrheitsgehalt des "Da Vinci Code". Sie reisen auf den Spuren der Thriller nach Paris und London und fragen vor Leonardos Mona Lisa im Louvre verdutzte Museumswärter, ob denn "hier im Saal Direktor Saunière ermordet wurde". Demnächst wird es Robert Langdon als Telespiel und Plastikfigur, als Comic-Held und Schlafanzugaufdruck geben. Die "Danbrownisierung" der Welt ist nicht mehr aufzuhalten.

Der Meister schweigt dazu und schreibt - allein in seinem Dichterloft im Süden Neuenglands. Die wenigen Porträtaufnahmen aus seinem Haus in New Hampshire zeigen einen jungenhaften Hochschullehrer vor allerlei Drachenköpfen, gekreuzten Schwertern und schmiedeeisernen Kamingittern. Jason Kaufman, sein langjähriger amerikanischer Verleger und Freund bescheinigt ihm, er sei, trotz des Ruhms, ganz der alte geblieben. "Er ist sich sehr bewusst über sein Leben", auch wenn es für ihn schwieriger geworden sei, hinaus auf die Straße zu gehen.

Das dürfte leicht untertrieben sein, denn Dan Brown joggt schon lange nicht mehr durch seinen luxuriösen Vorort. Und seit er nicht mehr unerkannt ins Flugzeug stiegen kann, bevorzugt er seinen Privatjet. "Ich habe keine Ahnung, wie wirkliche Berühmtheiten ihren Ruhm managen. Ich bin nur ein Junge, der ein Buch geschrieben hat", sagte er, betont bescheiden. Vielleicht ist das ja auch schon das ganze Geheimnis des Herrn Brown.

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