Ein Film, so kalt wie ein toter Fisch

12. Dezember 2012, 20:55 Uhr

Neun Jahre haben wir auf den "Hobbit" gewartet. Das Prequel zum Kinoereignis "Der Herr der Ringe" sollte vor allem noch realistischer werden. Genau da liegt der Fehler, findet Sophie Albers.

Der Hobbit, Unerwartete Reise, Peter Jackson, Martin Freeman, Neuseeland, Bilbo Beutlin, Gandalf, Orks

Bei Gollum kann man jeden Pickel, jede Hautschuppe sehen - bei den Orks jedes Herpesbläschen. "Der Hobbit" ist ein Film unter dem Vergrößerungsglas - ob der Zuschauer es will oder nicht.©

Nie, nie, NIE hätte ich gedacht, dies einmal zu schreiben. Aber Peter Jackson, Herr der wildgewordenen Kinofantasie, hat mit dem ersten Teil der "Hobbit"-Trilogie nicht nur das Statisten-Pony Rainbow getötet, er hat der Magie von Mittelerde den Garaus gemacht. Dabei schien Scheitern doch nicht einmal eine Möglichkeit.

Die eiserne Regel vorweg: In einer Filmkritik geht es nicht darum, wovon ein Film handelt, sondern darum, wie ein Film es umgesetzt hat. JRR Tolkiens Bücher sind unerreichte Standardwerke. Jackson hat ihnen mit der "Herr der Ringe"-Trilogie ein grandioses Kinodenkmal gesetzt. Die "Hobbit"-Trilogie soll den Oscar- und Fankult-umrankten Mittelerde-Erfolg fortsetzen. Und weil Jackson - wie "Avatar"-Regisseur James Cameron - nicht nur Filme drehen, sondern auch die Filmgeschichte verändern will, ist "Der Hobbit" der erste Film überhaupt, der seinem Publikum in HFR 3D begegnet, was eine Verdopplung der Bildanzahl von den bisherigen 24 Bildern pro Sekunde auf 48 bedeutet und damit einen schärferen, realistischeren Eindruck liefert.

Aber auf Grund dieses Hyperrealismus ist "Der Hobbit" - vor allem in der ersten Hälfte - so kalt wie ein toter Fisch. Da ist es, ich habe es wirklich geschrieben!

Heimvideo-Style

Schon in den ersten 48 Bildern in einer Sekunde hat der Film den leblosen Charme eines Heimvideos. Der alte Bilbo schickt sich an, sein Abenteuer mit den Zwergen aufzuschreiben. Aber wir sind viel zu sehr damit beschäftigt, den als Hobbit verkleideten Menschen zu enttarnen, seine gekämmten Augenbrauen zu zählen und die Make-Up-Ränder zu suchen, als auf die Worte zu achten. Was Jackson offensichtlich damit auszugleichen versucht, dass verdammt viel geredet wird, so als müsse jedes Komma des Tolkien-Textes Erwähnung finden. Vielleicht braucht er deshalb ganze drei Stunden für die "Unerwartete Reise", den ersten Teil der "Hobbit"-Trilogie. Doch zurück zu Bilbos erster Szene im Auenland: Jedes Detail der Hobbithöhle, die irgendwie nach Partykeller aussieht, drängt nach vorn. Telenovela denkt man, Reality-TV, manchmal auch schlechtes Theater, auf jeden Fall aber Überreizung. Schon in dieser Sequenz offenbart sich das gravierende Problem des "Hobbit": Er ist so realistisch, dass ihm jede eskapistische Wärme abgeht. Und für die gehen wir doch eigentlich ins Kino.

Statt des Impressionismus der Elbenstadt Rivendell, die in "Der Herr der Ringe" noch zwischen gewaltigen, atemberaubenden Wasserfällen und warmen Flüssen goldenen Lichts im Berg nistete, gibt es nun die neue Sachlichkeit. Da ereilt einen ziemlich großen Wasserfall das gleiche Schicksal wie alle anderen Reisevideo-Aufreger: Man hätte wohl selbst da sein müssen. Auf der Suche nach dem ultimativen Realismus ist die Poesie der Bilder verloren gegangen zu sein. Und wer, wenn nicht Hobbits, Elben und Zwerge brauchen eben die - wie die Luft zum Atmen.

Fake und Falten

Deshalb berührt dieser Film auch so wenig. Der Raum für die eigene Fantasie, in dem wir normalerweise die Brücke in die Filmrealität zimmern, ist zugemüllt mit überflüssiger Information. Dank der permanenten Lupenfunktion hat sogar Cate Blanchetts Elbenkönigin Galadriel Falten um die Augen und am Rücken glänzen ein paar einzelne Plastikhaare, die der Lockenperücke entkommen sind. Und, ganz ehrlich, Bilbos Hobbit-Füße sehen billig aus. Dabei würde ich doch so gern daran glauben, dass sie echt sind. Immer wieder erinnert der Film daran, dass er ein Film ist. Was bleibt, ist das Bewundern der technischen Möglichkeiten, in denen sich das Team Jackson ganz offensichtlich verloren hat.

Richtig gut ist "Der Hobbit" nur, wenn es dreckig wird: Wenn Berge sich erheben und zu Hooligans werden. Wenn Orkhorden durch die Unterwelt krauchen, wenn Wargen-Wölfe über Bergkämme jagen. Die Ungeheuerei macht sich genauso gut wie im "Herrn der Ringe", allerdings verliert man im aktuellen Gewusel wegen des noch die letzte Orkwarze erhaschenden Fokus zuweilen den Überblick, und die Vergrößerungsglas-scharfe Aufnahmen von Hautkrankheiten wie beim Ork-König Goblin sind nicht jedermans Sache. Ähnliches gilt für Gollums Hautschuppen.

Als Filmemacher habe er die Verantwortung, das Kinoerlebnis mit der heute zur Verfügung stehenden Technologie zu verbessern, hat Peter Jackson im Interview mit stern.de gesagt. Offenbar hat er dabei aber vergessen, dass es vor allem darum geht, Geschichten gut und kurzweilig zu erzählen. Und das ist ihm mit dem "Hobbit" einfach nicht gelungen. Leider.

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