"Night on Earth" oder "Stranger Than Paradise" -Regisseur Jim Jarmusch ist die Ikone des Independent-Films. Stars wie Tilda Swinton oder Johnny Depp arbeiten mit ihm. Im stern.de-Interview erzählt der Regisseur vom Reiz schlechter Kritiken und warum er regelmäßig in den Wald flüchtet.

Seine Filme sind Kult, der Typ ist schrullig und spannend: Für Regisseur Jim Jarmusch, 56, arbeiten berühmte Schauspieler auch für sehr wenig Geld© Astrid Stawiarz/Getty Images
Jim Jarmusch: Ich würde für dieses Interview gern den Jarmusch-Ansatz wählen.
Kein Skript. Viel Improvisation. Mal sehen, wohin die Reise geht.
Den gerösteten. Ich hole mir meine Blätter immer in Chinatown.
Ich habe das alles aufgegeben. Ich habe von einem Tag auf den anderen Kaffee, Nikotin, Fleisch, Alkohol, Drogen aufgegeben. Einen Monat lang dachte ich, ich laufe Amok.
Es ist mein Ziel, dass die Zuschauer solche Bilder sehen, als wären sie Gemälde. Und dass sie, wenn sie das Kino verlassen, diese Gegenstände wieder ganz anders wahrnehmen.
Die ist zweitrangig. Es gibt eine Geschichte, aber eher versteckt. Ich lasse die dramatischen Dinge gern weg. Mich interessieren eher die Charaktere und ihre Interaktionen. Ich zeige, wie meine Figuren Dinge anschauen und dabei die Zeit vergeht.
Meine Charaktere sind wie Gemälde. Da gibt es die Nackte. Den Gitarristen. Den Amerikaner. Der Amerikaner symbolisiert den ständigen Versuch, uns einzubläuen, was die Wirklichkeit sein soll. Aber ich will nichts erklären. Jeder soll sich seinen eigenen Reim machen.
Oh ja. Hab kein Problem damit.
Das ist okay. Alles ist interpretierbar. Seit Jahren schon lese ich keine Kritiken meiner Filme, es sei denn, sie sind sehr negativ.
Ich mag negative Kritiken. Weil sie eine Wahrnehmung haben, die weit entfernt von meiner eigenen ist. Für mich ist das interessanter. Es verletzt mein Ego nicht. Früher war das anders. Die Rezensionen meiner Filme wirkten auf mich wie billige Drogen, die dir kurzzeitig ein High geben oder dich ins Elend stürzen.
Es erreicht meine Seele nicht. Ich sage mir dann: Da sitzt so ein Kritiker, der sieht zwölf Filme in der Woche und hat kleine Kinder, sein Haus ist im Chaos, und er hat einen Redaktionsschluss, vor dem er fertig sein muss. Dem ist es egal, wie viel meiner Seele in dem Film steckt. Ich habe Sympathie für ihn.
Nein, denn ich mache keine Filme, um kommerzielle Erfolge zu landen. Ich mache Filme, weil ich an sie glaube und etwas zum Ausdruck bringen will. Viele Menschen werden diesen Film nicht verstehen, das ist mir oft passiert. Mein Film "Dead Man" war verwirrend, ein psychedelischer Western in Schwarzweiß. Was zum Teufel ist das, sagten die Leute. Heute ist er Kult.
Das würde mir Angst machen. Wahrscheinlich würde ich denken: Oh, mein Gott. Was habe ich bloß falsch gemacht? Aber ich bezweifle, dass das je passiert.
Ich bin einfach an Dingen interessiert, die sich am Rand der Gesellschaft abspielen. Mainstream interessiert und inspiriert mich nicht. Mainstream macht mir Angst. Es gibt schon genug Schafe, die der Herde folgen.
Amateur heißt: eine Liebe für etwas haben. Filme machen ist mein Job. Aber ich liebe ihn auch. Und das habe ich immer noch: eine Liebe fürs Filmemachen.
Ja, Mann. Unendlich. Es ist noch immer eine wunderschöne Ausdrucksform. Und ich lerne immer noch von den Menschen, mit denen ich arbeite. Solltest du je den Punkt erreichen, an dem du nicht mehr lernst, kannst du gleich einpacken.
Ich meine das nicht abwertend. Es gibt in der Welt so viele interessante Dinge. Wie kannst du jemals auch nur auf einem Gebiet ein Experte sein? Jeden Tag wache ich auf und denke an all die Dinge, über die ich noch nichts weiß.
Ich höre Sufi-Musik im Radio und denke: Wow. Toll. Oder ich entdecke einen italienischen Filmregisseur aus den 40er Jahren. Dann denke ich: Wie ignorant du doch bist, Mann.
Das ist sehr schön. Sehr schmeichelnd. Ich bin sehr glücklich.
Ganz bestimmt nicht.
Sie wissen, dass ich wirklich mit ihnen zusammen arbeiten und von ihnen lernen will und dass ich sie nicht benutze. Für mich sind Schauspieler das Herz des Films.
Oh Mann, ja, und das ist sehr schwer für mich. Ich liebe die Schauspieler. Sie geben dir so viel. Die müssen auf Knopfdruck eine andere Person sein. Ich schätze sie so sehr, dass ich traurig bin, wenn sie gehen. Mit Schauspielern wie John Hurt, Bill Murray, Tilda Swinton könnte ich ewig sprechen, über eine Million Dinge.
Ja, aber diesmal haben sie sich sehr zurückgehalten. Ich dachte immer, dass Bill Murray wieder improvisieren würde, aber er blieb viel enger am Text, als ich annahm.
Ich hatte nur 25 Seiten Skript. Keiner hat interveniert. Ich hab Dialoge noch während des Drehs geschrieben. Habe Löcher gelassen, um improvisieren zu können. Ich will kein fertiges Drehbuch, ich will die Dinge unterwegs finden.
Ich kann nicht anders. Es wird nur immer schwerer, Leute zu finden, die das finanzieren und sich nicht einmischen.
Kultregisseur Jim Jarmusch "Stranger than paradise", "Night on earth", "Dead men" oder "Coffee and cigarettes" - durch seine eigenwilligen Filme hat der US-amerikanische Regisseur und Drehbuchautor Jim Jarmusch nicht nur begeisterte Anhänger gewonnen, sondern auch die wichtigsten Preise wie den Großen Preis der Jury in Cannes 2005 für "Broken Flowers" abgesahnt. In seinem neuen Werk "The Limits of Control" geht es um einen Auftragskiller, es ist eine Art Anti-Thriller, ein Roadmovie, der in Spanien spielt. Überzeugt leider nicht so richtig.