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Die öffentlich-rechtlichen Politiker-Kinder

Im SWR soll die Christine Strobl zur Fernsehfilmchefin aufsteigen. Sie ist die Tochter von Finanzminister Wolfgang Schäuble. Und sie ist kein Einzelfall: Noch mehr Politiker-Kinder sind im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gut untergekommen.

Von Bernd Gäbler

Auch wenn dies den Zuschauern nicht viel sagt: der Posten des SWR-Fernsehfilmchefs ist von großer Bedeutung. Der bisherige Amtsinhaber Carl Bergengruen gehört zu den geachteten Machern, die hinter den Kulissen wirken und immer wieder besonderes Fernsehen ermöglicht haben. Jetzt wechselt er als Geschäftsführer zu Studio Hamburg. Gerade im SWR gibt es noch Enklaven des Guten: Betreut von Peter Latzel, Gudrun Hanke-El-Ghomri oder Martina Zöllner entstehen immer wieder außergewöhnliche und oft preisgekrönte Filme und Reihen. Sie sind Fachleute für das dokumentarische Fernsehen, weniger für die Fiktion.

Nachfolgerin von Bergengruen soll nun aber

Christine Strobl

werden, die bislang wenig auffiel. Erst ein anonymes Schreiben einiger SWR-Mitarbeiter an den rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck (SPD) macht auf den Vorgang aufmerksam - von "CDU-Filz" ist die Rede. Tatsächlich ist Frau Strobl in dieser Partei gut verdrahtet. Nicht nur weil Wolfgang Schäuble ihr Vater ist. Sie ist verheiratet mit Thomas Strobl, dem Generalsekretär der CDU Baden-Württembergs. Der wurde erst kürzlich verhaltensauffällig, als er dem Stuttgart-21-kritischen Schauspieler Walter Sittler die Hitlerbegeisterung von Vater Sittler vorhielt.

Dennoch wird der Filz-Vorwurf schwer zu belegen sein. Und der Sender reagiert, wie es sich gehört: die Herkunft dürfe Karrieren weder befördern, noch verhindern.

Kein Einzelfall

Der Aufstieg der Schäuble-Tochter ist kein Einzelfall "Ich bin der Ansicht, dass wir in Deutschland das Zeitalter der Sippenhaft Gott sei Dank hinter uns haben", erklärte Sabine Scharnagl als sie im Jahr 2001 zur Leiterin des Programmbereichs Kultur und Familie in die Fernsehdirektion des Bayerischen Rundfunks berufen wurde. Vor kurzem wurde der Vertrag bis zum 31. März 2016 verlängert. Sabine Scharnagl ist die Tochter des "Mister Bayernkurier" Wilfired Scharnagl (CSU). Scharnagl war über Jahrzehnte die entscheidende Führungsfigur des so genannten "schwarzen Freundeskreises" in den Aufsichtsgremien des ZDF. Hier wurden von der CDU/CSU-Mehrheitsfraktion Chefredakteure, Programmdirektoren und sogar Intendanten "gemacht".

Und tatsächlich begann auch die Karriere von Sabine Scharnagl im ZDF. Dort fiel vor allem auf, wie schnell sie zur stellvertretenden Chefin des Kulturmagazins "aspekte" befördert worden war. Hört man sich im Umkreis der so Beförderten um, erfährt man aber fast demonstrativ nur Gutes. Nein, hier sei nicht Vetternwirtschaft zu argwöhnen, sondern höchste Kompetenz zu Hause.

Selbstverständlich hat Sabine Scharnagl nie das gute und stets einvernehmliche Verhältnis zu ihrem Vater geleugnet. Sie lobt die kulturelle Freiheit im Elternhaus. Ihre Berufung zur Kulturchefin des BR führte aber zu energischen Protesten der damaligen Chefin der SPD-Opposition in Bayern Renate Schmidt. Still über die Bühne ging dagegen die Vertragsverlängerung durch den Rundfunkrat in diesem Jahr. Das mag auch daran liegen, dass die promovierte Philosophin zwar auch für viel Heimat-Kitsch ("Wir in Bayern") verantwortlich ist, aber auch umstrittene Sendungen schützt, darunter "quer" oder - gerade aktuell - "Entweder Broder", die schräge Deutschlandsafari.

Biedenkopf und Gerster - Politikerkinder im ZDF

Gegen Beschwörungen ihrer Kompetenz kann sich auch Susanne Biedenkopf nicht erwehren. Auch sie ist die Tochter eines bekannten CDU-Politikers. Auch sie kam gut im ZDF unter. Auch sie begann ihr TV-Schaffen in der Ära des ZDF-Intendanten Dieter Stolte. Damals ging es wohl recht flott, den einen oder anderen Angehörigen auf dem Mainzer Lerchenberg unterzubringen. Nicht nur Politiker, auch ehemalige Chefredakteure oder Sport-Journalisten schafften das. Ein Anruf, ein Praktikum, die Tochter schickt sich gut, bald folgen Volontariat und Festanstellung. Da geht es wohl weniger um einen zentralen Hebel politischer Einflussnahme als um einen soliden Berufseinstieg und eine sichere Versorgung.

Am redaktionellen Können Susanne Biedenkopfs hat bisher niemand aus dem ZDF gezweifelt. Heute ist sie Redaktionsleiterin der Sendung "heute - in Europa" und formuliert meist recht konsensfähige Gedanken zur europäischen Idee, zur journalistischen Begleitung des Einigungsprozesses und der Osterweiterung. Wie alle im ZDF will sie den Nutzwert des Informationsprogramms erhöhen und die Zuschauernähe verbessern. Das ist wenig sensationell und schon gar nicht parteipolitisch einseitig.

Der letzte des großen Mainzer Gerster-Clans

Keine großen Karriereabsichten werden Thomas Gerster unterstellt. Der heute 40-Jährige ist der letzte des großen Mainzer Gerster-Clans, der im ZDF ein Auskommen fand. Sein Vater, der stets volksnahe ehemalige rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende Johannes Gerster wollte früher einmal Ministerpräsident des gemütlichen Bundeslandes werden, verfehlte aber dieses Ziel und war zuletzt für die Konrad-Adenauer-Stiftung in Israel tätig.

Sohn Thomas ist im ZDF, dem er seit 1998 angehört, nicht redaktionell tätig. Der Volljurist, der für die CDU im Mainzer Stadtrat sitzt, ist Spezialist für Urheberrecht. Zwar polemisierten die örtlichen Grünen schon mal gegen eine "Handkäs-Mafia", aber Leidenschaft entwickelt Thomas Gerster vor allem, wenn es um die "Mainzer Ranzengarde" geht, den bedeutendsten Karnevalsverein. Bei dessen "Scheierborzeler"-Ritual ist er stets begeistert mit von der Partie.

"Vitamin B"

Es gibt also nicht nur die Schäuble-Tochter im offiziell staatsfernen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Die eigene Tochter oder den eigenen Sohn im regionalen Sender oder beim ZDF unterzubringen - das ist aber kein zentraler Mechanismus der politischen Einflussnahme, sondern eher ein Indiz für das gelegentliche Funktionieren von "Vitamin B". Stärker ausgeprägt als heute war es in der Ära Dieter Stolte des ZDF. Selbstverständlich muss bei Beförderung jeder einzelne Fall individuell geprüft werden. Auffällig ist aber dennoch, dass es im privaten Rundfunk keine solchen Verbindungen gibt. Vielleicht hat es ja doch damit zu tun, dass diese oder jene Politiker dem Missverständnis zuneigen, der Bayerische Rundfunk und der SWR, das ZDF oder der WDR gehörten irgendwie ihnen.

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