Seit Jahren feiern Sänger Max Raabe und sein Palastorchester mit deutschen Retro-Liedern große Erfolge - und das weltweit. Im stern.de-Interview erzählt der Sänger von seinen Konzerten in der New Yorker Carnegie Hall - und was er auf Marilyn Mansons Hochzeit gemacht hat.

Mischte New York gehörig aufSänger Max Raabe© Michael Kappeler/DDP
Die Carnegie Hall ist der Hohe Tempel der klassischen Musik. So weit ich weiß, sind wir die ersten deutschen Unterhaltungskünstler, die dort gespielt haben. Der Saal war ausverkauft und die Zuschauer gaben uns stehende Ovationen. Das ist schon etwas Großes. Schließlich muss man den Amerikanern nicht das Entertainment vorbeibringen.
Doch, danach kommt Lübeck und Kiel. Und das Publikum erwartet die gleiche Leistung und den Glanz wie in New York zwei Tage zuvor. Wir können dort ja nicht mit halber Kraft auftreten, nur weil wir in einer unglamourösen Mehrzweckhalle spielen.
Mittlerweile sind wir so globalisiert, dass es höchstens noch Mentalitätsunterschiede gibt. Der größte Unterschied besteht für mich in den Wochentagen. Der Montag zum Beispiel ist der schwierigste Tag für uns. Das sind die Leute etwas muffig, weil die Arbeitswoche wieder angefangen hat. Am Freitag stehen sie mehr unter Strom, schließlich soll unser Konzert der perfekte Start ins Wochenende sein. Der Samstag ist schwierig. Den Abend haben die Menschen für besondere Anlässe freigehalten, also wollen sie auch etwas Geniales erleben.
Missgeschicke sind mir schon häufiger auf der Bühne passiert. Ich muss dann zwar lachen, aber als Kontrollfreak finde ich das furchtbar. Es lassen zu viele Künstler die Hosen herunter, da finde ich es gut, wenn es mal einer nicht tut, sondern nur durchs Handwerk glänzt.
Die Stücke, die ich sorgsam einstudiere, behalte ich auch. Das Gehirn aber arbeitet nach ganz komischen Gesetzen und lässt einen manchmal hängen. Dass passiert mir aber nicht häufig. Trotzdem könnten Sie uns einen Song zurufen, und wir spielen ihn aus dem Stand.
Wir wollen bei jedem neuen Konzert in einer Stadt das Publikum mit anderen Stücken verblüffen. Wenn ein Lieblingslied nicht gespielt wird, dann schleichen die Menschen traurig nach Hause. Den Song "Mein kleiner grüner Kaktus" spielen wir immer, weil da Glückshormone beim Publikum frei werden, die auf die Bühne schwappen. Ansonsten gibt es bei uns Gott sei Dank keine Zwischenrufkultur. Und so etwas funktioniert in diesem Rahmen auch gar nicht. Wir sind ja kein Musikautomat.
Bevor uns ein Stück Schmerzen bereitet, nehmen wir es aus dem Repertoire. Es gibt Lieder, die auch nach Jahren noch frisch klingen - und Titel, die einem irgendwann auf die Nerven gehen. In der Regel finden sie den Weg jedoch zurück. Es gibt aber auch Songs, die wir zu Grunde geritten haben und nie wieder spielen.
Leider sind die Zeiten mit den Flohmärkten und Schellackplatten vorbei. Daran bin ich selbst Schuld, denn ich habe alles aufgekauft. Anders ist die Situation in den Archiven von Musikhandlungen. Hier findet man, wenn auch selten, gutes Material. Das ist Fleißarbeit - wir sind wie Detektive unterwegs, um unentdeckte musikalische Perlen aufzuspüren. Dazu kommt, dass sich Sammler bei mir melden und manchmal schon am Telefon ihre Schallplatten vorspielen. So kann ich sofort entscheiden, ob das Stück mir zusagt.
Der wichtigste Mann für unser Orchester ist Günther Gürsch. Der 85-jährige Arrangeur zerlegt die Aufnahmen Stück für Stück in Noten und setzt sie fürs Orchester um. Ein Mann mit Ohren wie ein Luchs.
Er hat genauso wie ich eine Form für die Bühne gefunden - wir beide schlüpfen in eine Figur. Seine fällt dabei wesentlich grimmiger aus als meine. Ich schätze an Manson seine sehr intelligente Äußerung in dem Film von Michael Moore "Bowling for Columbine". Mit einer klugen Betrachtung seiner Sicht auf die Welt zeigt er sein wahres Gesicht.
Wenn ich bei einem Video Einfluss darauf habe, die Lautstärke selbst zu regulieren, kann ich seiner Sache eher folgen. Sonst ist es mir zu krachig. Es ehrt uns natürlich sehr, dass Manson unsere Arbeit so schätzt. Manson als Fan von uns zu bezeichnen wäre auch zu vermessen. Er mag die alte Zeit und das, was dort künstlerisch passierte.
Amy Winehouse begeistert mich momentan sehr. Sie verfügt über eine Wahnsinns-Stimme, zudem sind Texte und Musik so klar und sauber. Was mir als Popmusik einleuchtend erscheint verkörpert Amy Winehouse auf perfekte Weise.