
Mafia-Ehepaar Mischa und Stella in der Krise (Misel Maticevic und Marie Bäumer)© ARD
Graf und sein langjähriger kongenialer Autor Rolf Basedow haben zahlreiche Erzählstränge, Schicksalsfäden und Episodenschlaufen zu einem schillernden Gewebe geflochten, zugezogen und eine Dichte abgeliefert, die es so bisher kaum zu sehen gab. Jeder Charakter - von der kleinen Mafiabraut mit Shoppingfimmel, über zwei tumbe Polizisten, die sich bei einer Hausdurchsuchung aus Angst vor einem Kampfhund auf dem Balkon aussperren, bis zum feisten Geschäftsmann, der sich an nackten Frauen beim Tontaubenschießen erfreut - treibt die Geschichte voran, ist perfekt besetzt und dabei so fein ausgearbeitet, dass es schon wieder spielerisch wirkt. Rund 160 Sprechrollen sollen es sein.
Mal ganz leicht und zerbrechlich, dann erdenschwer und unkaputtbar spielt Bäumer ihre Stella. Marek (Riemelt), Mischa (Maticevic), Sven (Ronald Zehrfeld), Svetlana (Katharina Nesjtova), Andrej (Mark Ivanir), Roeber (Arved Birnbaum) sind spätestens nach zwei Folgen Teil des eigenen Films, Menschen aus Fleisch und Blut, die man beim Spaziergang in der Wirklichkeit um die nächste Ecke erwartet. "Man ist dem Film in der Erinnerung völlig verfallen, er lässt einen nicht mehr los, so als fände man plötzlich ein Stück der eigenen Biografie heimlich in einem Dokumentarfilm mitgefilmt", beschreibt Regisseur Graf das Gefühl, das er schaffen will.
Absolut Fanclub-verdächtig ist die Figur des russischen Killers Joska Bodrov (Marko Mandi), der alle in ihrer Dreistigkeit und Brutalität liebenswerten Gangster der Filmgeschichte in sich zu vereinen scheint und trotzdem noch einen draufsetzt, wenn er comichaft cool und menschlich komplex zugleich ist. Das Glück des filmischen Moments sei wichtiger als die große Dramaturgie, erklärte Basedow jüngst seine charakterverliebte Erzählweise. "Im Kleinen ist, wenn es gelingt, auch immer das Große."
Die Serie lässt jede ihrer Figuren atmen, lieben, hassen, hoffen, töten, und dazu müssen sie zuweilen nicht einmal reden. Die unvergesslichen Bilder für dieses schillernde Grau der menschlichen Existenz stammen von Kameramann Michael Wiesweg.

Es geht immer noch schlimmer: Mafia-Boss Andrej (Mark Ivanir)© ARD
In rund zwei Jahren Produktionszeit soll das Meisterwerk zehn Millionen Euro verschlungen haben. Mehr als geplant und zuviel für die Produktionsfirma Typhoon von Ex-RTL-Programmchef Marc Conrad, von dem übrigens die Grundidee zur Serie stammte. Typhoon meldete im vergangenen Jahr Konkurs an. Fertig gestellt werden konnten die auf zehn Folgen verteilten 500 Minuten von "Im Angesicht des Verbrechens" mit dem Geld der Öffentlich-Rechtlichen. Der Legende nach haben Schauspieler auf Honorare verzichtet, damit die Serie zu Ende gedreht werden kann. Am Set gab es wegen der heftigen Arbeitsbedingungen Ärger.
Die perfekte Illusion hat ihren Preis. Und Dominik Graf ist nicht bekannt dafür, Kompromisse zu machen. Angesichts dieses Ergebnisses kann man nur sagen: ein Glück!
Der Zehnteiler "Im Angesicht des Verbrechens" läuft ab dem 22. Oktober immer freitags um 21:45 Uhr in der ARD