Unser Mord zum Sonntag

26. November 2010, 21:40 Uhr

Diese Verbrechen lohnen sich: Seit 40 Jahren überführen "Tatort"-Kommissare Mörder. Und wir Deutsche schauen millionenfach zu, weil es um mehr geht als Mord. Es geht um Deutschland. Von Frauke Hunfeld

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Fuhr in dem allerersten "Tatort" vor 40 Jahren "Mit dem Taxi nach Leipzig": Kommissar Paul Trimmel (Walter Richter)©

Die Geschichte ist ja seit 40 Jahren immer die gleiche: Gerade flachsen sie noch, sitzen auf dem Klo oder bei einem guten Buch, schließen ihr Auto auf oder zu. Dann fällt ein Schuss. Oder ein Beil saust durch die Luft, oder eine Schlinge zieht sich zu, "dada, dada dam dam dam dam" fällt einer um. Das muss sein. Irgendwie muss die Geschichte ja losgehen, und weil wir bei der Mordkommission sind in Köln, Leipzig, München und anderswo, muss eine Leiche her. Spätestens nach fünf Minuten, verlangt das ungeschriebene "Tatort"-Gesetz.

Ein Spiegel deutscher Geschichte

Eigentlich eine ziemlich simple Idee. Ein bisschen sparsam für 40 Jahre, denkt man so. Für 780 Filme. Von denen eine ganze Reihe zu den besten zählen, die fürs deutsche Fernsehen produziert wurden. Ein Lehrer verliebt sich in seine Schülerin, ein Vergewaltigungsopfer erschlägt seinen Peiniger. Heute kann man den Abklatsch davon auf vielen Kanälen sehen, aber "Reifeprüfung" mit der jungen Nastassja Kinski ist ein Stück Fernsehgeschichte. Genau wie "Duisburg Ruhrort", wie "Kuscheltiere", wie "Frau Bu lacht". Geschichten von Liebe und Verrat, von Hass und von Treue bis in den Tod. Geschichten von Korruption, Lüge, Verblendung, von kranken Seelen und berechnenden Monstern. Geschichten aus Deutschland, die mehr von diesem Land erzählen als so mancher Geschichtsfilm.

Da sind die Kommissare. Eine Reihe davon hat seine Fernsehdienstzeit inzwischen hinter sich. Wir haben ihnen zugesehen, beim Mörderfangen, beim Älterwerden, beim Zweifeln, manchen beim Resignieren.

Die kühle Nachkriegsgeneration

Die erste Garde der Kommissar-Figuren hat den Krieg noch erlebt, wenn auch als Kind. Sie hatten zu viel gesehen, und das sah man ihnen an. Korrekt, introvertiert und einsam stellten die Haferkamps (Hansjörg Felmy), Trimmels (Walter Richter) und Mareks (Fritz Eckhardt) zwar Fragen, aber nichts in Frage. Dienst war Dienst, und Schnaps war Schnaps - wenn die Herren, und es waren ja nur Herren, auch das ein Zeichen der Zeit, ein Privatleben hatten, so hat der Zuschauer jedenfalls nichts davon bemerkt. Ein Beamter kennt keinen Schmerz. Und schon gar nicht ging es an, dass private Eskapaden sich mit der Verbrecherjagd verstrickten. Kommissar Trimmel hatte nicht unbedingt ein Herz für das, was man später sozial benachteiligt nannte. Verdächtige wurden geduzt, Untergebene ebenfalls, Trimmel war immer "Sie", immer der Chef.

Im allerersten "Tatort" fährt Hauptkommissar Trimmel im "Taxi nach Leipzig". Ein toter Junge aus der DDR mit Schuhen aus der Bundesrepublik. Trimmel macht rüber. "Drüben" ist in diesem Film ein seltsames, zwar autoritäres, aber auch sympathisch trotziges Ländchen voller skurriler Typen - nicht unsympathisch eigentlich. Das Eis zwischen den beiden deutschen Staaten beginnt zu tauen, Willy Brandt reist nach Erfurt, und die SPD verkündet den "Wandel durch Annäherung".

Die unterkühlten Herren werden von einem Trotzkopf aus dem Pott abgelöst, der Deutschlands Herzen im Sturm erobert. Lesen Sie mehr auf der nächsten Seite.

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