Die Arena, die niemand fotografieren darf

7. Mai 2012, 15:50 Uhr

Mit Hochdruck wird an der Kristallhalle gearbeitet: Mehr als 120 Millionen Euro lässt sich Aserbaidschan die neue Arena kosten - und will dafür nur Hochglanzbilder sehen. Von Jens Maier, Baku

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Eurovision Song Contest, Baku, Aserbaidschan, Crystal Hall, Kristallhalle, ESC

Dieses Foto entstand heimlich: Die Kristallhalle in Baku ist fast fertig©

Die Baustelle wird bewacht, als würde ein neues Fort Knox entstehen: Obwohl offiziell schon fertiggestellt, dürfen Einheimische und Besucher nur aus der Ferne einen Blick auf das Bauwerk werfen, das in Rekordzeit aus dem Boden gestampft wurde. Auf Kameras reagieren die Wachleute rund um Bakus neue Super-Arena nervös. "Fotografieren ist hier verboten", sagt ein eilig herbeigeeilter Sicherheitsbeamter, der - um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen - sogleich die Pässe sehen will. "Warum?", darauf gibt er keine Antwort.

Crystal Hall, auf Deutsch Kristallhalle, heißt das Gebäude, das am 26. Mai das Finale des Eurovision Song Contest beherbergen wird. Entworfen vom deutschen Architekten Volkwin Marg, wurde die 206 Meter lange und 168 Meter breite Mehrzweckhalle in nur sechs Monaten Bauzeit errichtet. 6500 Tonnen Stahl wurden verbaut, 7800 Kubikmeter Beton gegossen. 30 Gehminuten von der Innenstadt Bakus entfernt, auf einer zuvor als Militärbasis genutzten Landzunge am Kaspischen Meer gelegen, bietet sie bis zu 23.000 Zuschauern Platz. Beim ESC können es aufgrund der Bühnenaufbauten allerdings nur zirka 16.000 sein. Zeitweise waren 1500 Arbeiter gleichzeitig im Schichtbetrieb im Einsatz, um den engen Zeitplan einhalten zu können.

Bau kostet zwischen 120 und 140 Millionen Euro

"Vor allem der harte Winter hat uns zu schaffen gemacht. Der Schnee lag im Januar meterhoch", sagt Claus-Thomas Kruppa. Der Deutsche ist Projektmanager der Schweizer Firma Nüssli, die zusammen mit der deutschen Alpine Bau Deutschland AG den Bau der Arena verantwortet. Seit vier Monaten ist er in Baku und leitet die Konstruktion der Fassade. "Wir wussten, dass der Fertigstellungstermin unumstößlich war", sagt er. Doch jetzt, knapp vier Wochen vor dem Finale des ESC, wirkt er in seinem kleinen Containerbüro an der Baustelle ganz entspannt. "Wir werden rechtzeitig fertig", sagt Kruppa stolz. Trotz der kurzen Bauzeit sei die Crystal Hall keine größere Herausforderung als vergleichbare Bauten gewesen. "Ich habe in China und auch in London für die Olympischen Spiele gearbeitet", sagt er. Dort seien die Zeitpläne ähnlich knapp gewesen. Zeit sei schließlich Geld.

Doch Geld spielt im vom Erdöl berauschten Baku keine Rolle. Die Regierung will den ESC - und sie will ihn groß, sehr groß. Koste es, was es wolle. Für alle Beteiligten ein Bombengeschäft - auch für deutsche Firmen. Denn viel Know-how stammt aus Deutschland. Nicht nur die Architekten GMP und die Baufirma der Halle, Alpine, sondern auch die Brainpool TV GmbH, an der auch Stefan Raab beteiligt ist, darf sich über einen Auftrag aus Baku freuen. Sie wird die Show, wie bereits im vergangenen Jahr in Düsseldorf, produzieren. Seit dem 17. April sind die Kölner damit beschäftigt, die Bühne aufzubauen. Containerweise wurde Technik aus Deutschland herangekarrt, selbst das Bühnendesign stammt erneut vom Deutschen Florian Wieder.

Offiziell schweigt sich der heimische Fernsehsender Ictimai über die Kosten aus, doch der ESC 2012 wird der teuerste aller Zeiten werden. Allein die Crystal Hall, die noch im August vergangenen Jahres als mobile Arena geplant war und nach dem ESC wieder abgebaut werden sollte, verschlingt zwischen 120 und 140 Millionen Euro. Hinzu kommen die Kosten für die Erschließung des Geländes und die Show selbst. Die Gesamtausgaben schätzt das East-West Research Centre in Baku deshalb auf 575 Millionen Euro. So viel Gigantismus für ein bisschen Schlager? "Keiner der Bauten ist für den Eurovision Song Contest errichtet worden", sagt Tahir Mammadov, Pressesprecher des Veranstalters. Baku habe keine Halle für Superstars wie Madonna oder Shakira gehabt, außerdem sei die Crystal Hall Teil der aserbaidschanischen Olympiabewerbung 2020. Eine schöne Sprachregelung, um die European Broadcasting Union für die hohen Ausgaben nicht in Erklärungsnot zu bringen.

Die Präsidentenfamilie überwacht den Bau persönlich

Wie wichtig das Projekt für die aserbaidschanische Führung ist, zeigen die dunklen Limousinen, die in regelmäßigen Abständen an der Kristallhalle vorfahren. Präsident Ilham Aliyev persönlich hat sich bereits mehrmals vom Stand der Bauarbeiten überzeugt. Er hat seine Frau, Mehriban Aliyeva, zur Vorsitzenden des Organisationskomitees gemacht. Die Präsidentengattin wacht mit Argusaugen über das Prestigeprojekt. Als im März die langwierige und zähe Auslosung der Startreihenfolge der Eurovisions-Teilnehmer im Fernsehen übertragen wurde, schaute sie aufmerksam zu, um den Produzenten hinterher wissen zu lassen, ob ihr die Show gefallen habe. Sie hat. Ganz im Gegensatz zur Präsidentenloge in der Arena. Die war eingerichtet wie alle anderen VIP-Logen auch. Bauarbeiter haben das Interieur inzwischen wieder herausgerissen - der Präsident richtet seine Loge selbst ein. Gut ist eben nicht gut genug für die Aliyevs.

Doch wozu all dieser Aufwand? Wozu ein Pressezentrum mit einer riesigen Glasfassade, die einen einmaligen Blick auf das Stadtpanorama freigibt? Wozu die 82.800 LEDs an der Fassade der Arena, die computergesteuert in allen erdenklichen Farben eine Lichtshow in Bakus Nacht zaubern können? Nur um ausländische Journalisten, Gäste und 120 Millionen Fernsehzuschauern am Finalabend zu beeindrucken? Die schlichte Antwort lautet: ja. "Der ESC soll das Image des Landes aufpolieren", sagt ein hochrangiger europäischer Diplomat. Hochglanzbilder der Kristallhalle sollen die Diskussionen um die ungleiche Verteilung des Reichtums im Land, um Menschenrechtsverletzungen und die Unterdrückung der Pressefreiheit vergessen machen.

Millionenaufwand, um das Image aufzupolieren

Bislang ist das allerdings nicht gelungen - im Gegenteil. "Verschiedene Organisationen nutzen den Song Contest, um die internationale Gemeinschaft auf die Situation und Missstände im Land aufmerksam zu machen", sagt Mehman Aliyev, Direktor der aserbaidschanischen Nachrichtenagentur Turan IA. Deshalb bereite der ESC den Veranstaltern momentan "Kopfschmerzen". Doch Rauf Arifoglu, Chefredakteur der Oppositionszeitung "Yeni Musavat", warnt davor, den ESC nur als Imageschau der Aliyevs abzutun. "Nicht nur die Regierung, sondern auch den Menschen in Aserbaidschan ist der Song Contest wichtig", sagt er. Zwar würden die wenigstens finanziell von der Austragung des Wettbewerbs im eigenen Land profitieren, doch die Leute seien stolz, die aserbaidschanische Kultur auf diese Weise nach Europa tragen zu dürfen.

Obwohl die Arena fast fertig ist, herrscht drum herum und darin das Chaos. Unentwegt fahren Lkw die kleine Zufahrtstraße zur Baustelle hinunter. Der Platz vor dem roten Gebäude mit seiner grauen, wabenartigen Fassade erinnert eher an einen Kartoffelacker als an die begrünte und mit hellen Steinen gepflasterte Nobelmeile auf der Fotomontage. Erst im März haben Gärtner mit den Außenarbeiten begonnen, in spätestens drei Wochen sollen die Olivenbäume und Zypressen aussehen, als hätten sie schon immer dort gestanden. Dann werden auch die vor Anker liegenden verrosteten Kriegsschiffe verschwunden sein. Kräne hieven einen kleinen, weißen Leuchtturm in die Höhe - Marina statt Militärhafen. Drinnen bestimmt ein Gewirr aus Kabeln, Gerüsten und Stahlseilen das Erscheinungsbild der 25 Meter hohen Halle. Doch spätestens zum Probenbeginn am 10. Mai wird alles fertig sein.

"Schaut euch das an, aber lasst euch nicht blenden"

Der Wachmann vor der Crystal Hall wird dann verschwunden sein. Tausende von Aserbaidschanern und zirka 3000 bis 4000 ausländische Besucher werden am Abend des 26. Mai zur ausverkauften Halle strömen und im Sekundentakt ihre Kameras surren lassen. Schöne Bilder sollen es sein, nicht die von der Baustelle. "Kommt her, schaut euch das an", sagt Musiker Jamal Ali, einer der bekanntesten Aktivisten und Regimekritiker im Land. "Aber fahrt auch in die Vororte, guckt euch die Armut außerhalb Bakus an und lasst euch nicht vom schönen Schein blenden."

 
 
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