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19. Juli 2008, 14:16 Uhr

Michalsky demonstriert in Berlin

Seine Schau war eine Demonstration: Mit "Atomkraft? Nein Danke!"-Shirts und einer von der 68er-Bewegung inspirierten Kollektion hat Designer Michael Michalsky nicht nur modisch, sondern auch politisch Stellung bezogen. Statt den Linken dürfte das allerdings eher den Yuppies gefallen. Von Jens Maier, Berlin

Michalsky, Fashion Week, Berlin

Auf High Heels zur Demo: Die Modenschau von Michael Michalsky in den Berliner Uferhallen© Rainer Jensen/DPA

Barbara Schöneberger war die erste, die auf dem Laufsteg ins Stolpern geriet. Mit einem lauten "Huch" konnte sich die Moderatorin gerade noch abfangen, als sie auf der Suche nach ihrem Platz in den Zuschauerreihen den Catwalk betrat. Zwei Models hatten weniger Glück: Während der Show stürzten sie und kamen vor den Augen der 700 geladenen Gäste zu Fall. Der Laufsteg in den Berliner Uferhallen schien am Freitagabend gefährliches Terrain zu sein. Auch für Designer Michael Michalsky.

Der 40-jährige Bad Oldesloer ist der Liebling der Berliner Modeszene. Als Chefdesigner von Adidas hat er der Marke neuen Schwung gegeben, den Taschenhersteller MCM mit seinen Ideen vom Mief der Alte-Oma-Marke befreit. 2006 gründete Michalsky seine eigene Firma. Im Rahmen der Berliner Fashionweek präsentierte er jetzt mit seinem eigenen Label "Michalsky" die Kreationen für Frühjahr/Sommer 2009, die einem Demonstrationszug glich.

Michalsky, Fashion Week, Berlin

Shirts für die Demonstranten von heute© DPA

Der Laufsteg verwandelt sich in einen Straßenzug

Zur Electrohymne "Radio-Aktivität" von Kraftwerk schickte Michalsky Models mit "Atomkraft? Nein Danke!" und "No Blood For Oil"-Shirts auf die Straße statt auf den Laufsteg. Der war nämlich nicht mit Scheinwerfern, sondern - wie ein Straßenzug - mit hellen Neonröhren ausgeleuchtet. Darunter gab es Anti-Atomkraft-Buttons als Accessoires und Taschen mit der Aufschrift "Jute statt Plastik" und Hippie-Prints auf Jeans und Seidenkleidern zu sehen. Gegen Regen bei der Demo zeigte Michalsky Parkas im Uniform-Look der Polizei. Am Ende der "Straße" thronte ein riesiges Plakat mit einem Foto aus der 68er-Zeit: Hunderte von Studenten, die jeden Moment loszustürmen drohen.

So unverblümt hat noch kein deutscher Top-Designer seine politische Meinung auf den Laufsteg gebracht. "Ich habe mich von den Protesten der 68er und dem 25-jährigen Jubiläum der Grünen zu dieser Kollektion inspirieren lassen", sagte Michalsky zu stern.de. Besonders angetan hat es ihm ein Foto von Petra Kelly, dem Gründungsmitglied der Grünen, das in seinem Büro hängt. Darauf ist die Politikerin mit Buttons zu sehen, die als Vorbild für die Pins in seiner Show dienten - versehen mit dem nötigen Hauch Luxus versteht sich. "Mir ist aufgefallen, dass die Leute im Bio-Supermarkt gar nicht bio aussehen", erklärte Michalsky seine Idee, aus dem Style der Protestbewegungen eine Luxus-Kollektion für sein Label zu machen.

Joop feiert seinen Kollegen

Das Publikum, in dem Prominente wie Eva Padberg, Jenny Elvers-Elbertzhagen, Clemens Schick, Estefania Küster und Wolfgang Joop saßen, war von dem Demonstrationszug begeistert. Mit langem Applaus wurde Anführer Michalsky gefeiert. Joop, für den es die einzige Schau war, die er während der Fashionweek besuchte, hob im grellen Neonlicht immer wieder seine Sonnenbrille an und nickte zustimmend. Am Ende stürmte er als erster hinter die Kulissen, um seinem Kollegen zu gratulieren. "Wenn es Michalsky nicht gäbe, müsste Berlin zusammenlegen und ihn erfinden", sagte Joop.

Ob alle Berliner seine Show so gut finden wie Joop, darf allerdings bezweifelt werden. Besonders die Linke wird sich mit dem Anbiederungsversuch des Designers schwer tun. Denn Michalskys politisches Statement ist gefährliches Terrain. Nicht, weil er befürchten müsste, seine gut situierte Kundschaft würde die Protest-Shirts und Hippie-Kleider anrüchig finden und verschmähen. Im Gegenteil, sie werden sie ihm in seiner neuen Boutique am Berliner Monbijouplatz aus den Händen reißen. Sondern weil er die Glaubwürdigkeit der Botschaften aufs Spiel setzt. Wer sich für Preise um die 50 Euro ein Anti-Atomkraft-Shirt kauft, tut das in erster Linie, weil es schick ist und wahrscheinlich nicht, weil er die Bewegung unterstützten will. Oder können Sie sich Heidekönigin Jenny Elvers-Elbertzhagen auf einer Demo vorstellen? Eben!

Von Jens Maier, Berlin
 
 
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