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27. Juli 2008, 15:59 Uhr

Das menschliche Antlitz

Sieben Monate lang reisten die Fotografen Mathias Braschler und Monika Fischer mehr als 30.000 Kilometer durch das Land. Mit den Porträts, die dabei entstanden, werden aus der Masse der Chinesen Menschen in all ihrer Einzigartigkeit. Von Franziska Reich

In Bulongji/Gansu begegneten Monika Fischer und Mathias Braschler Chen Liqin. Sie lebt davon, Chilischoten für Kosmetik zu trocknen© Monika Fischer & Mathias Braschler

Shenzhen, Provinz Guangdong,
Dezember 2007

Die Wohnung so klein, so stickig. In der Diele steht ein Herd, der Fernseher läuft. Xia Lan sitzt da und guckt chinesische Soap-Serien. Sie ist 20 Jahre alt. Sagt sie. Ein Mädchen aus der Provinz, mit Hello- Kitty-Slip und großen Träumen, und manchmal flüstert sie und kichert mit den anderen vier Mädchen. Wenn die Zuhälterin einen Freier von der Straße bringt, dann mustert er sie, eine nach der anderen, und dann nimmt er sie - ja sie, die Süße da vorn. Sie reicht ihm ein Badetuch und verschwindet mit ihm im Zimmer, eine halbe Stunde lang, und kommt heraus und duscht und setzt sich wieder brav auf die Bank und schaut weiter chinesische Soaps.

In den Wohnungen hier, in diesen tristen Blöcken, kosten die Mädchen 15 Euro. Xia Lan träumt davon, eines Tages in den Gassen der Altstadt zu arbeiten, in einem der unzähligen Häuschen, in denen die Nutten in Schaufenstern sitzen und doppelt so viel verdienen. Es ist der Traum eines Mädchens vom Lande im Meer der Zehntausenden Prostituierten im Neun- Millionen-Moloch Shenzhen.

Ein Schicksal aus der Masse der 1,3 Milliarden Chinesen. Danach haben die beiden Schweizer Fotografen Monika Fischer und Mathias Braschler gesucht. Nach der Gestalt des Einzelnen in einer Gesellschaft, in der der Einzelne so wenig zählt.

Xia Lan haben sie an einem schwülen Tag im Dezember gefunden. In China gibt es offiziell keine Prostitution. In China ist Prostitution sogar streng verboten. Ein Mittelsmann mit guten Kontakten brachte die Fotografen in den tristen Wohnblock. Sie wissen, dass es eine heikle Aktion ist, sie sind schon für weniger festgenommen worden. Stehlen sich mit der Ausrüstung in den Aufzug. Nervös. Ein wenig beklommen. Doch Xia Lan und die anderen Mädchen freuen sich so sehr über den Besuch der Fremden, dass auch Braschler und Fischer die Scheu verlieren. Sie bauen die Blitzanlage auf und beginnen mit den Aufnahmen. Xia Lan mit laszivem Mündchen. Xia Lan in den heißen Posen der Porno- Sternchen, die sie schon Hunderte Male vor dem Spiegel geübt hat.

Vor einem Jahr haben sich Monika Fischer und Mathias Braschler auf die Reise ins Reich der Mitte gemacht. Ein Jahr, bevor die Welt auf die Olympischen Spiele in China schaut. Eine Reise quer durch dieses mächtige Land. Zwischen Kommunismus und Kapitalismus, zwischen neu und alt, zwischen Arm und Reich, zwischen allen Klischees. Während ihrer siebenmonatigen Reise legen Fischer und Braschler mit dem silbernen Jeep und ihrem chinesischen Assistenten Yuan 31 400 Kilometer auf sechsspurigen Autobahnen, holprigsten Pisten und Matschwegen zurück. Sie benutzen einen mongolischen Schweinepferch als Toilette und waschen ihre Kleider in Hotelwaschbecken. Sie werden unzählige Male krank. Sie bereisen 30 von 33 Provinzen, selbstständigen Städten und autonomen Regionen Chinas, darunter Hongkong und Macau, die einen Sonderstatus haben. Sie überqueren zehnmal den Gelben Fluss und porträtieren 172 Menschen.

Xinmin, Provinz Liaoning,
August 2007

Es ist schon später Nachmittag, als Monika Fischer und Mathias Braschler in Xinmin, einer kleinen, schmutzigen Stadt in der armen Provinz Liaoning, ankommen. Früher, vor der kapitalistischen Wende der 90er Jahre, arbeiteten die Menschen in riesigen Staatsbetrieben. Heute sind die meisten dieser Betriebe bankrott, und die Menschen halten sich als Tagelöhner und Wanderarbeiter über Wasser. Fremden begegnen sie mit Misstrauen.

Die Fotografen sind begeistert vom Licht. Sie sprechen einen Jungen an, der an einem Lastwagen herumschraubt. Chang Han heißt er, 16 Jahre alt, ölverschmiert und freundlich. Und so beginnen sie ihre Arbeit. Innerhalb weniger Minuten versammelt sich eine Menschenmenge, sie wird groß und größer, die Leute beginnen zu diskutieren, leise erst, dann immer lauter, sie schimpfen, ein Polizeiwagen hält, und die beiden Schweizer werden abgeführt.

In der Polizeistation trifft nach und nach die kommunistische Führung von Xinmin ein. Die Fremden werden befragt. Was sie hier machen? Warum sie das machen? Wer ihnen das erlaubt hat? Die beiden erklären wieder und wieder, dass sie durchs Land reisen, um ganz normale Menschen zu fotografieren. Sie zeigen ein kleines Büchlein des chinesischen Außenministeriums, in dem steht, dass ausländische Journalisten das seit Kurzem dürfen. Allmählich merken die Kader von Xinmin, dass sie sich in einer kniffligen Lage befinden. Peking hat befohlen, dass die Olympischen Spiele das strahlende Symbol für das kommende chinesische Jahrhundert der Macht und des Reichtums werden sollen. Bis dahin muss alles perfekt sein. Alles muss glänzen. Da stört diese kleine, blöde Geschichte mit den Journalisten aus dem Westen.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 30/2008

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