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18. August 2008, 17:21 Uhr

Ehre oder Gesundheit?

Tränenreiche Enttäuschung: Chinas Gold-Hoffung Liu Xiang hat vor dem 110-Meter-Hürden-Lauf verletzt aufgegeben. Unsere Kolumnistin Yuanchen Zhang erklärt, warum Lius Schicksal so viele Chinesen zum Weinen gebracht hat und wieso seine Entscheidung einer kleinen Revolution gleichkommt.

Liu Xiang mit schmerzverzerrtem Gesicht: Viele Chinesen sind voll Mitleid, andere beschmipfen ihn© Adrian Dennis/AFP

Liu Xiang, der größte Superstar und Nationalheld Chinas, ist heute Morgen wegen der Verletzung im Vorlauf über die 110-Meter-Hürden ausgeschieden. Die meisten der 91.000 Zuschauer im Stadium "Vogelnest" waren schockiert. Es ist eine Tragödie für das Land. Viele jungen Mädchen und Journalistinnen aus China weinten bitterlich.

Im Internet reagieren die chinesischen User darauf heftig. Auf einer Webseite wurde ein Artikel mit dem Titel "Menschlichkeit ist wertvoller als eine Goldmedaille" veröffentlicht. Bisher mit 9341 Kommentaren. Viele voller Mitleid, mit Verständnis und Unterstützung. Seine Gesundheit sei wichtiger als die von vielen Chinesen gewünschte Goldmedaille. Liu Xiang sei ein Mensch, kein Gott.

Viele beschimpfen Liu Xang

Aber es gibt auch viel Beschimpfung, Beschuldigung und sogar Beleidigung. Einige fragen, warum wurde von seiner Verletzung bisher so wenig berichtet? Manche spekulieren sogar, dass es schon vorher geplant war, dass er im Vorlauf aufgibt. Grund dafür sei, er habe gegen den kubanischen Weltrekordler Dayron Robles sowieso keine Chance. Also, besser aufgeben als verlieren.

Viele beschimpfen Liu Xang hemmungslos. Ihrer Meinung nach sei er wie ein Schüler, der seinen Unterricht geschwänzt habe oder wie ein Soldat, der vom Schlachtfeld geflohen sei. Am liebsten solle er die 110 Meter mit der Verletzung bis zum Ende laufen. Ein letzter Platz sei immer noch besser als aufgeben.

Der Sieg eines Individuums

Warum weckt das Ausscheiden eines Sportlers so starke Reaktion? Wettkampfsport ist in China keine Beschäftigung eines Einzelnen, sondern ein ehrgeiziges Projekt des Staates, wie ich bereits in den letzten Kolumnen geschildert habe. Vor Liu Xiang war es keinem Chinesen gelungen, sich im Hürdenlauf zu behaupten. Über 100 Jahren war der Hürdenlauf von Amerikanern und Europäern dominiert. Es galt als unmöglich, dass ein Asiat mit seinen körperlichen Voraussetzungen eine Olympische Medaille gewinnen kann. Deshalb war Liu Xiangs Sieg 2004 in Athen so wichtig um zu beweisen, dass ein Mann mit gelber Haut und schwarzen Haaren das gleiche machen kann wie Amerikaner und Europäer. Seitdem ist seine Leistung ideologisch aufgeladen und mit Nationalstolz verbunden. Für viele Chinesen ist er der Hoffnungsträger der Nation und eine Identifikationsfigur. "Air Liu" darf nur fliegen, aber nicht abstürzen.

Für mich persönlich ist seine Entscheidung aufzugeben, etwas Positives - eine kleine Revolution. Bisher haben die chinesischen Sportler immer wie Soldaten gekämpft. Es wird sogar moralisch wertgeschätzt, wenn ein Sportler, weil er so hart trainiert, seine Familie für zehn Jahre nicht sieht. Oder es gilt als heldenhaft, wenn man mit einer Verletzung noch einen Marathonlauf durchzieht. Vor Moral und Kollektivismus zählt ein Individuum nichts. Der Kampfgeist ist höher geschätzt als Gesundheit und Freude. Insofern ist es sehr mutig, dass Liu Xiang auf so eine Art und Weise das Stadium verlassen hat. Man muss doch nicht wegen des Sports sein Leben ruinieren. So wie Liu Xiang auch mal gesagt hat: Hürdenlauf ist nicht mein Ein und Alles! Es ist der Sieg eines Individuums.

Die Autorin

Die Autorin Yuanchen Zhang, 24 Jahre alt, kommt aus der Inneren Mongolei Chinas. Sie hat in Peking studiert, lebt seit fünf Jahren in Deutschland, studiert Medienkultur an der Universität Hamburg und ist derzeit Praktikantin in der Sport-Redaktion des stern.

Yuanchen Zhang
 
 
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