. .
Panorama-Nachrichten
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
1. November 2006, 16:57 Uhr

Die lange Liste des Versagens

Am 21. November bekommt der Kinderarzt einen Anruf vom Jugendamt. Kevins Mutter ist gestorben. Der Junge lebt vorläufig im Heim. Das Amt will klären, ob der Junge dort bleiben soll. Oder ob Bernd K. ihn zurückhaben darf. "Ich spreche mich deutlich und definitiv gegen die Unterbringung beim Vater aus", notiert der Arzt über die Konferenz. Laut Protokoll weist er die Fallkonferenz ausdrücklich darauf hin, dass kein Zweifel mehr bestünde, dass Kevin misshandelt worden sei und dass Bernd K. als Täter infrage käme. Diese Angaben hat der Kinderarzt bei der Polizei inzwischen wiederholt, wie stern.de aus Justizkreisen erfuhr. Die Fallkonferenz schlägt die Warnung des Kinderarztes in den Wind. Dass Bernd K. einschlägig wegen Körperverletzung vorbestraft ist, will in der Behörde zu dieser Zeit niemand gewusst haben. Bernd K. holt Kevin aus dem Heim ab.

Bernd K. nicht der leibliche Vater

Dabei ist er - wie inzwischen zweifelsfrei feststeht - gar nicht der leibliche Vater des Jungen. Bernd K. war nicht mit Kevins Mutter verheiratet. Allein deshalb hätte er offiziell nicht als Kindesvater gelten dürfen. Es lag auch keine "wirksame Anerkennung der Vaterschaft" vor, wie Justizstaatsrat Mäurer jetzt einräumen musste. Trotzdem hat Kevins Amtsvormund nie den Versuch unternommen, die Vaterschaftsfrage offiziell zu klären. Auf die Frage, warum er dies versäumt hat, gibt die Sozialbehörde - wie auch auf alle anderen Fragen von stern.de keine Antwort. Solche Fragen müssten "durch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und des Untersuchungsausschusses geklärt werden", teilt eine Sprecherin der Redaktion mit.

Ein paar Monate nachdem Bernd K. den Jungen aus dem Heim geholt hat, kommt Kevin im Frühjahr 2006 zur Tagesmutter. Die Frau, die anonym bleiben möchte, bemerkt, dass Kevins Fuß stark angeschwollen ist. Sie ruft - wie sie inzwischen auch bei der Polizei ausgesagt hat - sofort beim Jugendamt an. Sie spricht nacheinander mit zwei Sachbearbeiterinnen. Angeblich bekommt sie zu hören: "Ich weiß nicht, was sie da reden". Zufällig ist die Mutter eines anderen Pfleglings dabei. Die Frau fotografiert Kevins Verletzungen mit ihrem Handy. "Der Fuß stand vom Bein ab, wie eine Banane. Jeder Laie konnte sehen, dass der Knöchel gebrochen war", sagt die Frau, eine gelernte Erzieherin, heute noch gegenüber stern.de.

"Unter keiner Nummer hat sich jemand gemeldet"

An dem fraglichen Vormittag holt die Tagesmutter diese Frau als Zeugin ans Telefon. Der Ton sei freundlicher geworden, erzählen beide. Die Sachbearbeiterin hätte ihnen versprochen, mit Kevins "Casemanager" zu sprechen. Außerdem hätte die Frau ihnen vier Telefonnummern gegeben. "Unter keiner Nummer hat sich jemand gemeldet", erzählen beide Frauen übereinstimmend. "Dann stand Bernd K. vor der Tür. Ich habe wieder im Jugendamt angerufen und gefragt, was ich tun sollte", berichtet die Tagesmutter weiter. "Die Sachbearbeiterin sagte mir, dass sie mit Kevins "Casemanager" gesprochen habe. Ich solle das Kind an Bernd K. herausgeben".

Wenig später, am 20. April 2006, findet im Amt für Soziale Dienste ein Gespräch in Sachen Kevin statt. Kevins "Casemanager", sein Amtsvormund und eine Stadtteilleiterin der Sozialbehörde setzen sich mit Bernd K. zusammen. Die Stadtteilleiterin nimmt Kevin auf den Schoß, wundert sich, dass das Kind nicht fremdelt und sie küsst. Sie bemerkt auch, wie schwach Kevin ist, dass er kaum Muskeln hat. Obwohl zu dieser Zeit laut Zeugenaussagen der Verdacht der Kindesmisshandlung offenbar bereits im Raum steht, sprechen die Helfer Bernd K. offenbar nicht auf das Thema an. Stattdessen raten die Experten Bernd K., er solle sich einer "Trauergruppe" anschließen, um den Tod seiner Lebensgefährtin besser zu verarbeiten. "Wir haben ihm die Pistole auf die Brust gesetzt", sagte die Stadtteilleiterin jetzt dagegen in ihrer Vernehmung bei der Polizei.

Wie stern.de aus Justizkreisen erfuhr, zeigte sich die Sozialarbeiterin zerknirscht. "Ich wollte ihm das Kind eigentlich nicht wieder mitgeben", zitiert ein Ermittler die Frau. "Ich traute dem Typen nicht so recht." Doch auf die Frage, warum sie ihm das Kind dann nicht einfach weggenommen habe, soll die diplomierte Sozialarbeiterin gesagt haben: "Ich hätte doch gar nicht gewusst, wie das so schnell zu regeln gewesen wäre."

Von Kerstin Schneider und Inken Ramelow
1 2
weiter  
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Fall Kevin Bernd K.s hilfreicher Hausarzt

Warum musste Kevin sterben? Die Staatsanwaltschaft Bremen ermittelt - auch zur dubiosen Rolle des Hausarztes Detlef S.. Er hat Bernd K. geholfen, den kleinen Jungen bei sich zu behalten. stern.de berichtet exklusiv. mehr...

Kindesmissbrauch Kevin bei Vergewaltigung gezeugt?

Kevin wurde zweieinhalb Jahre alt, die Polizei fand ihn tot in einem Kühlschrank. Der drogenabhängige Bernd K., der sich um den Jungen kümmern sollte, war jedoch nicht sein Vater. Das Kind entstammt, wie stern.de erfuhr, vermutlich einer Vergewaltigung. mehr...

Problemfamilien ... und wieder starb ein Kind

Sie heißen Kevin, Leonie oder eben Mehmet: Der vier Jahre alte Junge aus Zwickau wurde von seinen Eltern totgeschlagen. Das Paar hat zwei weitere Kinder. mehr...

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind
 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe