Für die Schüler der Albertville-Realschule in Winnenden hat am Montag wieder der gemeinsame Unterricht begonnen. Für sie wurde ein provisorischer Container-Komplex neben dem alten Schulgebäude errichtet. Doch die Erinnerung an den Amoklauf sitzt bei vielen tief.

Alter Name, neues Gebäude: Ein Schild der Albertville-Realschule steht vor dem provisorischen Container-Komplex© Daniel Maurer/DPA
Knapp zehn Wochen nach dem Amoklauf an der Winnender Albertville-Realschule beziehen die Schüler ein neues Domizil. Die etwa 600 Kinder und Jugendlichen sowie 70 Lehrer hatten zuletzt Unterricht an sechs verschiedenen Standorten. Nun sind sie wieder vereint, in einem nüchternen, eingeschossigen Container-Komplex in Sichtweite ihrer alten Schule. Für die Schüler markiert der erste gemeinsame Unterricht nach dem 11. März eine Zäsur, einen Schritt zur Normalität. Psychologe Thomas Weber sagt: "Die Wiederherstellung der Schulgemeinschaft ist der erste wichtige Baustein in der psychologischen Nachsorge." Der Wunsch der Schüler sei groß, wieder einen normalen Alltag zu erleben.
Am Eingang der Schule aus 165 Containern werden die Schüler herzlich empfangen. "Wir freuen uns, dass ihr wieder da seid", ist auf einem Transparent der Schulleitungen, Kollegien, Eltern und Schüler der Schulen in Winnenden zu lesen. Die für eine Million Euro errichtete Schule ist nur eine Übergangslösung. Denn obwohl im alten Gebäude acht Schülerinnen, ein Schüler und drei Lehrerinnen im Kugelhagel starben, ist die Rückkehr beschlossene Sache. Ein Arbeitskreis mit Vertretern von Schülern, Eltern, Kultusverwaltung und Psychologen hat sich einhellig für die Sanierung und Erweiterung der Schule ausgesprochen. Die Ausschreibung für den Umbau soll im kommenden Jahr erfolgen.
Zu welchem Termin die Schule dann wieder bezogen werden kann, ist noch unklar. Der Winnender Oberbürgermeister Bernhard Fritz sagt, in diesen Fragen wolle man unter keinen Umständen unter Zeitdruck geraten: "Kein Mensch kann sagen, wie lange die Übergangslösung dauert." Beim Schulmassaker in Erfurt waren die Schüler erst nach mehr als drei Jahren wieder in ihr altes saniertes Gymnasium zurückgekehrt.
Die Elternbeiratsvorsitzende Annette Frik-Helber erläutert die Motive für den geplanten Wiedereinzug in die alte Schule: "Er (der Täter) hat uns viel genommen, aber jetzt nicht auch noch unsere Schule. Diese Schule lassen wir uns nicht nehmen." Der Zusammenhalt an der Schule sei schon immer gut gewesen. "Wir merken auch jetzt, dass diese Gemeinschaft uns trägt." Ein 17-jähriger ehemaliger Schüler hatte am 11. März das Gebäude gestürmt, 60 Schüsse abgefeuert und zwölf Menschen erschossen. Auf seiner Flucht ermordete er drei weitere Menschen und tötete sich dann selbst.
Wie tief die Angst nach dem Blutbad sitzt, zeigt der Wunsch der Schüler nach mehr Polizeipräsenz in und um die neue Schule. Frik- Helber sagt, dies trage zum Gefühl der Geborgenheit bei. Während der Unterrichtszeit macht ein privater Sicherheitsmann Kontrollgänge. Die beiden Eingänge werden per Videokamera überwacht. Zwei Notausgänge sind installiert. Mit der Polizei führt man einen Dialog über Gewaltprävention.
Oberbürgermeister Fritz ist sich bewusst, dass die Wunden nicht durch kurzfristige Aktionen wie ein Treffen der Verletzten des Amoklaufs, einen Musical-Besuch und ein Open-Air-Konzert für die Albertville-Schüler geheilt werden können. Von Spendenmitteln in sechsstelliger Höhe will er für langfristige Bedürfnisse der Schüler einen Teil zurückhalten. Auch in fünf oder sechs Jahren sei es möglich, dass vom Amoklauf Betroffene Hilfe brauchten: "Der 11. März wird noch lange nachwirken."