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9. November 2009, 14:22 Uhr
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Wie gestört war Tim K.?

Was ging in dem Amokläufer von Winnenden wirklich vor, der am 11. März 15 Menschen und sich selbst tötete? Über diese Frage ist ein Streit zwischen zwei renommierten Psychiatern entbrannt. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob Tim K. von masochistischen Phantasien gequält wurde. Von Ingrid Eißele

Amoklauf, Winnenden, Tim K.,  Du Bois,

Was ging in ihm vor? Über die Psyche von Amokläufer Tim K. streiten die Experten© DDP

Über die Psyche des Amokläufers von Winnenden, Tim K., ist ein Streit zwischen Psychiatern entbrannt. Der Tübinger Peter Winckler hat im Auftrag von fünf Opferfamilien das offizielle Gutachten des Stuttgarter Kollegen Reinmar du Bois überprüft und kam zu dem Schluss: Die These seines Kollegen, dass Tim K. ein Masochist gewesen sein soll, der sich an Frauen rächen wollte, sei durch nichts belegt und "völlig spekulativ". Die Opferangehörigen fordern einen öffentlichen Prozess gegen den Vater Jörg K., der diese und andere offene Fragen zu klären hilft.

Nach dem Mord an 15 Menschen in Winnenden und Wendlingen hatten Polizei und Staatsanwaltschaft den Amoklauf und die Vorgeschichte von Tim K., der sich selbst erschossen hatte, minutiös aufgearbeitet. Als Kernstück der Ermittlungsakten gilt das psychiatrische Gutachten von Reinmar du Bois. Der Stuttgarter Kinder- und Jugendpsychiater erhielt von der Staatsanwaltschaft den Auftrag, die Persönlichkeit des 17-Jährigen posthum zu analysieren und außerdem zu klären, inwieweit seine Eltern von den psychischen Problemen, insbesondere auch von Mordgedanken ihres Sohnes, wussten.

Du Bois: Masochistische Sexphantasien quälten Tim K.

Du Bois, ein renommierter Psychiater und erfahrener Gutachter in vielen Prozessen, kam zu dem Schluss, dass Tim K. ein unreifer, zwischen Selbstzweifeln und Allmachtsphantasien schwankender Jugendlicher war, der keine Freunde hatte und sich vor allem über den Leistungssport definierte . Sein Vorbild sei der Vater gewesen, der den Sohn überhöht und ihn trotz seiner seelischen Probleme zum Schießsport gebracht habe. Tim habe nach Selbstständigkeit gestrebt, sei aber zugleich mit dem Vater eng in einer "phantasierten Waffenbrüderschaft" verbunden gewesen, aus der er sich schwer lösen konnte.

In diesem Punkt sind sich die Gutachter einig. Nicht aber bei angeblich sexuellen Störungen, die du Bois als wichtigen Erklärungsansatz für das Motiv nimmt. Tim K., so behauptet du Bois, habe masochistische Sexphantasien gehabt. Diese hätten ihn derart gequält, dass er ihnen über "aggressive Gegenhandlungen" entfliehen wollte - über "das reale Abschießen von scharfer Munition." Wegen seiner Phantasien habe er Hilfe in einer Klinik gesucht, sie aber verschwiegen, weil er sich "vermutlich selbst verachtete". Diese Bilder begannen Tim K. "immer stärker und qualvoller zu beherrschen", schreibt du Bois - bis hin zum Massenmord.

Winckler: Unseriöse "Perversionstheorie"

"Erstaunlich" fand der Waiblinger Opferanwalt Jens Rabe diese These und beauftragte daher den Tübinger Psychiater Peter Winckler, das Gutachten zu überprüfen. Der kam zu einem ähnlichen Schluss: Er hält die "Perversionstheorie" des Kollegen für geradezu abenteuerlich und für unseriös, denn es gebe keinerlei Beweis dafür. Der einzige Hinweis auf eine "masochistische Persönlichkeit", wie sie du Bois diagnostizierte, seien so genannte Bondage-Bilder auf Tim K.'s Computer. Sie zeigten verschnürte Männer, die von Frauen gequält werden.

Über die sexuellen Phantasien von Tim K. sei ansonsten "faktisch nichts bekannt", weder eigene Tagebuchaufzeichnungen noch Zeugenaussagen. Auch du Bois selbst spricht in seinem Gutachten zunächst nur von einer "Vermutung", die aber in Gewissheit mündet: Tim K. "kam zu dem Schluss, dass er mit diesem Problem allein bleiben würde oder eigene Lösungen zur Selbstbefreiung unternehmen müsse," schreibt der Kinder- und Jugendpsychiater.

Als eine mögliche Ursache für den Masochismus erwähnt du Bois die "mächtige, frustrierende, aber unverzichtbare Mutter". Auch dies sei durch nichts untermauert, kritisiert Winckler. Es sei wohl "die psychodynamische Phantasie mit Professor du Bois durchgegangen". Tims Mutter musste wegen einer Krebserkrankung längere Zeit in die Klinik, als ihr Sohn etwa elf Jahre alt war. Du Bois hatte betont, dass sie "länger emotional für Tim nicht verfügbar war". Auf Anfrage von stern.de wollte sich du Bois zu der Kritik nicht äußern.

Zentrale Fragen ohne Antworten

Ist es nur ein Expertenstreit um professorale Eitelkeiten? Mitnichten. Denn das Motiv von Tim K. ist bis heute nicht geklärt. Zentrale Fragen blieben bisher unbeantwortet: Zum Beispiel die, ob der Amokläufer gezielt weibliche Opfer suchte oder sie Zufallsopfer waren, weil sie am nächsten saßen. Der Täter hat - bis auf einen kurzen widersprüchlichen Kommentar - keine Botschaft hinterlassen, die das Motiv für seinen Amoklauf erhellen könnte. Deshalb sind die Angehörigen, aber auch die Justiz, auf die Analysen des Gutachters angewiesen.

In den kommenden Tagen entscheidet der Stuttgarter Generalstaatsanwalt darüber, ob Anklage gegen den Vater erhoben wird oder ob er "nur" einen schriftlichen Strafbefehl beantragt. Beim Strafbefehl gäbe es für die Angehörigen keine Möglichkeiten mehr, ihre Fragen zu stellen. Und für die Öffentlichkeit keine Transparenz.

Gutachtenkritiker Winckler sucht das Motiv vor allem in der "sozialen Unbeholfenheit" von Tim K. und dem hohen Erwartungsdruck des Vaters. Das Dilemma, stets der "Beste" sein zu wollen und zugleich zu versagen, habe für eine "explosive Mischung" gesorgt. An diesen Widersprüchen, so Winckler vorsichtig, "könnte Tim K. schließlich innerlich zerbrochen sein."

Von Ingrid Eißele
KOMMENTARE (10 von 18)
 
nolimit (11.11.2009, 12:29 Uhr)
Fallen eigentlich keinem "Qualitätsjournalisten" die vielen Ungereimtheiten des Falles auf? Tim K. wurde von niemandem identifiziert, wo ist der Kampfanzug geblieben, was geschah mit der Maske? Was machte Igor Wolf vor der Klinik? Wie kann jemand mit Beinschüssen noch stundenlang agieren und weitere Personen erschießen? Haben Sie mal jemanden befragt, der schon mal ein Beinschuss erlitten hat? Ich kann Ihnen versichern, Sie rühren sich nicht mehr von der Stelle vor Schmerz und werden wg. Blutverlust irgendwann bewusstlos.
Das sind alles Umstände, die "Qualitätsjournalisten" doch recherchieren können sollten, als einfach voneinander abzuschreiben...
MadDoubleF (10.11.2009, 07:09 Uhr)
@Swissmiss
Wenn Sie sagen "v.a. Frauen/Mädchen", waren also auch männliche Opfer darunter. Somit deutet das eben nicht auf eine Tat mit sexuellen Hintergründen. Da ich aber kein Psychologe bin, will und werde ich mich nicht so definitiv festlegen. Alles, was ich schreibe, ist "nur" meine Meinung.

@SirExekutive nochmal
Ich habe zu keiner Zeit bezweifelt, dass der Junge intelligent war. Und dass der Inhalt des Briefes an sich richtig ist bzw. auch meine Meinung widerspiegelt, hatte ich bereits geschrieben. Ich hatte lediglich die Echtheit des Briefes angezweifelt und war damit auch nicht der Einzige. Vielleicht hat er sogar einen Brief geschrieben. Machen einige, die eine solche Tat (Massenmord könnte man schon sagen) planen. Wir werden es wohl nie erfahren. Genauso wenig, wie die eigentlichen Beweggründe.
Epedemic (09.11.2009, 18:47 Uhr)
@ SirExekutive
Ich habe mir ihre Text genau durchgelesen und habe ähnliche Ansichten wie Sie.

Ich bin auch noch relativ jung und habe wie Sie beschrieben haben große Probleme mit der derzeitigen Entwicklung.

Leider werden ernste Ding zu wenig thematisiert und stattdesen eine Flut von unwichtigen Dingen in den Medien berichtet, welche dort vielleicht kurz angeschnitten werden können. Diese Themen werden jedoch so aufgebauscht, sodass es die Gedanken vieler Menschen viel zu sehr beeinflusst. So glauben viele meiner Bekannten nur noch das was in den Massenmedien verbreitet wird und machen sich keine Gedanken mehr zu unsere System. Der Egoismus wird vorangetrieben und das Allgemeinwohl und das Wir-Gefühl rückt immer mehr in den Hintergrund.

Leider habe ich keine wahren Abschiedsbrief gefunden. Nur einen Artikel aus dem Frankfurter Magazin, der klar als Satire gekennzeichnet ist. Falls jemand einen Link hat würde ich diesen gerne haben.
ZIRRUS (09.11.2009, 18:36 Uhr)
Geltungsgrenzen der Theorien
Solche psychologischen Erklärungsmodelle haben Geltungsgrenzen. Sie können Personen in Ausnahmesituationen eben nicht richtig erfassen. In der Physik ja allseits bekannt: Klassische Mechanik funktioniert nicht mehr in der Quantentheorie, Newtonsche Mechanik nicht mehr in der Relativistik. Der Typ hatte innere Grenzen so weit überschritten, dass er eine (negative) Klasse für sich war.
schlusi09 (09.11.2009, 17:05 Uhr)
Nutzen???
wem bitte nutzen jetzt noch psychatrische gutachten,egal welches ergebnis die haben wollen???auch ein verfahren gegen die eltern/den vater,bringt doch nicht wirklich gegugtuung,oder???die angehörigen der opfer tun mir ganz genauso leid wie die eltern von tim k.,die genauso opfer sind,oder meint jemand die werden jemals wieder ihres lebens froh???und es steht ja wohl ausser frage,das die eltern das verhindert hätten,hätten die auch nur einen schimmer ahnung gehabt,was ihr sohn vorhat.
SirExekutive (09.11.2009, 16:58 Uhr)
@MadDoubleF
vorweg, finde es toll, das sie sich die mühe gemacht haben und den brief selber gesucht/gelesen haben. leider ist es heute sehr selten das menschen sich die mühe machen und z.b. ausführlicher mit den diskussiongegenständen auseinander setzten.
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was es ihren einwand angeht, so gibt es in der tat die bedenken, das es sich um ein fake handelt. bzw. fairer ausgedrück von jemand anders geschrieben wurde.
eben weil er zum teil sehr intelligent/sachlich formuliert wurde.
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aber da muss ich aus eigener erfahrung zu sagen, das es schon ein haufen individuen gibt die selbst in relativ jungen jahren hoch intelligent sind. und gerade diese sind es dann auch, welche imense probleme mit der gesellschaft bekommen.
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und gerade das bild der gesellschaft aus der sich eines hoch intelligent jugendlichen könnte dramatischer gar nicht erst sein.
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deshalb würde das schon passen. zumal das schreiben an sich immer eine individuelle sache ist und je nach mensch man einem unterschiedlichen bezug dazu hat. so kann es sein das jemand in sich die veranlagung hat immer ruhig und sahclich zu formlieren, egal wie sehr er inenrlich aufgewühlt ist.
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zumal kann es sein das sein hass gegen die gsellschaft ein intellektueller war und auf grund dessen nicht so stark von den gefühlen beeinflusst wurde.
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und selbst wenn der abschiedsbrief ein fake war, beinhaltet er doch alles, was viel mehr gegenstad der alltäglichen diskusion werden sollte. aber in dieser diskussion wären eben jeder mensch mitschuldig. jeder mensch wäre mitverantwortlich und jeder mensch wäre dazu gezwungen um zu denken.
aber das ist vielen menschen zu umständlich. so schalten sie lieber ab, suchen die gründe in banalen nebensächlichkeiten und können weiter so leben wie bisher.
Swissmiss (09.11.2009, 16:41 Uhr)
@ MadDoubleF
"Mal abgesehen davon, dass die sexuelle Ausrichtung des Jungen nichts mit der Tat an sich zu tun hat, wayne interessierts." Was macht Sie so sicher? Schliesslich hat der Typ v.a. Frauen/Mädchen erschossen. Er konnte mit einer Waffe umgehen und hat recht gezielt geschossen - und v.a. auf Frauen/Mädchen gezielt. Also wenn das nicht darauf deutet, dass der Täter eine - sagen wir mal - verquerte Einstellung zum weiblichen Geschlecht hatte und die Tat somit sehr wohl mit seiner sexuellen Ausrichtung zu tun hat?
H.P. (09.11.2009, 16:36 Uhr)
alles nur Spekulation
Keiner der Psychologen kennt die wirklichen Zusammenhänge wie es zu dieser Tat kam, alles nur Spekulation.
Vielleicht fehlte diesem jungen Menschen einfach nur die Liebe und etwas mehr Verständnis in unserer kalten Gesellschaft. Aus Angst und Schwäche entstehen Wut und Hass.
Administrator (09.11.2009, 15:33 Uhr)
@endbenutzer
Wir haben nie behauptet, dass Ihr Kommentar ausländerfeindlich war. Wir haben nur beschrieben, wie die Tendenz in der Diskussion um den Dresden-Prozess nach unseren Erfahrungen verläuft.
Administrator (09.11.2009, 15:04 Uhr)
@rektalvioline

Ihr Kommentar wurde gelöscht, bitte argumentieren Sie sachlich.

Herzliche Grüße,

Ihre stern.de-Admins

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