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29. September 2008, 10:33 Uhr

Mord aus Angst, den Vater zu verlieren

Bis zum Schluss hatte der 22-Jährige die Tat abgestritten. Doch alle Indizien sprachen gegen ihn, nun ist der Unternehmersohn zu acht Jahren Haft verurteilt worden - wegen Mordes an seiner Schwester. Dem verzweifelten Vater fällt es schwer, an die Schuld seines Sohnes zu glauben. Von Kerstin Schneider und Oliver Link

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte seine Schwester in ihrer Wohnung in Kiel erschlagen hatte© Colourbox

Mit gebeugten Schultern steht Claus-Dieter W. in den Verhandlungspausen auf dem Gerichtsflur, wirkt verloren, obwohl er fast zwei Meter groß ist. Vor zweieinhalb Jahren ist seine Tochter Viktoria ermordet worden. Drinnen, im Saal 137 des Kieler Landgerichts, sitzt nun der Mann auf der Anklagebank der Jugendkammer, den die Staatsanwaltschaft für ihren Mörder hält: Es ist Viktorias Bruder Christopher, der Sohn von Claus-Dieter W.

Für den Vater ist kaum auszuhalten, was Staatsanwalt Dr. Matthias Daxenberger seinem Sohn vorwirft: Christopher W., heute 22 Jahre alt, soll seine Schwester in der Nacht zum 21. Januar 2006 mit einem "halbscharfen Gegenstand" erschlagen haben. In ihrem Bett. Während sie schlief. Mit "mindestens elf Schlägen", die so wuchtig waren, dass sie den Schädel der 21-jährigen Studentin zertrümmerten und ihre Luftröhre abrissen. "Das ist mehr, als man ertragen kann", sagt der Vater.

Angeklagter bestreitet Mord

Kain erschlug Abel, weil Gott dessen Tieropfer bevorzugte. Kain war eifersüchtig. War Christopher W. eifersüchtig auf seine Schwester? Der Angeklagte bestreitet die Tat. Vor Gericht sagt er: "Ich habe meine Schwester nicht getötet. Ich mochte sie. Ich hätte ihr nie so etwas antun können." Mit stoischer Miene verfolgt er Stunde um Stunde die langen Verhandlungstage, so, als ginge ihn dieser Prozess nichts an. Christopher W. sieht jünger aus, als er ist. Sein Gesicht ist glatt, ohne Bartwuchs. Er trägt immer denselben grauen Anzug, dazu eine dunkle Krawatte und ein blassblaues Hemd. Er ist groß, wie sein Vater, hat dunkle Haare und Augen, buschige Brauen, eine lange Nase, wulstige Lippen, wirkt linkisch, wie jemand, der im eigenen Körper nicht zu Hause ist. Er geht gebeugt, die Schultern hängen. Wenn er vor dem Richtertisch steht, um sich Asservate anzusehen - das Türschloss der Wohnung seiner Schwester zum Beispiel -, verschränkt er die Beine, klemmt den rechten Fuß hinter den linken. Ab und an huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Ein Lächeln, das eher spöttisch, überlegen, fast ein bisschen überheblich wirkt.

Christopher W. stammt aus einer reichen Unternehmerfamilie. Als er drei Jahre alt war, trennten sich seine Eltern. Seine ältere Schwester Viktoria, damals fünf, wollte zur Mutter, Christopher W. zum Vater. Die Mutter, eine hoch gewachsene, dunkelhaarige Frau, kann vor Gericht nicht erklären, warum ihr Sohn damals nicht zu ihr wollte. "Ich habe das auch nie verstanden", sagt Ines T. Sie ist blass, hat dunkle Ringe unter den Augen. Trotzdem wirkt sie unterkühlt, geradezu sachlich. Der Sorgerechtsstreit habe "starke Störungen" bei Christopher hervorgerufen, sagt sie. Als sie in der Verhandlungspause zu ihrem Sohn geht und vorsichtig seinen Oberarm tätschelt, zuckt der zurück und blickt zur Seite.

Der Junge entwickelte starke Verlustängste

Im Kampf um ihr Kind zog die Mutter damals offenbar alle Register, wie sich im Laufe der Verhandlung herausstellt. Damit ihr Sohn bei ihr blieb, schenkte die Mutter ihm ein Mountainbike, das ihm der Vater zuvor verwehrt hatte. Die Mutter weigerte sich, das Kind herauszugeben, so dass der Gerichtsvollzieher anrücken musste, um Christopher W. zum Vater zu bringen. Immer wenn der Junge wieder zur Mutter sollte, weinte er bitterlich.

Erst nach einem "erbitterten Sorgerechtsstreit", wie die Eltern die damalige Auseinandersetzung heute bezeichnen, sprach das Familiengericht dem Vater den Sohn zu. Der Junge hatte inzwischen so starke Verlustängste entwickelt, dass der Vater sich kaum einen Schritt entfernen konnte. "Einmal, im Urlaub, durfte ich nicht mal ins Wasser, weil Christopher weinte. Er hatte Angst, dass ich ertrinken könnte", sagt der Vater bei seiner Vernehmung vor Gericht. Um für seinen Sohn da zu sein, zog sich Claus-Dieter W. aus der Geschäftsführung seines Unternehmens zurück, kümmerte sich fortan um das Kind.

Beide hatten am selben Tag Geburtstag

Auch zu seiner Tochter Viktoria, die nun etwa 250 Kilometer entfernt bei der Mutter lebte, baute Claus-Dieter W. ein inniges Verhältnis auf. Viktoria kam Vater und Bruder oft besuchen, fuhr mit ihnen in den Ferien ans Meer. Claus-Dieter W. gerät noch heute ins Schwärmen, wenn er von seiner Tochter spricht. "Wir hatten viel gemeinsam. Sie war weltoffen, naturverbunden und liebte Tiere, so wie ich." Beide hatten am selben Tag Geburtstag. Viktoria schaffte ihr Abitur mit 1,9. Der Vater habe daraufhin Christopher unter Druck gesetzt, behauptet eine ehemalige Lebensgefährtin von Claus-Dieter W. vor Gericht. "Nimm dir mal ein Beispiel an Viktoria", habe der Vater seinen Sohn immer wieder angestachelt.

Claus-Dieter W. bestreitet das nicht. "Aber ich habe nicht die Leistung, sondern ihre Lebenslust gemeint", betont der Vater. Während Viktoria sehr "unternehmungslustig" und "kontaktfreudig" gewesen sei, habe sich ihr Bruder "zum Individualisten entwickelt", der "sich schon mit 14 in den Börsenteil der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung' vertieft" und "nur noch in Zahlen geredet" habe, sagt der Vater. Dass Viktoria sein Lieblingskind gewesen sei, bestreitet er. "Ich hatte kein Lieblingskind, ich war immer stolz auf beide Kinder."

Silvester 2005 brach der Konflikt auf

Auch Christopher hatte in der Schule gute Noten, schaffte das Abitur mit 2,3. Eine halbe Note schlechter als seine Schwester, die ihm auch sonst immer einen Schritt voraus war. Sie studierte Betriebswirtschaftslehre in Kiel, wollte ins Management wie ihr Vater, träumte von einem Job im Ausland. Er begann eine solide Ausbildung zum Vermögens- und Anlageberater in einer Bank in München. Beide Geschwister müssen einen etwas zu ausgeprägten Ehrgeiz gehabt haben. Christopher W. habe in der Berufsschule eine Klausur aus der Tasche seiner Lehrerin geklaut und sie abfotografiert, sagt ein ehemaliger Mitschüler. "Viktoria hat mir vorgeschlagen, eine Klausur von dem Notebook des Professors herunter zu laden", gibt eine Kommilitonin zu Protokoll.

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