Kevin hätte gerettet werden können - das ist inzwischen amtlich. stern.de liegen Zeugenaussagen vor, die belegen, wie Hinweise auf Misshandlungen des Jungen von den Bremer Behörden regelrecht abgewiegelt wurden. Von Kerstin Schneider und Inken Ramelow

Eine Nachbarin sitzt vor dem Eingang zu dem Wohnhaus in Bremen-Groepelingen, in dem der tote Kevin gefunden worden war© Marcus Posthumus/DDP
Kevins Kinderarzt hat es vorausgesehen. "Das sind die Fälle, von denen man sonst nur in den Zeitungen liest und sich fragt, warum so etwas passieren kann", will er zu Kevins zuständigem Sozialarbeiter dem so genannten "Casemanager" gesagt haben. Der Arzt sollte Recht behalten. Am 10. Oktober wurde der zweijährige Kevin tot im Kühlschrank seines vermeintlichen Vaters, dem drogensüchtigen Bernd K., gefunden. Das Kind wies zahlreiche Knochenbrüche auf. Bernd K., der, wie sich inzwischen herausgestellt hat, gar nicht Kevins leiblicher Vater war, steht unter Verdacht, den Jungen getötet zu haben.
Dass Kevin hätte gerettet werden können, wenn die Behörden die Warnungen aus dem Umfeld des Jungen ernst genommen hätten, ist inzwischen amtlich: Der Bericht mit den Fehlern der Bremer Sozialbehörde, den Justizstaatsrat Ulrich Mäurer (SPD) am Dienstag vorgestellt hat, umfasst 57 Seiten. Darüber hinaus haben sich - wie stern.de aus Justizkreisen erfuhr - eine Reihe von Zeugen gemeldet, die detailliert schildern, wie sie von den Behörden abgebügelt wurden, als sie den Verdacht äußerten, Bernd K. würde Kevin misshandeln.
Darunter ist auch Kevins Kinderarzt, der den Jungen im August 2004 das erste Mal sieht. Kevins drogensüchtige Mutter Sandra K. ist HIV-infiziert, macht sich Sorgen, dass sie die tödliche Immunschwäche auf ihren Sohn übertragen hat. Ein Labortest entkräftet den schlimmen Verdacht: Kevin ist nicht HIV-positiv. Bernd K. sei nicht besorgt, sondern "unterschwellig aggressiv" gewesen, erinnert sich der Arzt.
Einen Monat später, im September 2004, kommt das Paar mit Kevin wieder in die Praxis. Der Junge weint unaufhörlich. Sandra K. wirkt besorgt. Der Kinderarzt untersucht den Kleinen und stellt Schwellungen an den Knochen fest. Sofort hat er den Verdacht, dass Kevin misshandelt worden ist. Bernd K. versucht, den Arzt zu beschwichtigen: "Kevin verfängt sich immer in den Gitterstäben seines Bettchen." Der Arzt weist das Kind eigenen Angaben zufolge in die Klinik ein, und zwar mit dem ausdrücklichen Hinweis auf ein "Battered Child Syndrom", also einer Kindesmisshandlung. In der Klinik wird festgestellt, dass die Werte von Kevins Knochenstoffwechsel verändert sind. Die Ursache ist unklar. Solche Auffälligkeiten können neben einer Misshandlung auch organische Ursachen haben.
Am 25. Oktober erfährt der Kinderarzt bei einem Telefonat mit der Klinik, dass Kevin schon seit einer Woche wieder bei seinen Eltern lebt. "Warum bei dem klinischen Befund der Knochenbrüche keine Fremdplatzierung erfolgte, war mir schon damals nicht nachvollziehbar", schreibt der Arzt in einem Erinnerungsprotokoll für die Polizei, das stern.de vorliegt. Er verstehe auch nicht, warum die Klinik ihn als "behandelnden und einweisenden Arzt" nicht kontaktiert habe.
Im November sieht der Kinderarzt Kevin wieder. Der Junge wirkt "aufgeweckt und munter". Bernd K. behauptet, der Kleine sei zuvor von den Nachbarn misshandelt worden. Er wolle jedoch keine Anzeige erstatten, um Ärger zu vermeiden. Der Arzt überweist das Kind, das noch immer ein bisschen schwach ist, zur Krankengymnastik. Bernd und Sandra K. nehmen die Termine nicht wahr. Der Arzt informiert laut eigenen Angaben Kevins "Casemanager". "Ich hatte das Gefühl, der nickt immer ganz freundlich, notiert sich alles, aber tut gar nichts", sagt der Kinderarzt gegenüber stern.de. Angaben, die er inzwischen auch gegenüber der Polizei wiederholt hat.
Anfang 2005 sieht der Kinderarzt seinen kleinen Patienten wieder. Kevin ist abgemagert. Wieder, so heißt es im Gedächtnisprotokoll des Arztes, habe er den "Casemanager" verständigt. Inzwischen steht fest, dass für Kevins Knochenbrüche keine Stoffwechselkrankheit verantwortlich ist. Der Kinderarzt lässt sich diesen Befund - so seine Aussage weiter - von der Klinik bestätigen. Die Kollegen hätten ihm versichert, dass diese wichtige Information selbstverständlich auch an das Jugendamt weitergeleitet werde. "Ich selbst kann trotz wiederholter Versuche niemanden im Jugendamt erreichen", notiert der Arzt in seinem Protokoll für die Polizei.