. .
Panorama-Nachrichten
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
15. Januar 2010, 16:17 Uhr

"Seid Ihr bereit für die Apokalypse?"

Hölle Haiti. Leichen überall, es stinkt nach Verwesung. Plünderer marodieren, die Hilfe kommt nicht an. Haitis Botschafter in Berlin rechnet mit 50.000 Toten.

Haiti, Erdbeben, Port-au-Prince, Apokalypse

Über Port-au-Prince hängt der Geruch verwesender Leichen. Nur mit zugehaltener Nase erträgt diese Frau den Gang durch die Stadt© Marco Dormino/AFP

Schon die Begrüßung war entsetzlich: "Seid Ihr bereit, die Apokalypse zu sehen?", fragte ein Bewohner der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince Helfer und Berichterstatter. Wer es nicht ist, der sollte dieser Tage nicht in den Karibikstaat reisen. Das Erdbeben dort dürfte nach Einschätzung des Botschafters in Berlin, Jean Robert Saget, mindestens 50.000 Menschenleben gekostet haben. Es sieht aus wie nach einem Krieg - und so riecht es auch: Verwesung liegt allerorten in der Luft. Betroffen von den Erdbebenfolgen sind 3,5 Millionen Menschen, 300.000 von ihnen sind obdachlos.

Die Haitianer klagen über mangelnde Hilfe aus dem Westen, da die Hilfslieferungen nicht ankommen, was vor allem an der chaotischen Situation auf dem Flughafen von Port-au-Prince liegt. "Drei Tage und noch immer keine Hilfe. Ich verstehe einfach nicht, was da los ist", sagte ein verzweifelter Mann im Fernsehen und blickte zum Himmel. Geht der Blick auf die Erde, sieht man Plünderer die durch die Straßen ziehen. Ein UN-Mitarbeiter hat dafür sogar Verständnis: "Wenn Menschen innerhalb von 50 Stunden weder gegessen noch getrunken haben und dann einen zertrümmerten Lastwagen oder Supermarkt sehen, werden sie natürlich losgehen, um sich da was zu essen zu holen."

Die Stimmung der Bevölkerung ist unberechenbar

Den Vereinten Nationen war ein Lagerhaus geplündert worden - ein Depot, das bereits vor dem Beben vom Dienstag in dem Karibikstaat eingerichtet worden war. Es ist unklar, wieviel von den Vorräten von rund 15.000 Tonnen noch übrig ist. Auch zahlreiche Lebensmittelgeschäfte wurden ausgeräumt. Die UN stufen die Ernährungssituation von rund zwei Millionen Haitianern schon länger als prekär ein. Die noch nicht geraubten Lebensmittel vor Ort sollten nun schleunigst verteilt werden, sind aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Da auch drei Tage nach dem Beben viele Opfer noch keine Hilfe erhalten haben, spitzt sich die Sicherheitslage zu. Der Leiter der Schweizer Einsatzzentrale auf Haiti, Hans-Peter Lenz, sagte, die Helfer könnten sich nur noch tagsüber bewegen. Die Menschen würden immer verzweifelter. "Es ist deshalb abschätzbar, dass sich die Lage verschärfen wird, wenn keine Hilfe kommt." Eine Aussage des Helfers Eric Auguste verdeutlicht, wie unberechenbar die Lage ist: "Das hier ist ein Land, in dem man gar nichts vorhersagen kann - die Stimmung kann innerhalb von Minuten umschlagen. Man kann rein gar nichts als gegeben ansehen."

Bei Katastrophen fällt eigentlich den Vereinten Nationen die Aufgabe zu, die internationalen Hilfsmaßnahmen zu koordinieren. Dies sei wegen der Verluste der Organisation derzeit aber kaum möglich. Beim Einsturz des UN-Gebäudes auf Haiti wurden mehrere Menschen getötet, unter anderem der Leiter der UN-Mission. 200 Mitarbeiter der Organisation werden vermisst. Erschwerend kommt für die Helfer hinzu, dass die Infrastruktur, darunter das Mobilfunknetz, zusammengebrochen ist.

Wer das Erdbeben überlebte, ist jetzt dennoch in Gefahr

Für viele Haitianer läuft die Uhr ab: In Port-au-Prince gab es am Freitag kaum sauberes Trinkwasser oder Nahrung. Aufgebrachte Überlebende türmten aus Protest gegen die Zustände hunderte Leichen zu Barrikaden auf. Insbesondere Kinder sind nach Angaben von Unicef von Krankheiten wie Typhus und Cholera, Malaria und Dengue-Fieber bedroht.

Es werden vor allem Ärzte und Krankenschwestern, aber bittererweise auch Leichensäcke dringend benötigt. Um die Masse der Verletzten medizinisch versorgen zu können, wollen die UN das nationale Fußballstadion des Landes in ein Lazarett verwandeln. "Wir prüfen diese Möglichkeit zusammen mit den haitianischen Behörden, um den internationalen Ärzteteams Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen", sagte Nothilfekoordinator John Holmes in New York. Höchste Eile sei geboten: "Viele Überlebende haben schwerste Verletzungen, komplizierte Brüche und zerschmetterte Gliedmaßen."

Für viele Verschüttete dürfte die dreitägige Verzögerung bereits den Tod bedeuten. Ein Mensch kann nur etwa drei Tage ohne Trinken überleben. In Haiti herrschen Tagestemperaturen um 30 Grad. Noch immer graben die Menschen mit bloßen Händen in den Trümmern nach Überlebenden. Bereits die dritte Nacht in Folge verbrachten die meisten Einwohner von Port-au-Prince im Freien - aus Angst vor Nachbeben oder weil ihre Häuser zerstört sind.

Ex-Präsident Aristide will zurück nach Haiti kommen

Unterdessen könnten auch politische Folgen drohen: Ex- Präsident Jean Bertrand Aristide plant, aus dem Exil in Südafrika zurück in die Heimat zu kehren. "Wir können es nicht erwarten, mit unseren Schwestern und Brüdern in Haiti wieder zusammen zu sein", sagte Aristide am Freitag in Johannesburg. Er und seine Frau seien bereit, unverzüglich heimzukehren und mit den Menschen in Haiti "ihr Leid zu teilen, das Land wieder aufzubauen", sagte der 57-Jährige. Angesichts der schrecklichen Ereignisse möchte er wie alle Haitianer in der Welt nach Hause, um zu helfen, sagte er, seine sichtlich erschütterte, fast weinende Frau neben sich.

Der ehemalige Arbeiterpriester wurde 1990 bei den ersten freien Wahlen des karibischen Inselstaates zum Präsidenten gewählt. Bereits im September 1991 wurd Aristide von Militärs gestürzt, 1994 wurde er mit Unterstützung der USA erneut als Präsident eingesetzt. 2004 musste Aristide dann angesichts bürgerkriegsähnlicher Unruhen und Skandalen sowie nach Intervention der USA und Frankreichs das Land verlassen. Der Politiker fand mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern Exil in Südafrika.

Spendenkonten Mehr als 50.000 Menschen sind bei dem schweren Erdbeben in Haiti ums Leben gekommen. Unzählige sind obdachlos, verletzt und hilfsbedürftig. Wenn Sie für die Opfer der Naturkatastrophe spenden wollen, finden Sie hier eine Liste mit Hilfsorganisationen, die vor Ort die Bedürftigen unterstützen.

Personensuche des Roten Kreuzes Zahllose Menschen werden seit dem verheerenden Erdbeben in Haiti vermisst. Das Internationale Rote Kreuz gibt auf einer speziellen Web-Site die Möglichkeit, nach vermissten Verwandten und Freunden zu suchen.

Dort sind bisher bereits mehr als 14.000 Vermisste registriert, die Zahl der Einträge steigt weiter.

ben/DPA/AFP
 
 
KOMMENTARE (10 von 12)
 
Administrator (18.01.2010, 08:37 Uhr)
Liebe User,
vielen dank für Ihre Beiträge. Wir mussten an dieser Stelle einige löschen - bitte diskutieren Sie sachlich.

Herzliche Grüße,

Ihre stern.de-Admins
confused (16.01.2010, 22:10 Uhr)
endlich ein grund endlos geld
dorthin zu entsenden:
Laut Wikipedia:
"Von den rund achteinhalb Millionen Einwohnern leben über 65 Prozent der Gesamtbevölkerung unterhalb der absoluten Armutsgrenze. Rund 50 Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter sind arbeitslos, ebenfalls die Hälfte der Bevölkerung ist unterernährt."
"Die Lebenserwartung beträgt im Schnitt 50 Jahre (2006). Die Säuglingssterblichkeit lag im Jahre 1997 bei 9,2 %, die Kindersterblichkeit bei 13,2 %. "
Wenn man sich diese Zahlen einmal vor Augen hält bei einer Gesamtbevölkerung von 8.5 Mio so sind die ca. 100 bis 200 tausend Tote dort "normale" zahlen.
So hart es auch klingen mag, meiner Meinung nach sollte unsere Regierung die 7,5 Mio Euro die sie dorthin ausgeben will lieber mal in D-Land an die armen und ärmsten verteilen - jedoch halt, sind ja deutsche denen geht es ja alle gut. Braucht ja keiner Hilfe hier. . . .
Corazito3333 (16.01.2010, 20:24 Uhr)
die lieben Franzosen
sie haben Haiti ausgeblutet, alles Holz abgeholzt aber nicht aufgeforstet......... "die Franzosen" aber wer namentlich übernimmt die Verantwortung, keiner!!!
Es muß geholfen werden klar und schnell, aber wie wenn es keine funktionierende Infrastruktur gibt.
stefanh045 (16.01.2010, 03:46 Uhr)
Danke,@Real Rock.
Seit Jahren kaempfe ich fuer die Verbreitung dieser Idee. Nur hat sie einen Fehler: man verdient kein Geld damit! So einfach,so genial. Und so zynisch und menschenverachtend das Totschweigen und Blockieren im Zeichen Mammons.
maximilianmoritz (15.01.2010, 23:38 Uhr)
Nur Vorbeugung und Vorsorge
funktionieren bei Katastrophen. Das ist leider so und das war auch schon bei Hurricane Katrina in New Orleans nicht anders. Als falsch konzipierte und schlecht gewartete Deichsysteme, der Zusammenbruch der Kommunikationsinfrastruktur und die Weigerung eines Teils der Bevoelkerung zu evakuieren zusammenkamen, waren die Rettungsmannschaften vor eine unloesbare Aufgabe gestellt. Dabei ist es egal wer Praesident ist, es sei denn er kann zaubern.
Im Vergleich zu New Orleans ist die Situation in Haiti sicher noch um Groessenordnungen schwieriger.
Dabei lag es nicht am Geld. Die USA hat seit den Clinton Jahren ueber 3 Milliarden Dollar Unterstuetzung in das Land gepumpt, die spurlos verschwunden sind.
Die Infrastruktur war marode und es fehlte eigentlich alles, was man in einem bekannten Erdbebengebiet fuer den Ernstfall in Vorrat halten sollte.
Trotzdem muss jetzt natuerlich alles getan werden, um diesen armen Menschen so schnell und so gut wie moeglich zu helfen. Dass diese Hilfe fuer die Mehrzahl der Betroffenen zu schleppend und fuer viele zu spaet kommt ist schlimm. Jedoch soltte man sich mit der vorschnellen Kritik an der Rettungsaktion zurueckhalten.
RealRock (15.01.2010, 21:36 Uhr)
@stefanh045
Danke für Deinen wertvollen Beitrag!!
Vielleicht sollte da noch ein Link stehen:

http://www.sodis.ch/methode/anwendung/index_EN

Ich habe die Information an 2 jamaikanische Radiostationen gesendet, weiß nicht, ob's was bring, aber vielleicht kann man die ja auch auf Haiti hören...
RealRock (15.01.2010, 20:18 Uhr)
Zu teuer?!?
Wie soeben in den Hauptnachrichten der Tagesschau berichtet, verzögert sich der Hilfstransport des DRK um einen Tag aufgrund logistischer Probleme.

Eine Anfrage an das Auswärtige Amt, eine Bundeswehrmaschine bereitzustellen wurde mit der Begründung "tu teuer" abgeleht!
horst.pachulke (15.01.2010, 18:35 Uhr)
@ chatahootchee:
Die UN hat das selbe Problem wie alle (Behörden) im Katastrophengebiet: Alles ist kaputt, wichtige Anprechpartner und Material fehlen weil zerstört.
So viele Menschen von der UN waren da nicht. Die Mission wird wohl unterfinanziert sein...
stefanh045 (15.01.2010, 18:35 Uhr)
EAWAG/sodis
KOSTENLOS Wasser keimfrei machen. Man benoetigt lediglich leere PET- Flaschen. Dies lesen und alle Wege gehen, die Haitianer zu informieren. Das kann massenhaft Leben retten!
stefanh045 (15.01.2010, 18:30 Uhr)
zu UNO
Ein Huehnerhaufen! Warum befragt man nicht einfach Kenner dieses Landes, bevor man sich zu lebensgefaehrlichen Schnellschuessen entschliesst. Jeder Insider wusste, dass eine funktionierende Infrastruktur schon vor dem Beben nicht existent war. Dass mit massenhaften Uebergriffen auf die Hilfsmannschaften zu rechnen ist. Es wird Tote geben unter den Helfern. Ausweg: ein Fluechtlingslager auf dominikanischer Seite, wenn moeglich in der Naehe des int. Flughafens Barahona. Ansonsten eine "somalische Loesung". Erst massiv Militaer schicken. Kann aber auch wie dort ins Auge gehen. Niemand darf die Hilfskraefte aus Dummheit verheizen!!
MEHR ZUM ARTIKEL
Stockende Erdbeben-Hilfe Haitianer errichten Barrikaden aus Leichen

Die Hölle auf Erden: Port-au-Prince gleicht einem Massengrab, und dazwischen irren Überlebende des Erdbebens umher auf der Suche nach Hilfe - doch die kommt nicht. Die Verzweiflung schlägt in Wut um. mehr...

Erdbeben in Haiti Haryssa weinte und schrie - bis sie starb

Wunder und Tragödien liegen in Haiti nah beieinander: Während der zweijährige Redjeson gerettet wird, wartet die kleine Haryssa vergeblich auf Hilfe. Sie stirbt vor den Augen ihrer Familie. mehr...

Haiti nach dem Erdbeben Zwei Millionen Kinder sind in Gefahr

Sie irren orientierungslos durch die Straßen, schlafen nachts neben Leichen: Das Erdbeben hat viele Kinder Haitis traumatisiert und zu Waisen gemacht. Etwa zwei Millionen von ihnen sind betroffen. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe