Ein Mann wohnt bei seinen Eltern, hat keine Freundin und seit fast zwei Jahrzehnten denselben Arbeitgeber. Ihm ist langweilig. Auf der Jagd nach einem Kick zieht auch seine Verwandtschaft mit auf die Anklagebank. Von Uta Eisenhardt

Aktenberge und Routine: Irgendwann suchte Martin K. den Kick© Colourbox
Er weiß nicht, warum er das getan hat. Der Richter macht ein paar Vorschläge: "Geldnot, Spielsucht, teure Hobbys?" Nichts dergleichen. Martin Kästner* spricht von einem Kribbeln. "Einfach ein Kick", sagt der 40-jährige Junggeselle. "Wie wenn einer in den Laden geht und was mitnimmt." 111.000 Euro veruntreute der Sachbearbeiter von der Deutschen Rentenversicherung, die besser noch unter ihrer früheren Bezeichnung Bundesversicherungsanstalt für Angestellte bekannt ist.
"Diese Summen, diese Häufigkeit waren nicht geplant. Eigentlich habe ich es nur ein, zwei Mal machen wollen. Dann hat es geklappt und es wurde ein Selbstläufer. Jetzt sind wir hier", sagt der Angeklagte mit einer Stimme, die nach Stimmbruch klingt. Weich fällt sein dunkles volles Haar über die Ohren und mildert die Spitze seiner Nase, auf der eine dezente Metallrandbrille sitzt. Mit schwarzen, blankgeputzten Schuhen sitzt Martin Kästner vor seiner Zwillingsschwester Martina Kollberg*, seinem Cousin Stefan Folkmann* und seiner Cousine Beate Folkmann*. Alle drei stellten ihre Konten für Geld-Transaktionen zur Verfügung: Sie glaubten, ihrem Angehörigen damit einen Gefallen zu tun.
Er hatte ihnen erklärt, ein Kollege lebe in Scheidung und müsse ein wenig Geld beiseite schaffen. "Er hat mir versichert, es ist einmalig. Das war mir auch wichtig", sagt Martina Kollberg. Ihr Bruder meinte, er würde sich melden, wenn das Geld auf ihrem Konto eingegangen sei. Sie solle dann die vollen Tausender auf sein Konto überweisen, die restlichen Hunderter könne sie behalten. "Ich hätte es auch für Null Euro gemacht", sagt die gelernte Friseurin. "Es ging mir nicht um das Geld."
Im Oktober 2005 versuchte der für die Auszahlung von Krankenkosten zuständige Sachbearbeiter, 21.351,35 Euro auf das Konto seiner Schwester zu überweisen: Da nur die Buchstaben "A-D" in seinen Zuständigkeitsbereich fielen, trug er als Empfängerin "Martina Collberg" ein und fertigte eine "Auszahlung ohne Bescheid". Er fälschte die Unterschrift seiner Vorgesetzten und versah das Papier mit einem Stempel, den er aus dem Chef-Zimmer entwendete.
Auch von seiner Cousine Beate Folkmann hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits die Zusage, deren Konto nutzen zu dürfen. Sie war nicht ganz so misstrauisch wie seine Schwester. Zu gut konnte die arbeitslose, alleinerziehende Frau jeden Cent gebrauchen. Sie habe ihre Zweifel an der Herkunft des Geldes ausgeblendet. "Weil ick ihm vertraue und er immer ehrlich war, hab ick es eben gemacht", sagt die 41-jährige. So fälschte Martin Kästner zeitgleich mit der Zahlungsanweisung für seine Schwester noch eine solche über rund 19.400 Euro für seine Cousine, die er zuständigkeitshalber "Beate Bolkmann" taufte. Das Geld für seine Schwester wurde wegen Zuordnungsschwierigkeiten wieder zurück gebucht, die Transaktion zugunsten der Cousine dagegen gelang.
"Dann hat es geklappt und die Verlockung war immer noch da. Ich habe es gemacht und wieder gemacht. Es war ein Selbstläufer", sagt der Hauptangeklagte. In zwei Jahren überwies er 13 Mal Geld an seine Verwandten. Mal vergingen vier Wochen, mal vier Monate, bis der brave Mann wieder diesen Kick brauchte. Ob sich seine Familienangehörigen nicht gewundert hätten, fragt der Richter. "Gestutzt haben die schon. Ich habe das Misstrauen gespürt", sagt Martin Kästner. "Aber ich bin drüber hinweg gegangen. Alle drei haben mir vertraut."