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15. August 2011, 21:18 Uhr

Vom Plündern und Geplündertwerden

Nach der Randale sucht Großbritannien nach einer neuen Normalität. Doch noch stehen sich die Parteien nicht nur im verwüsteten Hackney unversöhnlich gegenüber. Von Cornelia Fuchs und Markus Götting, London

London, Ausschreitungen, Tottenham, Linke, Hackney, Berlin, Randale, Cameron, Angst, Unsicherheit

Siva Kandhia lebt seit 15 Jahren in Hackney. Die Plünderer haben seine Existenz zerstört© Richard Baker

Der Rastaman hat Angst. In der Nacht, als in der Clarence Road im Londoner Stadtteil Hackney die Autos brannten, hat er sich oben in seiner Wohnung verschanzt und kein Auge zugemacht. Und man kann nicht sagen, dass er seitdem besser schläft. "Die kommen wieder, Alter", sagt er. "Und dann brennen auch unsere Häuser."

Kein Name, kein Foto. Rastaman steht vor seinem kleinen Jamaika-Imbiss. Er erzählt, wie er in der Nacht Bratfett heiß gemacht habe, um sich, seinen Laden und seine alte Mama, die nebenan wohnt, zu verteidigen. Fast 1,90 Meter groß sieht er nicht aus wie jemand, mit dem man sich anlegen möchte. Aber die Randale-Kids sind unberechenbar. Und sie sind viele. Rastaman sagt: Gegen die haben wir keine Chance.

Er steht mit seinem Nachbarn auf der Straße. Die Clarence Road war in der vergangenen Woche stundenlang hell erleuchtet - von den Flammen. Sie schimpfen auf die "kleinen Bastarde", und dass man denen eigentlich mal auf die Schnauze hauen müsste. Aber dann kommt einer dieser kleinen Bastarde die Straße herunter geschlurft - und das Gespräch erstirbt. Rastaman schaut zur anderen Straßenseite rüber. Bloß keinen Augenkontakt.

Der junge Kerl trägt eine Lederjacke, nagelneue Timberland-Schuhe und um den Hals einen riesigen Kopfhörer, aus dem Rap-Beats krächzen. "Das ist einer von denen", flüstert Rastamans Nachbar, dessen Gemüseladen unbeschädigt blieb. "Der war der Anführer." Warum zeigt ihr ihn dann nicht an? "Die bringen uns um." Rastaman nickt. "Die haben Waffen, aber kein Gewissen."

15.000 Gang-Mitglieder

Bisher haben sich die Kids vor allem gegenseitig fertig gemacht. Aber kurz bevor London zu brennen begann, schlossen sie Frieden: "Schluss mit den Kiez-Kriegen - wenn ihr einen Bruder seht - grüßt! Wenn ihr einen Bullen seht - schießt!" Diese Botschaft schickte ein Ganganführer mit seinem Blackberry-Smartphone an seine Rivalen. Wenig später sah es in Teilen Londons aus, als herrsche Krieg.

Dieser Schulterschluss war die Kampfansage an die Zivilgesellschaft, ausgerufen von etwa 15.000 Gang-Mitgliedern aus den Sozialwohnungs-Ghettos der Großstadt. Die Gewalt begann dort, wo es die meisten Gangs gibt: Tottenham, Brixton, Hackney, später auch Liverpool, Birmingham und Manchester. Kleine Gruppen Jugendlicher, polizeibekannt, zogen brandstiftend durch die Stadtteile. Ihnen schloss sich eine sehr viel größere Zahl von Opportunisten an. Lehrer waren darunter, eine Ballett-Schülerin, der Koch eines biodynamischen Restaurants und Soldaten-Anwärter. Sie rafften zusammen, was sie aus den aufgebrochenen Geschäften greifen konnten.

Doch es sind nicht diese Gelegenheits-Diebe, die den Londonern Angst machen, auch heute noch, Tage nach den schlimmsten Unruhen. Es sind die Jugendlichen, die hasserfüllt über London herfielen.

Der Krieg nach dem Krieg

Siva Kandhia, 39, räumt seit Tagen seinen Laden auf, stundenlang. Trotzdem stinkt es immer noch faulig. Der Boden ist bedeckt mit einem klebrigen Brei aus Speiseresten und ausgelaufenen Getränken. Sein Cousin schleift Müllsäcke voller Dreck auf die Clarence Road hinaus. Kandiah schließt hinter ihm eilig die Tür von innen ab, als müsse er sich schützen vor den Leuten, die ihm das hier angetan haben. Dabei weiß er, dass sie zurückkommen werden. Ein Großteil derer, die seinen kleinen Tante-Emma-Laden ausgeplündert haben, sind Stammkunden.

Seit elf Jahren steht Kandiah jeden Tag hinter der Theke. Von sechs Uhr morgens bis abends um zehn. Er floh vor 15 Jahren aus Sri Lanka nach London, weg vom Bürgerkrieg, und hat sich hier ein Häuschen mit Garten gekauft. Für sich, seine Frau und die beiden kleinen Töchter. London bedeutete für ihn Frieden und Freiheit. Jetzt fühlt er sich wieder wie im Bürgerkrieg. In einer einzigen Nacht wurde zerstört, was er sich über Jahre aufgebaut hat. Gegen Plünderung ist er nicht versichert.

Kandiah sah live im Fernsehen wie Jugendliche auf seiner Straße Müllcontainer umschmissen und als Barrikaden benutzten. Gegen die Polizei, die mit ein paar Dutzend Einsatzkräften in voller Montur die Straße herunter regungslos an der Kreuzung stand. Die Kids zündeten erst die Container an, dann die Autos am Straßenrand. Kandiah fuhr sofort zu seinem Laden. Als er ankam, hielten ihn erst Polizisten auf, später die Nachbarn: "Wenn du da jetzt rein gehst", sagten sie, "bringen sie dich um". Da stand er, und musste mitansehen, wie sie seine Existenz leer räumten. Jugendliche genauso wie zahnlose Rentner. Leute, denen er regelmäßig Kredit gab, wenn sie gerade ihre Zigaretten oder das Bier nicht zahlen konnten. Siva Kandiah hat geweint wie ein Kind.

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