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Judith Holofernes in den Fängen der "Bild"

"Ich glaub, es hackt" - derart deutlich hatte Wir-sind-Helden-Frontfrau Judith Holofernes eine Anfrage abgelehnt, für die "Bild"-Zeitung zu werben. Nun hat das Blatt Holofernes' offenen Brief zweckentfremdet - und macht damit Reklame.

Von Mareike Rehberg

Selbst wenn jemand versucht, sich gegen die "Bild"-Zeitung zu wehren, triumphiert am Ende das Boulevardblatt. Diese Erfahrung macht zurzeit Judith Holofernes, die Frontfrau der Band Wir sind Helden.

Was ist passiert? Jung von Matt, die PR-Agentur der "Bild"-Zeitung, wollte Wir sind Helden für die Kampagne "Ihre Meinung zu Bild… ?" gewinnen. Zahlreiche Promis wie Til Schweiger, Veronica Ferres, Philipp Lahm oder Udo Lindenberg blicken kritisch lächelnd oder nachdenklich von Plakatwänden hinunter und erklären den Passanten in knackigen Sätzen, warum "Bild" ganz schön gemein, aber ja irgendwie auch notwendig sei. Das Honorar für dieses Engagement spendet "Bild" für wohltätige Zwecke.

Für diese Art von Werbung wollte sich Judith Holofernes nicht zur Verfügung stellen und tat dies in einem offenen Brief kund, den sie auf die Homepage ihrer für Konsum- und Medienkritik bekannten Band stellte. Die Werbeaktion der "Bild" sei "das Perfideste, was mir seit langer Zeit untergekommen ist", schreibt die 34-Jährige darin und spricht der Agentur, die "diesen armen, gespaltenen Prominenten" eine Plattform bietet und deren vermeintliche Kritik als Reklame für die Boulevardzeitung nutzt, ein vergiftetes Lob aus.

"Bild" schlägt zurück

Die Resonanz in den sozialen Netzwerken auf Holofernes' bitterböse Absage war enorm. Die Seite der Gruppe war zeitweise nicht mehr zugänglich, auf Twitter und Facebook wurde die Aktion heiß diskutiert. Neben vereinzelter Kritik trafen die Ansichten der Musikerin vor allem auf begeisterte Zustimmung.

Und trotzdem ist Holofernes nun das, was sie nie werden wollte: eine Werbeträgerin für "ein bösartiges Wesen" (Zitat Holofernes). Ausgerechnet in der "Tageszeitung" ("taz"), in der Holofernes in einem ganzseitigen Interview erklärt, warum sie sich nicht mit "Bild" verbrüdern will, hat das Boulevardblatt eine Anzeige geschaltet. Deren Inhalt: der Wortlaut von Holofernes' offenem Brief, kommentiert mit einem süffisanten "Bild bedankt sich bei Judith Holofernes für ihre ehrliche und unentgeltliche Meinung".

Holofernes hat keine Lust auf Rechtsstreit

Im "taz"-Interview wird Holofernes sogar auf die Anzeige angesprochen. Sie interpretiert die Aktion der "Bild" als "zahnlose Dominanzgebärde" und ist der Meinung, dass das Blatt nicht so viel Macht habe wie früher. Wehren will sie sich nicht: Sie habe keine Lust, rechtlich gegen die Zeitung vorzugehen.

Reiner Metzger, stellvertretender Chefredakteur der "taz", ist sich des Problems der engen Verquickung zwischen Anzeige und Interview bewusst, die "Bild"-Reklame sei jedoch unabhängig vom Interview gebucht worden. Wenn man sich gegen jede Anzeige verwahren würde, die Öl ins Feuer einer Debatte gießt, dann könne man als Zeitung keine Anzeigen mehr drucken, sagt Metzger. Allerdings habe es auch in der "taz"-Redaktion kritische Stimmen gegeben.

Außerhalb der Redaktion steht die "taz" jedenfalls als Verlierer da: In den Kommentaren des hauseigenen Blogs wird deutlich, dass sie in der Achtung vieler Leser verliert. Sie werfen der Zeitung vor, dass sie ökonomische Interessen über redaktionelle Belange stellt.

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