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15. November 2007, 14:59 Uhr

Herr B. in der Kindertagestätte

Wie kommt ein wegen Kindesmissbrauch verurteilter Straftäter zu einem Job in einer Kindertagesstätte? Was sich viele Einwohner im niedersächsischem Melle derzeit fragen, hat stern.de vor Ort näher untersucht. Von Matthias Lauerer

Nach der Verurteilung wegen Kindesmissbrauch konnte Herr B. in einer Kita arbeiten. Dort vergriff er sich erneut an zwei Kindern© Colourbox

Verurteilt wurde er schon wegen Kindesmissbrauch. Dann erschlich sich Herr B. ungerechtfertigt Arbeitslosengeld und wurde zu einer Geldstrafe von 3.000 Euro verurteilt, die er nicht bezahlen konnte. Die Folge: 720 Sozialstunden.

Sein gar nicht so frommer Wunsch, diese in einer evangelischen Kita abzuleisten, wurde von der zuständigen Sachbearbeiterin auch genehmigt. Und dort konnte sich der 41-Jährige noch einmal an zwei Kindern vergreifen. Was wie ein böser Scherz klingt, ist in Melle tatsächlich im Frühjahr dieses Jahres geschehen. Stern.de wollte wissen, wie die Menschen der 48.000-Einwohner-Stadt damit umgehen.

Ruhig ist es in Melle, sehr ruhig - die Einwohner der Stadt schlafen noch ihren Schock aus. Auf dem Parkplatz schräg vor der evangelischen Kindertagesstätte in der Mühlenstraße Neun stehen nur einige wenige Autos. Die Kindertagesstätte erhebt sich rechts davon, auf ihr ein formidables 70er Jahre Schrägdach.

Geht man durch das quietschende, grüne Tor, so wird man von drinnen ganz kritisch beäugt. Plötzlich schießt Christoph Stiehl aus dem Eingang.

"Ich bin fassungslos und geschockt"

"Was wollen Sie hier", herrscht der sicher sonst ganz friedliche Pastor den neugierigen Reporter an. Der Kontakt zur Presse mag ihm heute nicht so recht schmecken. Der resolute Mann im dunklen Mantel nimmt sich dann aber doch zehn Minuten, um über das zu berichten, was hier vor sieben Monaten geschah. Neben ihm sitzt die Leiterin der Kindertagesstätte Brigitte Specht, 48. Der Träger der Kita ist die evangelisch-lutherische St.-Petri Kirchengemeinde Melle. "Ich bin fassungslos und geschockt. Das hier so etwas passiert", presst Specht hektisch hervor. Sie hat es heute wohl schon häufig sagen müssen, doch jetzt fehlt ihr die Kraft, ihre Mimik unter Kontrolle zu halten. Um die Mundwinkel zuckt es, doch die Tränen der Wut, oder der Trauer, laufen dann doch nicht über die Wangen.

71 Kinder toben im Hintergrund durch die mollig warm beheizte Einrichtung. Mit zehn Kindergärtnerinnen und Praktikantinnen teilt man sich hier die anstrengende Kinder-Arbeit. "Zu wenig", wie Specht findet. Doch darum soll es hier jetzt nicht gehen. Gartenarbeit habe Herr B. gemacht. Braunhaarig sei er gewesen und von normaler Statur. Zunächst sei auch alles ganz korrekt abgelaufen.

Er erschien am 12. März 2007 und danach stets pünktlich zum Dienst um 8.30 Uhr und ging um 13.00 Uhr wieder nachhause. Doch bereits nach ein paar Wochen habe er "ständig nach Freizeit" gefragt, berichtet Frau Sprecht. Wenn sie heute all die Stunden zusammenrechnet, dann kommt die schlanke Frau mit den blonden Haaren nur auf eine "handvoll Tage", die B. hier gearbeitet habe.

"Ich habe alles richtig gemacht"

Die Regenrinne habe er einmal gereinigt und den Keller entrümpelt - Hilfsarbeiten eben. Doch dann kam der 12. April 2007. An diesem Tage kamen die Eltern zweier Kinder, einem Jungen und einem Mädchen zu ihr und erzählten von Übergriffen und Berührungen. Nach einer kurzen Ansage habe es für den 41-Jährigen, der seine Sozialstunden ableistete, sofort Hausverbot gegeben, versichert Frau Sprecht. "Ich habe alles richtig gemacht", sagt sie und will künftig doch etwas ändern: In Zukunft wolle sie sich immer ein "polizeiliches Führungszeugnis" von neuen Mitarbeitern vorlegen lassen. Specht ist sichtlich froh, dass das Gespräch nun endlich vorbei ist. Auch der Pastor atmet hörbar auf.

Draußen vor der Tür zieht jetzt eine junge Frau ihren Holz-Bollerwagen vor das Eingangstor. Sie lächelt zwar, will wohl reden, darf aber zu den Vorfällen auf Befehl von oben nichts nach außen dringen lassen.

Krasse Worte vom Stammtisch

Offener reagiert man im Laden nebenan. Hier verkauft Mitarbeiterin Birgit, 39, tagaus und tagein allerhand Kleidung. Und erzählt von ihrer guten Bekannten, der Frau L. aus Neuenkirchen. Auf telefonische stern.de-Nachfrage ist diese "immer noch sehr betroffen." Und ergänzt: "Ich denke an die Kinder und finde wir haben unser Menschenmögliches getan." Dann legt sie auf. L. arbeitet, laut Aussage der Bekannten schon seit Jahren in der nahen Kindertagesstätte. "Ich finde das ungeheuerlich!" Birgit hat selbst zwei Kinder im Alter von 13 und 17 Jahren. Als ihr das während des Redens auffällt, changiert ihre Gesichtsfarbe mal ins "Weiß", dann wieder ins "Rot". "Schweinerei!", presst sie noch hervor, dann wandern die grauen Winterhandschuhe des nächsten Kunden für 4,99 Euro über den blitzblanken Tresen. Denn es ist irgendwie sehr kalt heute in Melle.

Die Staatsanwaltschaft spricht von einer "Katastrophe". Immerhin sei nun das "disziplinarisch Notwendige" getan worden, versucht Alexander Retemeyer, Pressesprecher der Behörde, zu beruhigen. Herr B. muss sich an diesem Dienstag vor dem Amtsgericht Osnabrück verantworten. Doch die Sozialarbeiterin arbeitet immer noch auf ihrem alten Posten.

Und wenn man dem Volk dann noch auf´s Maul schaut, dann hört man sie auch in Melle, die krassen Sätze vom Stammtisch: "Dem sollte man die Beine abhacken. Und die beiden Arme!" Eigentlich würde es ja schon reichen, wenn die zuständige Sachbearbeiterin beim nächsten Mal keinen solchen Fehler mehr macht. Und die kranken Gedanken und Taten so aus Melle und am besten noch aus der ganzen Welt fernhält.

Von Matthias Lauerer
 
 
KOMMENTARE (10 von 14)
 
sportartmakler (16.11.2007, 12:54 Uhr)
"ich habe alles richtig gemacht"
werde aber etwas ändern und ab sofort ein poliz. führungszeugnis anfordern. also entweder dramatisiert hier der autor zu gunsten seiner story oder aber die frau hat den schuß nicht gehört!
Martin72Franke (16.11.2007, 12:08 Uhr)
Heile Welt
Ich selbst komme gebürtig aus diesem Städtchen und habe dort bis zu meinem 21. Lebensjahr die Zeit verbracht. Nun mehr lebe ich seit ungefähr 10 Jahren in Frankfurt/Main. Lange Zeit habe ich in der Presse nichts aus dem Kaff gehört, bis irgendwann die Meldungen begannen: Gammelfleisch, Nazi-Bahnhof und Kinderschänder. Diese Meldungen passen so wunderbar zu diesem Nest, wo man es perfekt versteht, die heile Welt zu suggerieren und sich damit rühmt, flächenmäßig die größte Stadt in Niedersachsen zu sein. Nur weiter so!
wackelbild (16.11.2007, 11:36 Uhr)
Shit happens
Na klar, kann man jetzt auf die Sozialarbeiterin einhacken und "Bestrafung" fordern. Aber was wird die Konsequenz sein? Wer will dann noch für kleines Geld als Sozialarbeiter immer mit der Gefahr, mit einem Bein im Gefängnis zu landen, diesen Job machen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Sozialarbeiterin, wenn die normnal tickt, sich selbst die größten Vorwürfe macht. Und eine Disziplinarstrafe wird auch nicht mehr bewirken. Viel wichtiger ist es, dass jede Kindergärtnerin und jeder Pfarrer von einer Kita noch vor dem Morgengebet nach dem polizeilichen Führungszeugnis der Angestellten und Bewerber fragt. Und das nie vergißt! Und die Staatsanwaltschaft einfach mal graue Aktendeckel gegen rote (Warnfarbe) tauscht. Dann sollte auch dem blödesten Sachebarbeiter klar sein, dass da besondere Vorsicht von Nöten ist.
Think-Smart (16.11.2007, 11:27 Uhr)
Angefasst? Na Gott sei Dank nicht tot gefahren
Auch Autofahrer die Kinder überfahren haben, fahren irgendwann mal wieder Auto. Eine hunderprozentige Sicherheit kann es für nichts geben, und diese Massenverhetzung und Hysterie führt nur dazu, dass Kinder immer mehr in die soziale Isolation getrieben werden, sicher ist sicher.
Wer möchte heute noch mit fremden Kindern zutun haben? Wäre mir viel zu gefährlich. Schöne neue Welt, Dank an die Medien.
AliceWalsh (16.11.2007, 11:13 Uhr)
Unglaublich!
"in Zukunft wolle sie sich immer ein "polizeiliches Führungszeugnis" von neuen Mitarbeitern vorlegen lassen" ... da stellen sich bei mir die Haare auf! Sowas sollte in Berufen bei denen man mit Kindern arbeitet von vorneherein gemacht werden. Diese "Kinderschaendung passiert nur wonanders" - Haltung ist fuer das Jahr 2007 einfach nicht angebracht. Wo hat diese Frau denn die letzten Jahre gelebt? Hinter dem Mond?
undjetztnochder (16.11.2007, 08:16 Uhr)
2 Gedanken dazu
1. Pädophile - insbesondere Wiederholungstäter (werden die nicht so ziemlich alle rückfällig?) müssen deutlich härter bestraft werden und nach Absitzen der Strafe muss alles daran gesetzt werden, dass sich deren Taten nie wiederholen, z.B. durch lebenslange Sicherheitsverwahrung, chemische Kastration, einem eingebauten Überwachunschip, durch Veröffentlichung ihrer Gesichter und Bekanntgabe ihrer Adresse, und das bei jedem Umzug aufs neue usw. Klingt zwar alles ziemlich fies, aber wer so etwas Kindern antut muss mit solchen Einschränkungen leben - selber schuld - und vielleicht schreckt das ja auch den ein oder anderen ab. Der Schutz unserer Kinder sollte auch etwas drastischere Maßnahmen rechtfertigen statt der bisher üblichen milden Justiz - denn dieses System versagt regelmäßig. 2ter Gedanke: es muss klare Verantwortlichkeiten der zuständigen Richter, Staatsanwälte, Polizisten und eben auch Gutachter und Sachbearbeiter geben - alles Leute, die im Staatsdienst sind und die dafür bezahlt werden, unsere Kinder vor solchen Leuten zu schützen. Und wenn hier jemand Fehler macht, dann muss er dafür gerade stehen, angeklagt werden und auch bestraft werden bis hin zu Haftstrafen, denn diese Leute machen sich mitschuldig und hier wird immer wieder von Sachbearbeitern, Gutachtern etc. schludrig gearbeitet zu Lasten unschuldiger Kinder. Hier sollte der Gesetzgeber schleunigst handeln und klare Regeln erlassen, wer bei Versagen wie belangt werden kann.
wurzelplatz (16.11.2007, 04:24 Uhr)
Ein Skandal!
Was ist der eigentliche Skandal? Das Verhalten der Sozialarbeiterin oder wie eine Gesellschaft mit ihren Kindern umgeht? Ich kann nicht glauben, daß es irgendwelche Aussagen zum Schutze des Angeklagten gibt. Es gibt in der zivilisierten Gesellschaft Spielregeln des menschlichen Miteinanders und wer sich nicht, aus welchen Gründen auch immer nicht daran hält, hat jede zivilisierte Behandlung verwirkt. In Kambodscha hat man das erkannt und der Richter mutig und richtig entschieden. Kambodscha wird von uns als 3.Welt gesehen......
Millhouse73 (16.11.2007, 03:41 Uhr)
Dem
sollte man die Eier abschneiden oder chemisch kastrieren, damit soetwas nie, nie weider vorkommen kann.
hevosenkuva (16.11.2007, 00:54 Uhr)
schlecht geschrieben
der Vorgang an sich ist skandalös, Kinderschänder schaffen es in Deutschland immer wieder, alle zum Narren zu halten.
abgesehen davon ist der Artikel schlecht geschrieben. zu stark gefärbt von subjektiven Eindrücken des Autors, voll von unsinnigen Nebensächlichkeiten wie z.B. den kahlen Bäumen - und die Befragten werden regelrecht vorgeführt. auf eine billige Art skandalheischend, die hier so gar nicht angebracht ist.
Impaler (16.11.2007, 00:36 Uhr)
...und der nächste Fall...
Der größte Skandal bleiben weiterhin die lächerlich geringen Haftstrafen für Kinderschänder in Deutschland. Wer das Leben eines Kindes auf so grausame Weise möglicherweise für immer zerstört, sollte meinetwegen gerne lebenslänglich in den Bau.
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