Wer ist John Demjanjuk? Ein Gehilfe beim Massenmord an den Juden? Oder ein unschuldiger Greis? Der spektakuläre Prozessauftakt vor dem Landgericht München war geprägt von einem Eklat. Von Malte Arnsperger, München

Auch wenn es nicht so aussieht: Gleich drei Mediziner bestätigen, dass John Demjanjuk prozessfähig ist© John Macdougal/AFP
Sie wollen ihn sehen. Leute wie Thomas Blatt, Jules Schelvis oder Max Degen, jüdische Überlebende des Holocausts, wollen von dem Mann hören, der wahrscheinlich dabei half, ihre Familien im Vernichtungslager Sobibor auszulöschen. Sie sind extra aus Holland oder den USA angereist, um endlich Klarheit zu erhalten, ob dieser John Demjanjuk wirklich an der Shoa beteiligt war. Und was sie sehen, erinnert sie irgendwie an ein Schauspiel.
"Eieieiei", macht Demjanjuk ab und zu auf seine angeblichen Schmerzen aufmerksam, ansonsten bleibt er stumm. Mit geschlossenen Augen liegt der Angeklagte auf einer Krankentrage, aufgebahrt vor der Richterbank, umhüllt von mehreren Decken. Ihm gegenüber sitzen rund zwei Dutzend jüdische Nebenkläger, viele davon alt und gebrechlich, und schütteln ihre Köpfe angesichts dieser skurril anmutenden Situation am ersten Prozesstag gegen den 89-Jährigen. "Was für eine Show", raunt einer von ihnen. "Demjanjuk ist ein guter Schauspieler."
Demjanjuk muss sich vor dem Landgericht München wegen Beihilfe zum Mord verantworten. Als von der SS ausgebildeter Wachmann im Lager Sobibor soll er laut Anklage im Jahr 1943 rund 28.000 Juden aus den ankommenden Zügen gescheucht und in die Gaskammern getrieben haben. Demjanjuk soll als sogenannter Trawniki-Mann bewusst und freiwillig an dem Massenmord mitgemacht haben. Die Staatsanwaltschaft stützt sich unter anderem auf Demjanjuks SS-Dienstausweis, auf dem seine Abkommandierung nach Sobibor eingetragen ist.
Demjanjuk selber hat die ihm vorgeworfenen Taten in den vergangenen Jahren stets bestritten und angegeben, er sei in der fraglichen Zeit selber in einem Kriegsgefangenlager inhaftiert gewesen. Nach monatelangem juristischem Tauziehen war der gebürtige Ukrainer im Mai aus seiner Wahlheimat USA nach Deutschland ausgeliefert worden, damit ihm hier der Prozess gemacht wird. Mehr als 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs muss sich damit zum ersten Mal in der deutschen Justizgeschichte ein nichtdeutscher Handlanger der Nazis wegen seiner mutmaßlichen Rolle am Holocaust verantworten.
Mit John Demjanjuk ist kein Top-Nazi wie Adolf Eichmann angeklagt, kein skrupelloser Schreibtischtäter oder sadistischer Überzeugungstäter. Demjanjuk geriet 1942 als junger Rotarmist in deutsche Kriegsgefangenschaft. Angesichts der furchtbaren Zustände in den Gefangenenlagern bot eine Tätigkeit bei den NS-Hilfstruppen eine Chance, dem Tod zu entrinnen. Wie rund 5000 andere Rotarmisten auch wurde Demjanjuk im Lager Trawniki ausgebildet und war dann wohl in mehreren Konzentrations- und Vernichtungslagern eingesetzt. Demjanjuk war nach Ansicht der Staatsanwaltschaft also einer von ganz unten. Er gehörte zum letzten Glied in der Befehlskette der Nazis. Er war einer vom so genannten "Fußvolk der Endlösung". Einer, der die Drecksarbeit für die Nazis erledigte, einer, an dessen Händen wohl wirklich Blut klebt.
Eine Klarsichthülle mit zwei Fotos in schwarz-weiß liegt vor Max Degen. Auf dem rechten ist ein junges Brautpaar abgebildet, auf dem linken ein kleiner Junge. Es sind die Eltern und der Bruder von Max Degen. Sie wurden im Jahr 1943 in Sobibor vergast, während der damals erst wenige Monate alte Max bei Freunden Zuflucht vor den Nazis fand. 66 Jahre später sitzt Max Degen als einer der Nebenkläger im Verfahren gegen Demjanjuk. "Hier zu sein ist das einzige, was ich noch für meine toten Angehörigen tun kann", sagt der 67-jährige Holländer. "Es kann sein, dass Demjanjuk für den Tod meiner Familie mitverantwortlich war. Ich will ihn unbedingt sehen, und ich empfinde große Genugtuung, dass ihm hier in Deutschland der Prozess gemacht wird."
Am ersten Verhandlungstag mussten Degen und die anderen Beteiligten jedoch viel Geduld mitbringen. Da Hunderte Journalisten aus aller Welt sowie Dutzende Angehörige von Sobibor-Opfern als Zuschauer den spektakulären Prozess verfolgen wollen, kam es teilweise zu unwürdigen Drängeleien vor dem Gerichtssaal. Selbst betagte Angehörige mussten stundenlang in der Kälte warten, bevor ihnen der Zugang zum völlig überfüllten Saal gestattet wurde.
Kaum hatte Richter Ralph Alt dann mit einstündiger Verspätung die Verhandlung eröffnet, sorgte Demjanjuks Verteidiger Ulrich Busch für einen Eklat. In seinem Befangenheitsantrag gegen die Richter und die Staatsanwälte verglich der Anwalt seinen Mandanten mit einigen der jüdischen Nebenklägern. "Ein Trawniki ist genauso einzustufen wie die Juden, die die Wahl hatten zu sterben oder den Deutschen zu helfen", sagte Busch. "Ein Trawniki-Mann stand auf der gleichen Stufe wie etwa ein Thomas Blatt." Ein Raunen ging bei diesen Worten durch den Gerichtssaal.
Busch spielte auf die Tatsache an, dass viele Juden in den Vernichtungslagern etwa beim Abtransport ihrer Leidensgenossen helfen mussten, um so ihre eigene Vergasung zumindest aufzuschieben. Einer von ihnen war Thomas Blatt, ein heute 82-jähriger Sobibor-Überlebender. Empört reagierte er auf die Aussage des Anwalts. "Dieser Vergleich ist ungeheuerlich", sagt der kleine Mann mit den wachen Augen. "Ich musste die Leichen wegbringen, sonst hätten sie mich sofort erschossen. Aber Demjanjuk hat alles freiwillig getan. Er musste nicht bei den Morden helfen."