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18. April 2008, 10:22 Uhr

Kanaldeckel auf Auto geworfen

Der "Brückenteufel" von Oldenburg hat bundesweit für Entsetzen gesorgt. Doch der Fall ist bei weitem nicht der einzige: Ein 20-Jähriger steht in Rottweil vor Gericht, weil einen 36 Kilo schweren Kanaldeckel auf ein Auto geworfen hat. Nun ist das Urteil gegen den Mann gesprochen worden. Von Jörg Isert

Von einer Brücke hat ein 20-Jähriger einen Kanaldeckel auf ein Auto geworfen. Er steht vor Gericht© Clemens Bilan/ddp

So sieht also ein Mensch aus, der unglaubliches Glück gehabt hat. Braune, zurück gegelte Haare. Gekleidet in ein schwarzes Sweatshirt, schwarze Jeans, schwarze Stiefel. Ziemlich stämmig. Stefan A. sitzt in Saal 201 des Rottweiler Landgerichts. Der junge Mann aus Nagold, einer kleinen Stadt am Rande des Schwarzwaldes, sitzt auf der Anklagebank. Wegen versuchten Mordes, Sachbeschädigung in vier Fällen, einem gefährlichem Eingriff in den Straßenverkehr. Und mehr.

Am 23. Oktober stieß der Zwanzigjährige einen Kanaldeckel von einer Brückenbrüstung. Die Brücke war siebeneinhalb Meter hoch, der Deckel viele Kilos schwer, und das Auto, das sich unten näherte, war etwa 50 Stundenkilometer schnell.

Glück gehabt

Eine halbe Sekunde später an jenem Herbsttag, und der Kanaldeckel wäre nicht durch die Motorhaube des Autos gekracht - sondern durch die Frontscheibe. Stefan A. wäre nicht wegen versuchten Mordes angeklagt - sondern wegen Mordes. Er hätte einen Mann getötet.

Stefan A. ist sich seines Glücks nicht bewusst an diesem Tag vor Gericht. Wie denn auch? Seit fünf Monaten sitzt er in Haft. Zunächst in Stammheim, jetzt in der Justizvollzugsanstalt Rottweil, genauer in der Außenstelle Oberndorf, in der jungen Untersuchungsgefangenen Schulunterricht angeboten wird.

Der Zwanzigjährige ist ein Einzelkind. Er stammt, so viel wird vor Gericht klar, aus geordneten Verhältnissen. Der Vater ist Arbeiter, die Mutter ist in der Krankenhausküche in Nagold beschäftigt. Irgendwelche Brüche im Leben von Stefan A? Er hat die Hauptschule besucht. Kurz ist er auf die Realschule gewechselt, danach zurück auf die Hauptschule. Der Grund: Zwei Fünfer im Zeugnis. Kurz hatte er Kontakt zur rechtsradikalen Szene. Und vor zwei Jahren bestand der Kochlehrling seine Abschlussprüfung nicht.

Die reine Aggressivität

Zwischen April und Oktober trampelte Stefan A. auf den Dächern von mehreren Autos herum, mit Springerstiefeln. Zurück blieben nicht nur Dellen, das Dach eines Wagens wurde richtiggehend eingedrückt. Ein anderes Mal trat er einen Außenspiegel ab. Es waren brachiale Taten, die reine Aggressivität.

Am 23. Oktober war Stefan A. mit einem Kumpel in der Nagolder Kneipe "Bierakademie". Er trank. Er trank sowieso recht viel Alkohol. Um etwa halb zwei machte er sich auf den Heimweg. Der führte ihn direkt an der Bundesstraße 28 entlang - "das habe ich immer so gehandhabt." Über eine Brücke der B 28, auf der wegen Sanierungsarbeiten Baugerät stand.

Was dann geschah, schildert Stefan A. so: Er habe einen Schachtdeckel genommen, ihn auf der Brüstung abgesetzt und hinunter gestoßen. "Ich habe einen Knall gehört und bin weg gelaufen." Nach 20 Minuten sei er noch einmal zurückgekehrt - "um zu sehen, was so'n Knall gemacht hat". Jedoch: "Da war nix." Und, Stefan A. sagt es immer wieder: "Ich habe nichts dabei gedacht." Der Vorsitzende Richter - "Ihre Einlassung ist ein bisschen wenig" - mag etwas ungeduldig sein. Aber der 64-Jährige ist erfahren, fast schon altersweise. Am Ende hat er Stefan A. so weit, dass er zugibt: "Ich habe damit gerechnet, dass ich einen PKW treffen könnte und dass da ein Sachschaden entstehen könnte." Dass der Fahrer die Kontrolle über sein Auto verlieren könne, fragt der Richter, soweit habe er nicht gedacht? Stefan A. meint: "Ich hatte nie vor, jemanden zu töten."

Ich hab Scheiße gebaut

Aber wer soll das glauben? Stefan A. stemmte einen Schachtdeckel aus der Fahrbahn, der 36,5 Kilogramm wog. Diesen schweren Deckel, aus Beton und Gusseisen, schleppte er mehr als 13 Meter weit. Er stellte ihn auf der Brückenbrüstung ab und wartete, bis ein Opel Astra heran nahte. Dann stieß er sein potentielles Mordinstrument herunter. Der Deckel durchschlug die Motorhaube und drang bis zum Motorblock vor. Kurz darauf schrieb Stefan S. seinem Kumpel, mit dem er in der "Bierakademie" war, eine SMS: "Ich habe Scheiße gebaut."

Vor Gericht sagt Stefan A. über die Tatwaffe: "Das Ding war eigentlich relativ leicht. Ich hätte nicht gedacht, dass das 36 Kilo wiegt." Und er sagt noch einmal: "Ich habe keine Sekunde daran gedacht, dass ich einen Menschen töten könnte." Davon allerdings geht die Staatsanwältin aus: Der Zwanzigjährige habe versucht, einen Menschen zu töten. Heimtückisch.

Immer wieder gerät Stefan A. bei der Frage nach dem Warum in Erklärungsnöte. Der Richter sagt, "es war die Lust am Zerstören, die Freude daran, andere zu schädigen, was denn sonst?"

In Tränen ausgebrochen

Stefan A. steht vor der Jugendkammer des Landgerichts. Er gilt als Heranwachsender, also als Person, die das 18. Lebensjahr bereits vollendet hat, aber noch nicht 21 ist. Getrunken hat er am 23. Oktober allerdings wie ein Erwachsener: Er hatte fünf halbe Liter Bier intus. Dazu noch etwa zehn "Jacky-Cola", eine hochprozentige Mischung aus Whisky und koffeinhaltiger Limo. Auf Polizisten wirkte er aber nicht betrunken. Aber macht ihn das zurechnungsfähig?

Stefan A. wird gerade erst bewusst, was er getan hat: Nach dem Anschlag von Oldenburg kam er auf seine Anwältin zu, erschrocken über das, was er hätte anrichten können. Er brach in Tränen aus. Seine Rechtsanwältin erzählt das dem Richter, weil er selbst es nicht kann. Er versucht es. Aber er atmet nur heftiger.

Er muss nun für fünf Jahre ins Gefängnis. Das Landgericht verurteilte ihn wegen versuchten Mordes zu einer Jugendstrafe. Aber der 20-Jährige, dessen Eltern zu ihm stehen, hat unglaubliches Glück gehabt. Er hat kein Menschenleben auf dem Gewissen.

Von Jörg Isert
 
 
KOMMENTARE (10 von 16)
 
babylon (18.04.2008, 14:59 Uhr)
Lachhaft
Ein paar tränen und eine schlechte jugend legalisieren in diesem land das verletzen oder töten anderer menschen. Meine meineung 10 jahre knast für den typen, aber da bei uns ja die täter besser gestellt sind als die opfer verabschieden wir uns doch einfach von unserem (Un-)rechtsstaat und scheißen auf alle werte, auch auf diese (scheißhaus-) demokratie. Zurück in die steinzeit!!
SirDidimus (18.04.2008, 14:36 Uhr)
GordonBleu
und weiter frage ich, warum immer pauschalisiert wird? diese jugend ist nicht schlimmer oder besser, als jede andere jugend in der vergangenheit. es wird auch nicht jeder jugendliche zum gullywerfer.
der hat fünf jahre bekommen. dass ist eine ganze menge. wer nach mehr schreit, kann sich ja gerne zu ihm setzen, damit er nicht alleine ist.
des weiteren bin ich der meinung, dass jeder - der hier über erziehung redet, selbst aber keine kinder hat - sein statement löschen sollte.
GordonBleu (18.04.2008, 14:32 Uhr)
ja....aber,
einsperrén -ja! lange-ja! doch mir stellen sich beim lesen der kommentare diese fragen: 1. wer hat diese generation erzogen? 2. wer von den hier laut aufheulenden würde für sich selber nicht die möglichkeit in anspruch nehmen, durch allerlei entschuldigungen und erklärungen zu versuchen, für sich selber vor gericht eine strafe möglichst gering zu halten?
wintersaint (18.04.2008, 14:07 Uhr)
Neeeee
Es wird solange keine Ruhe vor denen geben bis die Medien nicht aufhören darüber zu berichten.
Yakumo (18.04.2008, 13:49 Uhr)
Man möchte brechen!
Ich bin einfach fassungslos! Ich wünsche mir, dass man diesem hirnamputierten Idioten den selben Gullideckel vor den Latz ballert, den er anderen Leuten vor die Autos wirft. Ich bin es leid ständig zu lesen, wie schwer es diese "armen Kerle" doch haben und die Gesellschaft an allem schuld sei. Leider vergißt man, dass es Leute gibt, die schlicht und ergreifend keine Bock haben, auch nur einen Finger zu krümmen, solange sie noch genug Geld zum saufen bekommen, und zwar genau von der Gesellschaft, die sie doch so sehr verfluchen! Für mich sind diese Leute Abschaum, sorry aber ich kann es nicht anders ausdrücken. Jetzt geht er erstmal 5 Jahre in den Knast, kann sich fein in der Knast-Muckibude dort seinen Fettbauch abtrainieren und wenn die Zeit rum ist, schön beim Sozialamt die Hand aufhalten und weitermachen wie sonst auch...
Bin übrigens gespannt, was aus den U-Bahn-Schlägern aus München wird, die armen Kerle, die haben es doch auch sooooo schwer gehabt, kein Geld keine Arbeit, aber Hauptsache jeden Abend saufen und mit den Handy alle Kumpels aus der Gang anrufen können. Man möchte wirklich brechen!!!
OttoB (18.04.2008, 13:20 Uhr)
diese Strafe ist lächerlich
Auch ich finde diese Strafe lächerlich und das die "schlechte Jugend" als Begründung dient schlimm.
Harte abschreckende Strafe für Mord oder Mordversuch.
Aber zu schreiben das alle Jugendlichen schlecht und böse sind halte ich mit über 60 jähriger Lebenserfahrung für dumm, nicht die Rechtschreibfehler.
Die Jugend heute und damals ist und war klasse.
Ausnahmen gab es damals und heute.
Übrigens sollte jemand bei mir Rechtschreibfehler finden, dann geben sie die bitte beim Fundbüro ab, hier darüber zu schreiben ist für mich auch dumm.
gaga007 (18.04.2008, 12:51 Uhr)
Taifun (18.4.2008, 12:20 Uhr)
Ich empfehle eine Fahrt mit einem öffentl. Verkehrsmittel über die Mittagszeit: die mitfahrenden Jugendlichen / Schüler bestätigen die PISA-Studie und beweisen durch ihr Verhalten, dass sie völlig frei von Respekt und Umgangsformen sind. Dieser Jugend fehlen nicht nur Werte - sie hat nicht einmal eine theoretische Ahnung vom zivilisierten Zusammenleben der Gnerationen !!
pennycounter (18.04.2008, 12:44 Uhr)
@Taifun (18.4.2008, 12:20 Uhr)
Ich glaube nicht das @utospatz
ein Kinderfeind ist.
Was er bemängelt ist die zunehmend idiotische Erziehungsweise der Erwachsenen.
Für unsere Jugend bieten die meisten Eltern einfach keine Vorbildgrundlage.
Wie anders sollte man sich den nachhaltigen Werteverfall in der Gesellschaft der ja erst durch Vorbildlosigkeit seitens Eltern und anderer Institutionen ensteht erklären?
Als Autofahrer und Vater von 3 Kindern sage ich, das Urteil ist zu milde, damit schreckt man niemanden mehr ab was sind schon 5 Jahre für einen Mordversuch??
Grüße!!
Reiner.Unsinn (18.04.2008, 12:42 Uhr)
@utospatz
Wer in einem Vierzeiler die Wörter 'Dießer','Großgezogen' und 'dieß' verwendet, sorgt bei der Aussage "Dumm geboren, dackelhaft Großgezogen, und nix dazugelernt" unfreiwillig für mitleidiges Gelächter.
Man kann nur hoffen, dass Sie niemanden großziehen!
gaga007 (18.04.2008, 12:39 Uhr)
An die Täter von Oldenburg !
Ihr könnt Euch ruhig stellen, es passiert nichts ... nur ein bißchen weinen, schwer atmen und eine schwere Kindheit erwähnen - dann klappt das schon mit dem Urteil ! Auch wird sich ein Verteidiger finden lassen, der dem Richter erklärt, dass alles nur aus Frust passierte, weil die böse Gesellschaft Euch so grausam behandelt ... auch könnt Ihr Euch auf die letzte PISA-Studie berufen: Ihr habt´ es nicht besser gewußt ... und ein paar Foristen hier sind ja auch schon auf Seite !
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