Eine Geisel erzählt

10. November 2007, 15:50 Uhr

Knapp drei Monate war der deutsche Bauingenieur Rudolf Blechschmidt in den Händen afghanischer Taliban-Kämpfer. Sie bedrohten ihn, sie erschossen seinen Freund, sie zogen mit ihm nachts durchs Hochgebirge - und sie pflegten ihn, als er krank wurde. Von Markus Götting und Christoph Reuter

Rudolf Blechschmidt, 62, Bauingenieur, im Haus seiner Ex-Frau in Ottobrunn bei München©

Herr Blechschmidt, Sie waren fast drei Monate lang in den Händen afghanischer Taliban, seit drei Wochen sind Sie wieder frei. Wie geht es Ihnen?

Natürlich bin ich immer noch niedergeschlagen und deprimiert nach all dem, was passiert ist. Ich habe wieder mit Bluthochdruck zu kämpfen, das wird einfach nicht besser, und ich hab seit der Entführung so ein Pfeifen in den Ohren, deshalb höre ich schlecht. Könnten Sie also bitte ein bisschen lauter sprechen?

Ein Tinnitus?

Vermutlich. Die Entführer haben mich am Anfang oft geschlagen. Mit dem Gewehrkolben auf den Kopf, richtig draufgehauen haben die. Die Kopfhaut war aufgerissen, bis rüber zum Ohr. Eine Gehirnerschütterung hatte ich auch.

Warum wurden Sie geschlagen?

Das war, als die uns brutal die Berge hochgetrieben haben, also am Anfang.

Wie ist es zu der Entführung gekommen?

Wir sind eine afghanische Baufirma und hatten uns beim Energieministerium für die Reparatur des Band-e-Sultan-Staudamms beworben, der liegt in der Provinz Wardak, so dreieinhalb Stunden mit dem Auto von Kabul entfernt. Und bevor ich den Vertrag unterschrieb, wollte ich mich da umsehen. Zwei Tage bevor wir fahren wollten, hatten wir beim Polizeihauptquartier in Wardak angerufen und um Begleitschutz gebeten. Das Ministerium hatte zwar gesagt, dass wir keinen Geleitschutz benötigten und auch, dass keine Taliban in der Gegend sind. Aber uns war das zu unsicher. Der Begleitschutz wurde dann von der Polizei zugesichert.

Und Sie sind am 18. Juli morgens losgefahren.

Wir haben in der Früh Herrn Noorzai, unseren afghanischen Partner, abgeholt ...

... das ist der jüngere Bruder des afghanischen Parlamentssprechers ...

Genau. Noorzai hatte Besuch von Bekannten aus Helmand, einer Kriegsprovinz im Süden. Er hatte auch einige Angestellte eingeladen, die fuhren mit. Wir, das waren ich, der Rüdiger Diedrich, ein deutscher Ingenieur, sowie ein Dolmetscher und ein Vorarbeiter, der auch aus der Gegend dort kommt. Am Polizeihauptquartier in Wardak sagte der Kommandant: "Ich geb euch zehn Leute mit." Die Polizisten waren alle bewaffnet, AK 47, und als wir dann am Staudamm standen, oben an der Wasserfläche, stand unterhalb eine Person, ein Afghane, mit einer einläufigen Schrotflinte. Mir ist das etwas sonderbar vorgekommen, weil der Mann sehr gut gekleidet war und so einen vornehmen Eindruck machte. Er sah nicht aus wie ein Bauer. Wie er uns gesehen hat, kam er raufgelaufen. Sagt, er stammt von hier. Also hab ich Informationen über den Staudamm von ihm verlangt. Er hat sich kurz verabschiedet, ist das Flusstal runtergelaufen, und auf einmal hat er aus seiner Schrotflinte einen Schuss abgegeben. Ich hab noch Bilder gemacht, da hör ich schon den Noorzai schreien: "Taliban!" Er hat auf einen Hang gedeutet, da kamen zwei Mann runter, einer mit Maschinengewehr, einer mit AK 47. Unsere Afghanen sind alle ins Flusstal runtergerannt, weil das etwas bewaldet war, und haben sich da versteckt. Ich hab zu Diedrich gesagt, er soll hinterherlaufen, ich komm nach. Hab erst mal abgewartet, was passiert.

Und die Polizisten?

Die standen am Hang und haben auf die Taliban gewartet. Ich hab im Auto noch einen Rucksack gehabt mit einer Beretta-Pistole, 9 Millimeter. Aber ich hab mir überlegt: Wenn die Polizisten nicht schießen, ist das zu gefährlich, wenn ich mir mit den Taliban ein Feuergefecht liefere. Ich bin dann auch runter zum Fluss, saß mit Diedrich praktisch im Wasser und sagte: "Wir müssen sehen, dass wir in die Berge raufkommen, dass sie uns nicht mehr bekommen." Aber er war gesundheitlich nicht so gut beisammen und bat, ich solle doch bitte bei ihm bleiben. Dann kamen die Taliban schon von beiden Seiten auf uns zu, die hatten uns praktisch umzingelt. Wir also wieder hoch zum Staudamm, da standen die Polizisten und haben zugeschaut.

Ein klassischer Hinterhalt.

Keine Chance zu entkommen. Nur mein Dolmetscher hat das irgendwie geschafft. Hinterher hab ich erfahren: Der hat sich zwei, drei Stunden ins Wasser gelegt, und wie er rausgekommen ist, waren alle weg. Ein alter Mann hat ihm geholfen, mit einem Taxi ist er nach Kabul zurück, hat die Botschaft verständigt und meinen Sohn Markus, der noch in Kabul war.

Warum wurden Sie entführt?

Die wussten, dass Ausländer kommen, die den Damm reparieren wollen - und die haben im Zweifelsfall Geld. Das war’s. Die haben uns alles abgenommen, Armbanduhr, Kamera, Handy, alles, was wir hatten. Und uns die Hände gefesselt.

Es gab anfangs Gerüchte, Sie seien wegen Verstrickungen ins Rotlichtmilieu und Waffengeschäften entführt worden.

Was für ein Schwachsinn. Der Krisenstab hat auf Anfrage bestätigt, dass sie Gerüchten über einen Namensvetter von mir nachgegangen sind. Das war nicht ich, der hatte ein anderes Geburtsdatum. Wenn jemand so was über mich behauptet, werde ich gerichtlich dagegen vorgehen.

Wie viele Geiseln waren Sie?

Wir zwei Deutsche, Noorzai und die anderen fünf Afghanen. In unseren Land Cruiser wurden elf Personen reingequetscht, drei Taliban und wir acht Leute, übereinandergeschichtet. Wir hatten so einen Taliban am Steuer, der konnte nicht richtig Auto fahren. Der ist Vollgas gefahren, den Berg runter und dann ins Gebirge rein. Wir waren ungefähr vierzig Minuten unterwegs, dann ist er einen Berg hoch. Dann ging’s nicht mehr weiter, da ist er stehen geblieben. Er ist auch mit Allrad nicht so klargekommen. Dann haben sie uns alle rausgezerrt, uns die Fesseln durchgeschnitten. Zwei Taliban sind noch gekommen, da waren sie zu fünft. Ich hatte einen Rucksack und eine Wasserflasche. Die Pistole und verschiedene andere Sachen, ein Taschenfernglas, 10 x 25, das haben die natürlich alles genommen. Das war für die ganz neu, die konnten dann alles gut beobachten von den Bergen. Die Flasche hab ich mitgenommen. War ja heiß, 45 Grad im Schatten. Dann haben sie uns den Berg hochgetrieben, einen Kilometer, und in dem Hang waren zwei Löcher mit einem Tunnel. Sie haben gesagt: "Ihr müsst dort rein." Ich sag: "Ich geh da nicht rein." Schlägt mir einer die AK 47 ins Kreuz. Dann bin ich doch rein.

Das muss anstrengend gewesen sein. Zu der Zeit waren Sie ja noch etwas beleibter.

Man bewegt sich ja wie ferngesteuert, steht unter Schock. Die anderen laufen voraus, man läuft hinterher. Wir saßen in dem Loch, und Diedrich sagt zu mir: "Rudi, es ist zwar beengt, aber wir halten das aus. Vierzehn Tage wird das bestimmt dauern, dann holt uns die Botschaft hier raus." Ich hab zu ihm gesagt: "Das ist erst der Anfang." Und weil ich schon länger in Afghanistan war, wusste ich: Das wird nicht einfach. Das liegt bei den Afghanen in der Natur, dass die alles kompliziert machen.

Umso größer Ihre Angst?

Angst? Ja, vielleicht. Das ist schwer zu beschreiben. Ich war niedergeschlagen, dass ausgerechnet mir so was passiert, und man wusste ja auch nicht, was noch alles auf einen zukommt. Wir saßen einige Stunden in der Erdhöhle drin, und als es dunkel wurde, ging es weiter die Berge hoch.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 45/2007

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