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Hillary Clinton ist keine Freundin der Frauen - sie ist eine Freundin der Macht

Im US-Wahlkampf sind die Wählerinnen entscheidend. Profitieren wird davon wohl Hillary Clinton - und damit ausgerechnet die Frau, für die Unterstützung von Frauen stets nur Mittel zum Zweck war.

Hillary Clinton verdient keine Frauensolidarität, meint Sylvia Steinitz.

Hillary Clinton verdient keine Frauensolidarität, meint Sylvia Steinitz.

Sie wirkt dieser Tage wie eine sympathische ältere Dame, die sich vor allem um ihre Geschlechtsgenossinnen sorgt. "Killary", die knallharte Außenministerin der USA, hat sich erstaunlich gewandelt. "My girl" nennt die scheidende First Lady sie und beschwört die Solidarität der Frauen mit ihrem "Mädchen". , Zerschmetterin der Mutter aller Glasdecken: Die erste Frau im Oval Office wäre zugleich eine ehemalige First Lady, das hat schon einen gewissen Symbolwert.

Clintons Umgang mit Frauen wird verdrängt

Hillary Clinton hat für ihren Erfolg hart gearbeitet und dabei Hindernisse überwunden, vor denen andere Frauen schon allein aus nervlichen Gründen scheuen würden. Die Höhenzüge der politischen Landschaft in den waren für Frauen lange nahezu unerreichbar, wer trotzdem hinaufwollte, brauchte vor allem eine dicke Haut. Auf einer persönlichen Ebene hätte sich Hillary Clinton das Präsidentenamt also durchaus verdient.

Aber da ist ein Unbehagen, das selbst durch die Empörung über Clintons Konkurrenten und seinen Umgang mit Frauen dringt und für eine alte Feministin wie mich der erhofften Sensation einen bitteren Beigeschmack verleiht.

In der Aufregung um Trump wird nämlich Hillary eigener Umgang mit Frauen völlig verdrängt. Mehrmals wurde ihr Ehemann Bill sexueller Übergriffe beschuldigt. Der ehemalige Präsident galt stets als Schwerenöter, seine außerehelichen Affären sind Legende, der Name Monica Lewinsky ist sprichwörtlich. So weit, so privat.

Zwei Frauen beschuldigten ihn jedoch auch der sexuellen Nötigung, das Verhaltensmuster, das sie Bill Clinton zuschreiben, gleicht dem von Donald Trump. Wo Rauch ist, dort ist auch Feuer: Es darf getrost angenommen werden, dass auch Bill Clinton in seinem Allmachtsgefühl nicht immer kapierte, wann eine Frau sexuelle Annäherungen wünscht und wann nicht.

Hillary Clinton teilte die schwersten Hiebe aus

Die Betroffenen hatten jedoch nie eine Chance. Und das lag an Bill Clintons Ehefrau Hillary. Sie war es, die jedes Mal, wenn neue Vorwürfe auftauchten, die Artillerie in Stellung brachte. "Wir müssen ihre Story zerstören", war ihr Kriegsschrei. Sie war es, die in den jeweils folgenden Schlammschlachten gegen jede, die ihren Ehemann irgendeines sexuellen Fehlverhaltens beschuldigte, die schwersten Hiebe austeilte.

Auch Monica Lewinsky, die Praktikantin, die ihre Affäre mit dem damaligen Präsidenten mit einer vernichteten Existenz bezahlte, wurde von Hillary lächerlich gemacht und als "narzisstische Witzfigur" bezeichnet. Bill Clinton, als Lügner enttarnt und beinahe des Amtes enthoben, wurde (zumindest öffentlich) nicht angekratzt. Die betrogene Ehefau rettete seine Karriere, und das nicht nur aus Selbstlosigkeit.

Schon während der Lewinsky-Affäre sickerte aus Washington durch, dass Hillary Clinton, die zu dieser Zeit längst an ihrer eigenen Karriere arbeitete, auch ihre Beziehung strategisch anging. Eine betrogene Ehefrau taugt nicht zum Siegertyp. Also stellte sie sich hinter den Präsidenten.

Die Clintons machen vor, wie es geht

Ihre Weigerung, die dunkle Seite ihres Mannes auszuleuchten, trug nicht nur dazu bei, ihn im Amt zu halten, sondern muss ihn in all den Jahren in seinem Verhalten bestärkt haben. "Enabler" nennt man solche Leute, Möglichmacher, und leider verwenden zur Zeit nur die Republikaner diesen Begriff, wenn sie von Hillary Clinton sprechen. Die Demokraten und ihr Unterstützer halten hübsch still.

Selbst im Lichte der Empörung über Donald Trump werden die Anklägerinnen von Bill Clinton und Hillarys Rolle im Umgang mit den Vorwürfen beiseite geschoben mit lahmen Ausreden in der Art von "Bill kandidiert ja nicht." In diesem ganzen, leidigen, dreckigen dienen Frauenrechte auf allen Seiten lediglich als Werkzeug, das man nach Belieben einsetzt. Die Clintons machen vor, wie es geht.

Hillary Clinton ist eine Freundin der Macht

Hillary Clinton ist keine Freundin der Frauen. Sie ist eine Freundin der Macht. Ihre gesamte Karriere ist eine männliche, um es so auszudrücken, und folgt den Prinzipien der männlich-chauvinistischen Führungsebene Amerikas. Sie hat es gar nicht erst anders versucht. Nein, Clinton hat keine Frauensolidarität verdient.

Sie braucht diese natürlich trotzdem. Ihr Konkurrent Donald Trump ist zu erratisch für das Präsidentenamt, zu ungebildet, zu selbstherrlich, zu wenig vertraut mit den Prozessen der Spitzenpolitik, zu unvorsichtig in seinem Sexismus und dadurch angreifbar in einer Zeit, in der dieser in der amerikanischen Spitzenpolitik nicht mehr salonfähig ist.

Natürlich werden die amerikanischen Frauen Hillary Clinton wählen. Aber dass der Mensch, der seinen Aufstieg dem Verrat an Frauen verdankt, sich am 8. November ausgerechnet von Frauen über die Ziellinie tragen lässt, ist besonders bitter in seiner Ironie.

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