Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

Assane Gueyes beschwerlicher Weg an die Spitze

Afrika braucht Millionen Ingenieure, Ärzte und Forscher. Menschen wie Assane Gueye, der es vom Wunderkind aus der Savanne an eine US-Eliteuniversität schaffte. Doch der Weg zurück in die Heimat ist für Hochqualifizierte wie Assane schwer – gerade weil sie so erfolgreich sind.

  Hoffnungsträger für Afrika: Assane Gueye ist Pionier auf dem Gebiet der Internetsicherheit

Hoffnungsträger für Afrika: Assane Gueye ist Pionier auf dem Gebiet der Internetsicherheit

Acht Minuten wird Assane Gueye Zeit haben, seine Vision einer besseren Zukunft für Afrika vorzutragen. Er ist aufgeregt. Hier auf dem Podium zu stehen und vor 1000 Menschen zu sprechen. Afrika wird ihm zuhören. Staatschefs und Minister sitzen im Publikum, die Präsidenten vermögender Stiftungen, Emissäre globaler Konzerne und führender internationaler Forschungseinrichtungen. Nie zuvor bot sich auf afrikanischem Boden für Forscher eine Gelegenheit, so viele Entscheider zu erreichen wie hier auf dem Next Einstein Forum in Dakar im Senegal, der ersten weltweiten Wissenschaftskonferenz.

Assane ist einer von 16 "Fellows", junge, renommierte Wissenschaftler afrikanischer Herkunft, die dafür kämpfen, dass der Kontinent seine Probleme irgendwann selber lösen kann. Dies ist das Hauptanliegen des Next Einstein Forums, ins Leben gerufen vom African Institute of Mathematical Science (AIMS) zusammen mit der Robert Bosch-Stiftung und vielen internationalen Partnern. Denn Gelder für Entwicklungshilfe verpuffen, solange auf dem Kontinent 2,5 Millionen Ingenieure für elementarste Einrichtungen wie Kläranlagen oder Stromnetze fehlen. Solange in Ländern wie Sierra Leone 100 Ärzte sechs Millionen Menschen versorgen und dem Ausbruch des Ebolafiebers 2014 machtlos gegenüberstanden.

Assane ist Pionier auf dem Gebiet der Internetsicherheit, die weltweit und auch in Afrika wegen der terroristischen Bedrohung an Bedeutung gewinnt. Seine Geschichte erzählt davon, wie sich ein großes Talent auch unter widrigen Umständen seine Bahn bricht. Und was sich ändern muss, damit Menschen wie er ihren Heimatländern erhalten bleiben. Einer von drei jungen Menschen weltweit schafft es heute auf Universitäten, im Senegal einer von zwanzig. Die meisten kommen aus privilegierten Verhältnissen, anders als Assane.

Wunderkind der Savanne

Assane wird 1975 in einer staubigen Kleinstadt in der westafrikanischen Savanne geboren. Die Mutter kann nicht lesen und schreiben. Der Vater handelt mit Gebrauchtreifen und hat mehr als 20 Kinder mit mehreren Frauen. Assane teilt sein Bett mit zwei Brüdern. Am liebsten spielt er mit Freunden Fußball auf der sandigen Straße vor dem Haus. Er hat keine großen Träume. Den Lehrern fällt seine Ausnahmebegabung in Mathematik auf. Doch von den Erwachsenen hört er den immer gleichen Leitspruch: "In der Schule musst du lernen, Rechnungen zu schreiben." Sein Vater aber ist ehrgeizig, schickt seinen Sohn auf ein Gymnasium in Dakar. Assanes kometenhafter Aufstieg beginnt. Im Abiturjahr 1996 gewinnt er den ersten Preis im landesweiten Physik-Nachwuchswettbewerb. Stolz verfolgen seine Eltern im Fernsehen, wie der Präsident ihrem Sohn eine Urkunde überreicht und fragt, was Assane sich wünsche: "Ich möchte in Europa studieren und mit dem Wissen mein Heimatland voranbringen", sagt Assane.

Der Präsident verspricht ihm ein Stipendium für Frankreich, doch aus dem Traum wird erst mal nichts. Nach Monaten des vergeblichen Wartens auf eine Zusage beginnt Assane schließlich in Marokko Mathematik und Physik zu studieren. Doch bald sieht er keine Perspektive mehr. 1999 fiebert die Welt im New-Economy-Rausch – Internet, Mobilfunk, Kommunikation, hier liegt die Zukunft, denkt er.

Endlich Europa!

Weil ein Freund der Familie in der Schweiz lebt, schafft Assane endlich doch noch den Sprung nach Europa – und verliert drei Jahre. Denn die Universität Lausanne, an der er sich für Nachrichtentechnik einschreiben will, erkennt nichts an, fordert stattdessen Vorbereitungskurse in Mathematik. Zurück auf Los. Im Alter von 24 Jahre sitzt Assane im ersten Semester. Sein Leben finanziert er mit Nachhilfestunden, kommt kaum über die Runden. Heimweh plagt ihn. "Die Schweizer waren freundlich, ich habe nie Rassismus erlebt. Aber ich habe weder dort noch später in Amerika wirklich dazugehört."

  Musste immer wieder mit Rückschlägen kämpfen: Eliteuniversitäts-Absolvent Assane Gueye

Musste immer wieder mit Rückschlägen kämpfen: Eliteuniversitäts-Absolvent Assane Gueye

Seinen Master besteht Assane mit Auszeichnung und bewirbt sich in Berkeley, da droht schon die Ausweisung. Studium beendet, Visum abgelaufen. Drei Monate Zitterpartie, täglich kann die Polizei kommen. Dann wird Assane akzeptiert. Fünf Jahre später, 2011, verleiht ihm die weltbekannte Forschungseinrichtung den Titel.

Kein roter Teppich in Afrika

Nun müsste ihm die Welt zu Füßen liegen, würde man denken. Nicht in Afrika. Über vier Jahre bewirbt sich Assane bei großen Mobilfunkanbietern und an allen Universitäten im Senegal. Er schafft es nicht mal zu Bewerbungsgesprächen. "Egal, wie gut du bist, niemand rollt dir zuhause einen roten Teppich aus", so sein Fazit. Es ist ein Rätsel. Über den heiklen Punkt spricht keiner gerne auf dieser Konferenz, die Aufbruchsstimmung verbreiten soll. Ein Kenner der afrikanischen Wissenschaftsszene, der nicht genannt werden möchte, sagt dies: "Niemand möchte einen einstellen, der die eigenen Verdienste in den Schatten stellt." Jemand wie Assane bringe nicht nur einzigartige Qualifikationen mit, sondern noch ein anderes rares Gut – internationale Kontakte. Er könne Gelder einwerben und mache seine Vorgesetzten vielleicht auf lange Sicht überflüssig. "Lieber vergibt man Posten an weniger Qualifizierte, an Freunde vielleicht, mit denen man studiert hat."

Assanes Auftritt: Tosender Applaus, als er das Podium betritt, dann gebanntes Schweigen. Fernsehkameras sind auf ihn gerichtet, die Scheinwerfer blenden. Assane erzählt von seinem komplexen Forschungsgebiet. Er entwickelt mathematische Algorithmen, mit denen sich Schwachpunkte in den Computernetzwerken der digitalen Welt identifizieren lassen, die den Alltag auch in Afrika immer mehr beherrschen. Schwachpunkte, an denen sie mit anderen Netzwerken interagieren oder an denen Hacker angreifen können. Ein kleiner Fehler, und alles stürzt ins Chaos. So wie im Jahr 2008, als Youtube zusammenbrach, nachdem durch einen Programmierfehler der weltweite Datenverkehr des Videoportals auf die Server der Pakistan Telecom umgeleitet worden war. So wie im Dezember 2015, als Hacker das ukrainische Stromnetz mit der Malware Blackenergy angriffen und mehrere hundertausend Haushalte mitten im Winter ohne Strom waren.

  Besondere Ehre für Assane Gueye: Macky Sall, Präsident des Senegal (r.) überreicht den "Next Einstein Forum Award"

Besondere Ehre für Assane Gueye: Macky Sall, Präsident des Senegal (r.) überreicht den "Next Einstein Forum Award"

Assane und sein Team in Berkeley haben in den Netzwerken Afrikas besonders große Sicherheitslücken gefunden – Internet, Mobilfunk, Kraftwerke, Flugverkehr, alles könnte zur leichten Beute für Terroristen werden. "Die Netzwerke in Afrika stehen nahe am Kollaps", ruft er ins Publikum. Die Präsidenten und Minister sollen es hören.

Eine Woche später hat Assane noch keine Gespräche mit Entscheidern geführt. "Aber das wird bald passieren", glaubt er. Im April nämlich tritt der Berkeley-Absolvent eine eigens für ihn geschaffene Professur für Cybersecurity an der Universität Alioune Diop in Bambey, Senegal, an. Er hat es geschafft.

Das Next Einstein Forum geht mit vielen großen Versprechen zu Ende, die jetzt erfüllt werden müssen. Die Staatschefs und Minister erkennen in der "Dakar Declaration" die entscheidende Rolle der Wissenschaften für die Zukunft ihres Kontinents an, wollen Frauen fördern und verpflichten sich, ihre Forschungsetats bis zum Jahr 2025 auf ein Prozent des Bundesinlandsproduktes zu steigern. Schon vorher, in zwei Jahren, wird eine erste Bilanz gezogen. Dann tagt die Konferenz zum zweiten Mal – in Ruanda.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools