Der Ex-Bundestagsabgeordnete Thomas Wüppesahl steht wegen Verabredung zum Raubmord vor Gericht. Kurz vor seiner Verhaftung sprach er mit stern.de über die Frage, warum Polizisten kriminell werden. Von Kerstin Schneider

Sieht sich als Opfer einer "modernen Hexenjagd": Thomas Wüppesahl© Michael Rauhe/DPA
Es stimme schon, sinnierte der Kripomann im Gespräch mit stern.de am Telefon, Polizisten seien "potentielle Verbrecher". Viele Ordnungshüter kämen aus der "Mittelschicht". "Macht, Geld und Prestige" seien für sie "enorm wichtig". Verführerische Gründe, um die Seiten zu wechseln. Außerdem: "Nach ein paar Dienstjahren kennt man ja auch die Tricks".
Sechs Wochen nachdem Thomas Wüppesahl am Telefon eine Einschätzung darüber abgeben sollte, warum Polizisten kriminell werden, wurde der ehemalige Bundestagsabgeordnete und Mitbegründer der "Kritischen Polizisten" verhaftet. Jetzt steht er wegen Verabredung zum Raubmord und Verstoß gegen das Waffengesetz in Hamburg vor dem Landgericht. Laut Anklage wollte Wüppesahl den Geldboten eines Berliner Einkaufszentrums erschießen und ihm mit einem Beil den Arm abhacken, um an seinen Koffer mit geschätzten Einnahmen von 800.000 bis eine Million Euro zu kommen.
Wüppesahl soll den ehemaligen Polizisten Andreas S. gebeten haben, ihm eine Waffe für den Überfall zu besorgen. Andreas S. ging zur Polizei. Fortan hörte die Polizei alle Gespräche zwischen ihm und Wüppesahl ab, filmte die Übergabe der Waffe. Wüppesahl behauptet dagegen, dass der Kronzeuge "von den Hamburger Ermittlungsbehörden mit einem Jobangebot gekauft" worden sei, um ihn "als politisch missliebige Person auszuschalten".
Die Polizei, sagte Wüppesahl am Telefon, sei durch die Wiedervereinigung zum Sammelbecken geworden für Leute, die "woanders gescheitert" seien. Seine Stimme klang auffallend langsam. Auch Wüppesahl war so manches Mal gescheitert. Selbst wenn er in der Sache mitunter Recht hatte - Weggefährten fiel es schwer, seine anmaßende Art, die Streitsucht und Kompromißlosigkeit zu ertragen, mit der Wüppesahl versuchte, seine Ziele durchzusetzen. Für die Grünen saß Wüppesahl im Bundestag - die Fraktion schmiss ihn raus. Er gründete die "Kritischen Polizisten", deren Sprecher er war. Die aufmüpfigen Polizeibeamten wählten ihn im Mai 2001 ab. Wüppesahl erkannte seine Abwahl nicht an, schmückt sich noch heute damit, Sprecher des Berufsverbandes zu sein, der 1988 mit dem Gustav-Heinemann-Preis für Zivilcourage ausgezeichnet wurde.
Nach seiner Zeit im Bundestag wurde Wüppesahl zurück in den Polizeidienst beordert. Doch der Kripobeamte erschien in den vergangenen Jahren nur noch sporadisch zum Dienst. Er fühlte sich gemobbt, meldete sich laufend krank. Gegenüber stern.de prahlte er damit, wie "topfit" er sei. Wüppesahl klaute Socken, wurde wegen Diebstahls zu einer Geldstrafe verurteilt. Im Sommer vergangenen Jahres stand er wieder vor dem Richter, der ihn zunächst wegen Körperverletzung und Nötigung im Straßenverkehr zu sieben Monaten auf Bewährung verurteilte. Das Urteil ist inzwischen vom Oberlandesgericht aufgehoben worden.
Damals wurde Wüppesahl vom Dienst suspendiert, seine Bezüge gekürzt. Trotzdem lebte der Polizist, der aus der Mittelschicht stammte, auf großem Fuß. Macht, Geld und Prestige waren dem Gutmenschen, der früher mit Verve für eine gerechtere Welt stritt, offenbar enorm wichtig geworden. Er wohnte in einem idyllisch gelegenen Haus am Wasser. Die schlabberigen Wollpullis seiner ökobewegten Tage hatte er längst getauscht gegen teure Anzüge, die er zu besonderen Anlässen mit breitkrempigem Hut und Gehstock kombinierte. Von seiner klapprigen Ente war er umgestiegen auf einen komfortablen Van. Er flog mit Lufthansa - in der gehobenen Business-Class.
Seine Abende verbrachte Wüppesahl oft am Roulette-Tisch. Über 100 Mal wurde er als Gast in Spielcasinos registriert. An solchen Abenden verzockte Wüppesahl binnen weniger Stunden schon mal 15.000 Euro, wie sich ein Zeuge erinnert. Nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft häufte Wüppesahl Schulden von über 100.000 Euro an. Im September - etwa zu der Zeit als Wüppesahl Andreas S. in seinen mutmaßlichen Plan eingeweiht haben soll - mahnte die Lufthansa rund 18.000 Euro für unbezahlte Flüge an. Die Staatsanwaltschaft glaubt deshalb, dass der ehemalige Bundestagsabgeordnete den Überfall plante, weil er Geld brauchte. Thomas Wüppesahl bestreitet, in finanzieller Not gesteckt zu haben. Er sieht sich als Opfer einer "modernen Hexenjagd des 21. Jahrhunderts" und wirft der Staatsanwaltschaft "Faktenarmut in der Sache" vor. Tatsächlich birgt das Verfahren für die Ankläger ein Risiko. Es ist rechtlich strittig, ob die Abhörprotokolle der Gespräche zwischen Wüppesahl und Andreas S. im Strafverfahren gegen den Angeklagten verwandt werden dürfen. Wenn der Bundesgerichtshof diese Frage klären muss, weil Wüppesahl sich gegen die Verwendung im Prozess zur Wehr setzt, kann es lange dauern, bis die Richter ein Urteil darüber fällen können, ob der Polizist ein potentieller Raubmörder ist oder nicht.
Abgesehen von diesem spektakulären Prozess - dessen Ausgang noch völlig offen ist - es ist keineswegs selten, dass Polizisten kriminell werden. Beinahe jeden Monat sorgt ein neuer Fall für Aufsehen:
In Münster verurteilte das Landgericht einen Kommissar wegen Vergewaltigung zu drei Jahren Haft.
In Hamburg stand ein Drogenfahnder vor Gericht, der Kokain aus der Asservatenkammer geklaut und verkauft hatte. Das Urteil: Drei Jahre und drei Monate Gefängnis.
In Berlin muss sich derzeit ein Beamter des Landeskriminalamtes vor Gericht verantworten, weil er Supermarkteinbrüche organisiert haben soll.
In München verprügelte ein Polizist nach einer privaten Zechtour den Kinderbuchautor Ali Mitgutsch und verletzte ihn schwer. Schockiert über die "ungeheure Gewaltbereitschaft aus nichtigem Anlaß" verurteilte der Richter den Beamten zu zehn Monaten auf Bewährung.
In Hannover ist ein Polizist wegen sexuellem Mißbrauchs und Vergewaltigung in 174 Fällen angeklagt. Der Beamte hat gestanden. Er soll seine minderjährigen Töchter über Jahre mit vorgehaltener Dienstwaffe zum Sex gezwungen zu haben.
Im bergischen Hückeswagen musste sich ein Polizist wegen Erpressung vor dem Richter verantworten. Der Beamte war Opfer einer privaten Prügelei geworden und erpresste vom Arbeitgeber des Schlägers Schmerzensgeld ("Ich komme mit 20 Leuten und lasse den Laden hier hochgehen"). Für den Richter ein klarer Fall von Machtmissbrauch. "Sie haben ihren Status ausgenutzt und der Polizei großen Schaden zugefügt", sagte er und verurteilte den Beamten zu einer Geldstrafe von 6.000 Euro.
"Kriminelle Polizisten rechnen nicht damit, erwischt zu werden", sagt Professor Dr. Gerd Wiendieck, Leiter des Institutes für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Fernuniversität Hagen. Der Psychologe hat sich in einer Studie mit dem Seelenleben von Ordnungshütern befasst. "Polizisten halten sich für cleverer, weil sie die besten Kniffe und den Gang von Ermittlungen kennen", sagt er. Das zeigt der Fall eines Kripobeamten aus Detmold, der seine Dienstzeit für einen Überfall nutzte, besonders deutlich.
Ordnungsgemäß meldete sich Kriminaloberkommissar Uwe S. bei seinen Kollegen ab - "zum Tatortdienst", wie er sagte. Mit seinem Dienstwagen fuhr der Polizist in die Detmolder Innenstadt, parkte in der Nähe des Antiquitätengeschäfts Pilling. Das hatte er sich ausgeguckt - als Tatort für seinen Überfall. Sein Konto war um 8.000 Euro überzogen, seine Ehefrau durfte von den Schulden nichts wissen. Der Kripomann hatte beruflich in dem Geschäft zu tun gehabt. Deshalb wusste er genau, wo die Kamera hängt und dass Seniorchef Klaus-Jürgen Pilling behindert ist. Maskiert mit schwarzer Skimütze betrat S. den Laden, bedrohte den Senior mit seiner Dienstwaffe. "Alles Geld her", forderte er in gebrochenem Deutsch. "Ich habe kein Geld", erwiderte Pilling kühl. Als Uwe S. merkte, dass sein "Coup" gescheitert war, versuchte der Polizist zu fliehen und lief prompt dem Juniorchef in die Arme.
Senior Pilling ist noch immer fassungslos. "Ein Kripobeamter, der ein Geschäft überfällt. Da verliert man doch den Glauben an die Polizei." Dazu gibt es keinen Grund. Von 266.000 Polizisten in Deutschland machen die meisten ihren Job hervorragend. Sie halten ihre Knochen hin, ruinieren in täglich wechselnden Schichtdiensten ihre Gesundheit, schieben Berge von Überstunden vor sich her und sorgen selbst unter schwierigsten Bedingungen für Ordnung. Deshalb genießen Polizisten neben Medizinern das höchste Ansehen in der Bevölkerung.
Um so schockierender ist es, wenn Polizisten als Totschläger, Kinderschänder, Räuber, Vergewaltiger, Dealer, Zuhälter oder Betrüger Schlagzeilen machen. Schwarze Schafe gibt es überall, winken Polizeipräsidenten und Innenminister in solchen Fällen gerne ab, betonen, dass die Polizei eben auch nur ein "Spiegelbild der Gesellschaft" sei.
Beschwichtigungsversuche, die darüber hinweg täuschen sollen, dass es ein besonderes Problem ist, wenn Polizisten, deren Job es ist, Gesetze zu hüten, kriminell werden. Zwar gibt es auch Lehrer, Bäcker oder Fleischer, die Verbrechen begehen. Doch anders als diese Berufsgruppen kennen Polizisten das Strafgesetzbuch nicht nur viel genauer und haben täglich vor Augen, was Recht und Unrecht ist. Polizisten sind eine der wichtigsten Säulen des Rechtsstaates. Gesetzeshüter, die zu Verbrechern werden, gefährden das Rechtssystem. Deshalb ist ein Polizist, der Dealer festnimmt, aber selbst Drogen verkauft, eine viel schlimmere Bedrohung für das Gemeinwohl als ein kiffender Journalist oder eine klauende Verkäuferin. "Polizisten sind nicht per se die besseren Menschen", sagt Polizeiforscher Rafael Behr ("Cop Culture – Alltag des Gewaltmonopols") von der Universität Frankfurt.
Der promovierte Soziologe weiß, wovon er spricht. Bevor sich Behr der Wissenschaft verschrieb, war er 15 Jahre Polizist in Hessen. "Wir müssen die Alltagsbedingungen, denen Polizisten ausgesetzt sind, dringend genauer untersuchen. Nur so wird man erfahren, warum einigen Polizisten das Rechtsverständnis entgleist", fordert der Polizeiforscher.
Doch davon wollen Innenminister und Polizeipräsidenten nichts hören. Während in den USA die kriminelle Energie von Cops intensiv erforscht wird, werden hierzulande in den meisten Bundesländern nicht mal die Strafanzeigen gegen Polizisten gezählt. Auch die Forschung schert sich wenig um das Thema.
Eine Ignoranz, die nach Ansicht des Kriminologen und Polizisten Martin Herrnkind ("Die Polizei als Organisation mit Gewaltlizenz") System hat. "Bei der Polizei ist es wie bei den Medizinern", sagt er. "Fehler dürfen nicht vorkommen - jedenfalls nicht in der öffentlichen Wahrnehmung. Und wenn doch, wird möglichst der Mantel des Schweigens darüber gedeckt." Deshalb seien kriminelle Polizisten in Deutschland auch ein "Tabu-Thema". Herrnkind: "Es kann nicht wahr sein, was nicht wahr sein darf."