Die Griechen geben die Hälfte ihres Einkommens für Nachhilfe aus und ohne Bestechung zieht kein Arzt den OP-Kittel an - das Gesundheits- und Bildungswesen zeigt, woran es im Pleitestaat hapert. Eine Reportage von Bettina Sengling, Athen

Das Laiko-Krankenhaus in Athen: Für Operationen haben griechische Ärzte nicht immer Zeit© Nikos Pilos
Es ist acht Uhr abends, aber die Privatschule in einem Athener Vorort ist immer noch hell erleuchtet. 80 Schüler aus der Nachbarschaft sitzen bis in die Nacht hier, um sich auf das Abitur vorzubereiten. "Unser Schulsystem ist eine Katastrophe", sagt die Leiterin der Nachhilfeschule, die ihren Namen nicht nennen will. "Wer in den letzten Jahren vor dem Schulabschluss keine systematische Nachhilfe bekommt, schafft das Abitur nicht."
Am liebsten würde sie nichts Negatives über ihr Land sagen: Die wütenden Schlagzeilen aus Deutschland kennt in Athen inzwischen jeder. Doch wer in Griechenland über Bildung spricht, beklagt sich zwangsläufig. Das öffentliche System funktioniert nur noch auf dem Papier - in der Praxis ist die Bildung längst eine teure, zeitaufwändige Privatangelegenheit.
So sind die privaten "Frontistirion", die Nachhilfeschulen, längst eine feste Institution im griechischen Bildungssystem, das eigentlich staatlich und umsonst sein soll. In der Schule im Athener Vorort lernen Kinder in kleinen Gruppen Mathe, Physik und Chemie. Manche gehen zusätzlich noch in andere Nachhilfeschulen, um sich dort auf den Fremdsprachenunterricht vorzubereiten. Viele fangen bereits in der fünften Klasse damit an. Manche Nachhilfeschulen haben sich sogar auf Grundschulkinder spezialisiert. Selbst in den Sommerferien wird unterrichtet.
"Unser Sohn Guy ist 17 Jahre alt und hat fast keine Freizeit mehr", klagt der Immobilienmakler Archileas Ziro. Morgens von 8 bis 14 Uhr besucht Guy das staatliche Gymnasium, nachmittags von 15 bis 19 Uhr die Nachhilfeschule. Danach stehen noch Hausaufgaben auf dem Programm - für das Gymnasium und für die Nachhilfeschule. Tochter Alkistis ist 14 und hat bislang nur in zwei Fächern Nachhilfe: Altgriechisch und Englisch. Die Eltern lassen sich die Bildung ihrer beiden Kinder 1150 Euro im Monat kosten - fast eines ihrer beiden Gehälter. Damit sind sie keine Ausnahme. In Guys Klasse gibt es keinen Schüler, der ohne Nachhilfe auskommt. Mindestens 300 Euro kostet die.
"Das zentrale Abitur ist eben so anspruchsvoll, dass die Kinder im normalen Unterricht nicht ausreichend vorbereitet werden können", erklärt eine junge Lehrerin. "Die Stunden sind zu kurz und in den Klassen ist es zu laut." Und davon profitiert sie: Als Gymnasiallehrerin verdient sie nach vier Berufsjahren gerade einmal 1200 Euro netto - das Einstiegsgehalt liegt sogar nur bei 950 Euro. Deshalb arbeitet sie nach Schulschluss als private Nachhilfelehrerin. Das ist zwar verboten, doch allgemein üblich. Einträglich ist es auch, denn eine Stunde Exklusivunterricht kostet immerhin 30 Euro. "Wir müssen überleben", sagt sie. "Von den staatlichen Gehältern können wir das nicht."
Auch für die Gesundheit müssen die Griechen längst privat zahlen. "Das System hat versagt", klagt die Athener Lungenärztin Meropi Mandeon, die in einem staatlichen Krankenhaus arbeitet. Offiziell ist selbst ein Aufenthalt im Krankenhaus für alle kostenlos. Doch die Krankenhäuser sind hoch verschuldet, teils mit mehr als 50 Millionen Euro. Das liegt an den klammen Krankenkassen, die den Krankenhäusern jedes Jahr Millionen Euro schuldig bleiben. Und nicht nur das: "Die Lieferanten verkaufen den Krankenhäusern Waren zu völlig überhöhten Preisen", sagt Meropi. Schließlich müssen die damit rechnen, dass die Krankenhäuser erst Jahre später zahlen - ein Teufelskreis. "Die Schulden wachsen so ins Unermessliche", so Meropi.
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