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Wie der Reporter Nicolas Hénin den IS überlebte

Er war zehn Monate lang Geisel des Islamischen Staats. Der Journalist Nicolas Hénin spricht über die Banalität der Bösen, seine Überlebenstricks – und erklärt, warum Bomben die Islamisten nur stärker machen.

Von Steffen Gassel und Marc Goergen

Nicolas Henin

20. April 2014: Nach zehn Monaten Geiselhaft im selbsternannten Islamischen Staat ist der französische Journalist Nicolas Hénin wieder frei und betritt heimischen Boden

Sie waren zehn Monate lang Geisel des Islamischen Staats. Und chatten heute noch mit IS-Kämpfern. Warum halten Sie mit den Kollegen Ihrer einstigen Peiniger Kontakt?

Ich bin ja immer noch Journalist. Wenn ich etwa über Raqqa schreibe, dann gehört für mich dazu, dass auch IS-Leute mir die Stadt beschreiben. Aber ich frage sie nicht, wie ihr Tag war. Der Kontakt geht übrigens nicht immer von mir aus. Häufiger schicken mir IS-Kämpfer von sich aus Nachrichten.

Was schreiben die? Auch persönliche Botschaften?

Ja, manchmal auch ziemlich aggressive: Als du in der Zelle warst, kamst du nicht so stolz und selbstbewusst daher. Damals hast du nicht so viele Witze gemacht.

Versetzt Sie das zurück in die Zeit als Geisel?

Natürlich. Sie wollen mit mir spielen. Meine Geiselhaft war sehr speziell. Ich bin gemeinsam mit zwei Dutzend Menschen in Gefangenschaft gewesen. Und als ich freikam, waren noch immer etwa 15 in ihrer Gewalt. Um sie nicht zu gefährden, konnte ich mich in Freiheit nicht wirklich frei äußern. Heute haben die Islamisten nur noch sehr wenige Geiseln in den Verliesen. Und nur noch eine, die ich aus meiner Zeit kenne – den Engländer John Cantlie. Natürlich sage ich nichts, was sein Leben gefährden könnte. Aber ich habe meine Freiheit zurück.

Haben Sie den Eindruck, dass sich der IS bedroht fühlt? Schließlich kämpfen immer mehr Länder gegen die Islamisten.

Für sie ist gerade das der Sieg! Je mehr Nationen sich am Kampf beteiligen, desto näher rückt in ihrer Weltsicht die große apokalyptische Schlacht. Und die soll ja in Dabiq stattfinden – einem kleinen Ort im Norden Syriens. Diese Prophezeiung ziehen sie aus alten islamischen Schriften, den Hadithen.

Jede Bombe auf Raqqa bestärkt sie also in ihrer Weltsicht?

Genau. Was dem IS viel mehr Sorgen bereitet, sind Appelle zum Frieden. Sie werden wohl auch von mir enttäuscht sein: Sie wollten aus mir einen Rache-Propagandisten machen – und was tue ich? Ich rufe nicht dazu auf, sie zu töten. Worte und Ideen sind in diesem Krieg wirksamer als Armeen und Bomben.

Sie haben die Kämpfer des IS hautnah erlebt. Sie waren zehn Monate lang gezwungen, hinter die Fassade zu schauen.

Ich habe die Kämpfer erlebt, wenn sie verwirrt waren, wenn sie Witze gemacht haben. Die Typen verlieren ihren Schrecken. Als sie einmal in unsere Zelle kamen, um uns Angst einzujagen, hab ich ihnen ins Gesicht gesagt: Ich nehm euch das alles nicht mehr ab.

Nicolas Henin

Nicolas Hénin beim stern-Gespräch in Hamburg. Er gilt als einer der kenntnisreichsten Nahost-Journalisten Frankreichs. Er berichtete unter anderem aus dem Irak, Libyen und Somalia. Während einer Recherche im Juni 2013 wurde er in Raqqa von Kämpfern des IS verschleppt und mit zwei Dutzend anderen westlichen Geiseln gefangen gehalten. Nach seiner Freilassung im April 2014 veröffentlichte der heute 40-Jährige eine Analyse des IS ("Jihad Academy") und ein Kinderbuch ("Papa Hérisson rentrera-t-il à la maison?")

Wie kann man sich die Bewacher vorstellen? Mehr banal als böse?

Das beste Beispiel ist Mehdi Nemmouche, einer unserer Wärter, ein Franzose, der später vier Menschen im Jüdischen Museum in Brüssel erschoss. Ich habe ihn nie von "Allah" reden hören. Der war ein kleiner Gangster, vollkommen sozialisiert in unserer Vorstadtkultur. Er rezitierte nicht irgendwelche Dschihad-Gesänge, sondern sang Liedchen aus dem Kinderfernsehen. Er hatte auch ein Faible für ein französisches Fernsehformat über große Kriminalfälle. Einen ganzen Monat lang hat Nemmouche jeden Abend eine Folge dieser Sendung auf seinem Laptop angeschaut und am nächsten Morgen davon begeistert erzählt. Mein Eindruck war: Mehdi Nemmouche ist nicht nach Syrien gegangen, um dort als Märtyrer zu sterben – sondern um ein Star in einer Crime-Show zu werden.

Der Islamische Staat – eine Art Reality-TV?

Ja. Darauf beruht auch die Propaganda des IS. Dass der Dschihad cool ist. Du bist ein Niemand ohne Geld, Freundin, Arbeit. Dann kommt der IS und sagt: Wir machen aus dir einen Helden. Wir bieten dir Abenteuer, wir geben dir Geld, Frauen, die Macht über andere Menschen. Wäre ich ein verlorener Teenager, ich würde auch nach Syrien gehen.

Waren alle Kämpfer, die Sie bewachten, solche Niemande vom Rand der Gesellschaft?

Die meisten. Lassen Sie mich ein Beispiel erzählen: Unsere Zelle lag am Ende eines Flurs, dort waren wir mit 15 Leuten. Eine Wache mit Kalaschnikow hat uns einmal einen nach dem anderen zur Dusche gebracht. Und dann hat der Typ sein Gewehr einfach in der Dusche vergessen – bei der Geisel. Und hat es gar nicht gecheckt!

Wäre das nicht die Gelegenheit zur Flucht gewesen?

Das Problem war, dass wir überhaupt nicht wussten, wo wir waren. Es war anzunehmen, dass wir uns tief im IS-Gebiet befanden. Außerdem hatten drei von uns schon mal versucht zu fliehen. Der amerikanische Reporter James Foley, der dänische Fotograf Daniel Rye und ich. Am Ende haben sie uns alle wieder geschnappt. Ich hab es immerhin geschafft, eine Nacht allein in der Wüste zu verbringen. Man hat mir aber dann auf sehr deutliche Art und Weise klargemacht, dass wir es besser nicht noch einmal versuchen.

Wie das?

Darüber möchte ich nicht reden.

Weil es Schmerzen wachruft?

Weil ich diesen Menschen nicht das Gefühl des Triumphs verschaffen will. Sie haben mich nicht gebrochen und werden es auch im Nachhinein nicht tun. Ich bin derselbe Mensch wie vor der Geiselnahme.

Wenn die Kämpfer so einfach gestrickt sind, wie Sie sie beschreiben – wie ist dann der Erfolg des IS zu erklären?

Natürlich gibt es auf den oberen Ebenen ein paar clevere Leute. Die kommen sehr gut mit den verschiedenen Clans auf ihrem Gebiet klar. Die Hauptstärke liegt aber darin, dass sie es schaffen, Kämpfer mit sehr verschiedenen Hintergründen zu integrieren: jene aus Europa, die sich als Gangsta-Rapper geben, aber auch die einfachen Bauern aus dem Euphrat-Tal. Die "Multikulti"-Kultur macht einen Großteil ihrer Stärke aus. Das zeigen sie auch gern in ihren Videos. Da sieht man Anleihen an arabische Fernsehserien wie auch an "Game of Thrones".

Wurden Sie während der Gefangenschaft an verschiedenen Orten festgehalten?

Ja. Ich wurde in Raqqa entführt, später wurde ich nach Aleppo gebracht. Für einige Zeit wurden alle Geiseln dort festgehalten. Als im Frühjahr 2014 die moderaten Rebellen den IS von dort vertrieben, wurden wir in aller Eile weggebracht. Auf der Ladefläche von Trucks. Wir waren tagelang unterwegs, bis wir am Ende wieder in Raqqa landeten.

Wie kann man sich das vorstellen?

Wir fuhren immer nachts, im Konvoi, meist auf Feldwegen und Wüstenpisten, die Autolichter waren ausgeschaltet, um keine Luftangriffe zu riskieren. Auf einer dieser Fahrten gab es einen Unfall. Das Auto, in dem ich saß, überfuhr in einem Dorf einen Mann, der die Straße überquerte. Als es passierte, saß ein junger Dschihadist aus Belgien mit mir im Auto. Er sagte: "Oh. Möge Gott ihn in seinem Paradies aufnehmen." Dann ging die Fahrt einfach weiter.

Haben Sie nach dem gescheiterten Fluchtversuch je daran gedacht, es noch einmal zu versuchen?

Ja, immer mal wieder. Aber die meisten unserer Verstecke waren Verliese. Mit starker Bewachung und umgeben von hohen Mauern. Keine Chance, dort herauszukommen. Und selbst wenn wir das geschafft hätten: In welche Richtung hätten wir fliehen sollen? Man muss irgendwie sicheres Territorium erreichen. Und das lag die meiste Zeit um die 100 Kilometer entfernt. Wie hätte das eine Hand voll Weißgesichter in orangefarbenen Overalls schaffen sollen?

Sie mussten ständig diese Overalls tragen – wie die Häftlinge im US-Lager von Guantánamo?

Ja. Mehrere Monate lang war das unsere Uniform.

Hatten Sie jemals Kontakt zur Außenwelt?

Ich konnte zum ersten Mal eine Nachricht nach draußen senden, als die erste Geisel aus meiner Gruppe freigelassen wurde. Das war, sechs Wochen bevor ich befreit wurde. Die zehn Monate davor war ich vollkommen abgeschnitten. Nur von zwei Meldungen erzählten uns die Bewacher: dass Nelson Mandela gestorben war. Und dass François Hollande eine Affäre hatte. Darüber freuten sie sich. "Da seht ihr, aus was für einem dekadenten Land ihr kommt", sagten sie hämisch.

  Nicolas Hénin mit seinen Kindern bei der Begrüßung in Paris durch Präsident Hollande (l.)

Nicolas Hénin mit seinen Kindern bei der Begrüßung in Paris durch Präsident Hollande (l.)


Kurz nachdem Sie befreit wurden, ermordete der IS den ersten Ihrer Mitgefangenen.

Der erste Mord, das war schon sechs Wochen vor meiner Befreiung: an dem Russen Sergej Gorbunow. Sein Tod wurde nicht sofort öffentlich gemacht. Der IS benutzte Fotos der Erschießung, um uns zu terrorisieren und um in den laufenden Verhandlungen über unsere Befreiung Druck aufzubauen. Das war traumatisch für mich. Ich hatte bis dahin noch Hoffnung, dass irgendeine Art von Einigung für die Freilassung von uns allen möglich war.

Wie ist die Gruppe mit dem extremen Stress umgegangen?

Unterschiedlich. Manchmal gerieten einige von uns in Streit. Zum Beispiel darüber, ob wir noch einen Fluchtversuch unternehmen sollten. Etwa ein Drittel der Geiseln aus unserer Gruppe trat während der Haft zum Islam über.

Weil sie dachten, das würde ihre Situation verbessern?

Nein. Unsere Wärter hatten von Anfang an klargemacht: Ein Übertritt zum Islam wird nichts an eurem Schicksal ändern. Und so kam es auch. Einige der Konvertiten wurden freigelassen, andere ermordet. Ich glaube, für die meisten aus unserer Gruppe war der Übertritt eine Art, Kraft in dieser schwierigen Lage zu finden. Eine spirituelle Arbeit.

Um nicht völlig haltlos zu werden?

Um eine solche Notlage zur überstehen, musst du an irgendetwas glauben. Man braucht Glauben.

Was hat Ihnen Kraft gegeben?

Die Gedanken an meine Kinder und an meine Familie. Aber solche Gedanken haben natürlich auch wehgetan, als würde ich gefoltert. Später sind einige Erlebnisse in ein Kinderbuch geflossen, das ich nach meiner Befreiung geschrieben habe.

Welche?

Um uns die Zeit zu vertreiben, erfanden wir ein Spiel: Wir suchten uns Tiere aus, die unsere Charaktere widerspiegeln sollten. Ich war der Igel. Da sagte Pierre Torres, der Fotograf, der mit mir entführt worden war: "Igel sind cool. Sie finden immer den Weg nach Hause, egal, wo du sie hinbringst." Das hat mir sehr gefallen. Darum handelt das Buch auch von einem Igel, der auf einer schwierigen Reise in seine Heimat andere Tiere trifft.

Sie sind nun fast zwei Jahre wieder in Freiheit. Wie kommen Sie mit dem Erlebten zurecht?

Ich beschäftige mich heute nicht so sehr mit meiner Gefangenschaft. Ich möchte etwas Vernunft in die ganze IS-Debatte bringen. Ich habe das Gefühl, dass ganz viele Leute von Angst getrieben sind. Und ich bin dieser normale Typ, der sagt: "Hört mal. Ich kenne diese Schurken. Es gibt keinen Grund, sich vor denen zu fürchten."

François Hollande und bisweilen auch Angela Merkel klingen anders.

Ich fand die Reaktion von Hollande nach den Anschlägen von Paris noch schlimmer als die von George W. Bush nach 9/11. Das betrifft sowohl die militärische Eskalation als auch den Ausnahmezustand in Frankreich: die Hausdurchsuchungen, die Festnahmen ohne Haftbefehl. Hollande ist dabei, die Muslime Frankreichs vom Staat zu entfremden. Die Franzosen mit Migrationshintergrund fühlen sich doch ohnehin nicht mehr repräsentiert. Das führt im besten Fall dazu, dass sich bald eine muslimische Partei gründen wird, ganz so, wie es Michel Houellebecq in seinem jüngsten Buch "Unterwerfung" beschrieben hat.

Und im schlimmsten Fall?

Führt es zu totaler Radikalisierung. Ich habe viel Kontakt zu Muslimen in Frankreich. Und wenn ich höre, was die mir erzählen, dann schäme ich mich. Man bekommt den Eindruck, dass die französische Polizei in den vergangenen Wochen zum größten Anwerber für den Islamischen Staat geworden ist!

Konnte François Hollande denn anders als militärisch reagieren?

Nein. Aber daran war er selbst schuld. Als er Wochen vor den Pariser Anschlägen die Ausweitung der Luftschläge auf den IS in Syrien verkündete, begründete er das damit, Anschläge in der Heimat verhindern zu wollen. Und was ist passiert? Möglicherweise waren es gerade diese Luftschläge, die uns noch mehr zum Ziel gemacht haben. Und jetzt sind wir in dem Dilemma: Wir können schlecht mit dem Bombardement aufhören – dann hätten ja unsere Feinde gewonnen. Wir können es aber auch nicht endlos weiter eskalieren, weil das nur noch mehr Leute in die Arme des IS treiben würde. Wir sind in die Falle getappt, die der IS uns gestellt hat.

Was also tun?

Ich bin nicht per se dagegen, militärisch gegen den IS vorzugehen. Einzelne, limitierte Luftschläge können effektiv sein. Der Schlüssel liegt aber darin, die Bevölkerung vor Ort zu gewinnen. Wir müssen verhindern, dass der IS sich als Beschützer der Sunniten aufspielen kann, wie ein Gangster-Pate. 130 Menschen kamen bei den Anschlägen in Paris ums Leben. Das ist schrecklich. Aber in Syrien starben in den vergangenen Jahren im Schnitt jeden Tag 200 Menschen. Das treibt dem IS die Menschen zu. In Syrien kursiert ein Witz: "Wäre der Dalai Lama ein Syrer – dann wäre er heute Dschihadist."

Nach dem Erfolg des rechten Front National (FN) in der ersten Runde der französischen Regionalwahlen twitterten Sie: "Assad und al-Baghdadi sollten den FN-Wählern für die freundliche Hilfe dankbar sein."

Die Terroristen spielen mit unserer Angst. Und wenn die öffentliche Meinung von Angst bestimmt wird, kann das im schlimmsten Fall die Demokratie aus den Angeln heben. Die Aussage eines Donald Trump, dass Muslime nicht mehr in die USA einreisen sollen, ist wie eine schlechte Karikatur genau der Reaktion, die der Islamische Staat provozieren möchte.

Sollte Europa dem IS mit mehr Besonnenheit begegnen?

Die Flüchtlingskrise war ein großer Schlag gegen die IS-Propaganda. Die baut ja auf zwei Behauptungen: Ein guter Muslim soll nicht in Europa leben. Und: Europa diskriminiert die Muslime. Muslime sollen deswegen ins Kalifat auswandern. Die IS-Leute sind ja von einer ähnlichen Euphorie ergriffen wie die Gründerväter der USA oder die frühen Zionisten. Sie bauen am Land ihrer Träume. Aber dann fliehen Hunderttausende aus diesem angeblichen Paradies, gehen in die Länder der Ungläubigen – und werden, zumindest in Deutschland, von denen auch noch mit offenen Armen aufgenommen!

Fühlen Sie sich auch Ihrer ermordeten Kollegen wegen verpflichtet, der Welt den IS zu erklären?

Ja – und ich fühle eine Verpflichtung gegenüber dem syrischen Volk. Syrien war das erste arabische Land, das ich besuchte. Das war 1994, ich war gerade 18 geworden. Ich war mit einem Rucksack unterwegs. Es war der Beginn des Lebens, das ich bis heute führe, das getrieben ist vom Wunsch, fremde Länder zu verstehen. Ich bin von den Syrern immer mit Herzlichkeit willkommen geheißen worden. Und sie haben mich beeindruckt mit ihrem demokratischen Willen. Jahrzehntelang haben sie in einem der totalitärsten Regime der Welt gelebt – und dann 2011 binnen weniger Monate auf lokaler Ebene die Grundzüge demokratischen Zusammenlebens verwirklicht. Dafür sind sie massakriert worden.

Dieses Gespräch ist dem aktuellen stern entnommen:


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