"Das ist eine echte Revolution"

7. Juni 2013, 20:05 Uhr

Zelte, Elektrik und eine Wagenburg aus ausgebrannten Bussen - der Gezi-Park ist vorbereitet: Denn mit der Rückkehr von Erdogan in die Türkei steht womöglich der nächste Übergriff an. Ein Ortstermin. Von Felix Dachsel

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Türkei, Taksim-Platz, Gezi-Park, Erdogan

Ausgebrannte Busse wurden bemalt und rund um den Gezi-Park platziert, sie dienen als Schutz vor einem Übergriff der Polizei©

Eine Woche ist es her, da traf Deniz ein Gummigeschoss am rechten Arm. Er hatte gesehen, wie die Polizei Umweltschützer verprügelte und mit Wasserwerfern auf Demonstranten schoss, da rannte er wütend auf die Polizisten zu und reckte einen Mittelfinger in die Luft. Er stand auf der Istanbuler Flaniermeile Istiklal, ganz nah beim umkämpften Gezi-Park, Tränengaswolken stiegen auf, Menschen flüchteten sich in Hauseingänge. Da traf ihn das Geschoss am Arm, er begann zu bluten. Jetzt sitzt er im Schatten einer Plane im Gezi-Camp, zwischen Zelten und Wasserkanistern, sein Arm ist verbunden. "Das wird schon wieder", sagt er. Er steckt sich die Sonnenbrille in seine lockigen Haare, er wirkt entspannt. Seine Wunden heilen.

Sturmfreie Bude im Gezi-Park

Es ist einer dieser klaren, sonnigen Tage in Istanbul. Die Polizei hat sich aus dem umkämpften Park und vom angrenzenden Taksim-Platz zurückgezogen. Man muss jetzt sehr lange suchen, um einen Uniformierten zu finden: Es fühlt sich ein bisschen an wie sturmfreie Bude.

Der Gezi-Park ist unter der Kontrolle der Demonstranten, die Zufahrten sind mit ausgebrannten Bussen und Straßenbarrikaden blockiert. Der Gezi ist jetzt eine Mischung aus Zeltplatz, Erlebnispark und Demokratieseminar. Kein Tahrir, aber trotzdem historisch. Seit Tagen kommen Tausende und feiern ihren Sieg über die Staatsmacht: Kommunisten, Schüler, Künstler, Anwälte, Ärzte. Sie feiern und tanzen, zwischendurch versuchen sie zu schlafen. Diren!, heißt die Parole. Widerstand.

Deniz ist Publizist, aber für den Protest hat er umgeschult: Er kümmert sich um die Elektrik im Gezi-Camp, er schraubt Glühbirnen ein und repariert Kühlschränke. "Das ist eine echte Revolution", sagt er.

Erdogans Unterstützer werden aufgepeitscht

Doch seine Revolution ist in Gefahr. Am frühen Morgen landete Ministerpräsident Erdogan in Istanbul, er kam von einer Auslandsreise. Am Flughafen bejubelten ihn Tausende Anhänger, die Masse schrie martialische Parolen: "Wir würden für dich sterben, Erdogan!" Und: "Lasst uns zum Taksim gehen und sie alle zerquetschen!" Zwei große Nachrichtensender übertrugen die Ankunft des Ministerpräsidenten live im Fernsehen. Eben jene Sender, die die Proteste der Regierungsgegner lange ignoriert hatten. Der Arbeitersender Halk TV, der den Demonstranten vom Gezi-Park nahe steht, zeigte zum Ausgleich eine Sendung über Pinguine - anstatt die Rede des Premiers.

Erdogan dankte in seiner Ansprache der Polizei für ihre "gute Arbeit". Er bezeichnete die Gezi-Demonstranten als "Vandalen und Anarchisten". Auf Twitter formierten sich seine Anhänger unter dem Hashtag WeloveErdogan. Der Ministerpräsident will den Konflikt offenbar nicht lösen, sondern weiter anheizen. Er tut alles, um die Demonstranten zu diskreditieren - und seine Unterstützer aufzupeitschen.

Abwarten in Partystimmung

Ist das Gezi-Camp jetzt in Gefahr? Wie wahrscheinlich ist es, dass Erdogans Anhänger das Zeltlager überfallen? "Wenn es passiert, dann heute", sagt Deniz. Der Freitag ist in islamischen Länder der wöchentliche Feiertag und oft ein Tag für Demonstrationen und politische Kundgebungen. Aber Angst, sagt Deniz, habe er keine. "Wir sind vorbereitet", sagt er. Über den Taksim-Platz könne man das Camp nicht angreifen, am Tag sind dort Hunderte und nachts mehr als tausend Regierungsgegner. Und auf der anderen Seite wache die Ultra-Vereinigung des Istanbuler Fußballclubs Beşiktaş. "Die müssen erstmal schaffen, zu uns zu kommen", sagt er. Deniz will bleiben, egal was passiert.

Eine Woche nach dem brutalen Polizeieinsatz ist in Istanbul, trotz der unversöhnlichen Haltung des Premiers, so etwas wie Protestroutine eingekehrt, ein fröhliches Leben und Lebenlassen, eine Mischung aus Alltag und Ausnahmezustand. Auf der Istiklal, die sich durch das europäische Zentrum der Stadt schlängelt, flanieren Verliebte. Aus den Clubs schallen Hits von Rihanna und Lady Gaga. Straßenhändler verkaufen eiskaltes Bier und Tequila. Touristen falten ihre Straßenkarten aus und gucken sich orientierungslos um. An die Hauswände sind bunte Parolen gesprüht: "Tritt zurück, Erdogan". Ein Ladenbesitzer lässt seine Fassade neu streichen und Glasscheiben wechseln, sie sind beim Protest zu Bruch gegangen. Das monumentale Atatürk-Kulturzentrum ist mit Fahnen behangen und von Bannern umhüllt.

"Imagine": Jeder übernimmt Verantwortung

Auf dem Taksim-Platz tanzt man im Kreis zu Volksliedern, die jeder kennt. Durch das Gezi-Camp schallt der Revolutionsklassiker "Comandante Che Guevara". Im Campkino läuft ein Kurzfilm in Dauerschleife, der die Tage des Aufruhrs zusammenfasst: Die anrollenden Wasserwerfer. Tränengasgranaten, die durch den Nachthimmel kreiseln. Demonstranten, die ihre Finger zum Victoryzeichen spreizen. Unterlegt ist der Film mit John Lennons "Imagine". Jubel brandet auf. Applaus. Gänsehaut. Gefühle des Triumphs.

Viele haben sich einen Aufkleber angeheftet, darauf das Wort "çapulcu". Übersetzt heißt das Plünderer, so hatte Ministerpräsident Erdogan die Demonstranten genannt. In Wahrheit ist im Gezi-Park ein wohl austariertes Gemeinwesen zu beobachten, mit Krankenstation und TV-Studio. Aufgaben werden verteilt, jeder übernimmt Verantwortung. Von Plünderern keine Spur.

Die Beschimpfung ist zur ironischen Selbstbeschreibung geworden: Zelte heißen "çapulcu"-Hotel, die Campbibliothek wird jetzt "çapulcu"-Buchhandlung genannt. Der Protest gegen den Ministerpräsidenten hat mehr Humor als der Ministerpräsident selbst.

Die Polizei wird zurückkommen, die "çapulcu" bleiben

Aus vielen Städten der Türkei wird weiterhin von brutalen Übergriffen der Polizei berichtet. In Ankara setzte die Polizei Wasserwerfer ein, in Izmir Schlagstöcke. Die Zahl der Verletzten ist inzwischen auf über 4000 gestiegen, drei Menschen starben. Die Polizei schlägt jetzt dort zu, wo weniger hingeschaut wird, in kleineren Städten.

Und wann kommt sie zurück zum Taksim-Platz? Wann räumt sie das Protestcamp im Gezi-Park? Der Tag, so denken hier viele, wird kommen: Zu sehr fühlt sich der selbstbewusste Ministerpräsident in seinem Stolz gekränkt, zu sehr schmerzen ihn die Bilder einer befreiten Zone im Zentrum der größten und wichtigsten Stadt seines Landes. Seine martialische Rede am Flughafen hat das bewiesen.

Aber bleiben wollen sie trotzdem.

 
 
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