26. August 2008, 07:13 Uhr

Wie David gegen Goliath

Die USA und Polen haben sich überraschend auf den Bau von Raketenabschussrampen in Polen geeinigt. Die Bewohner einer kleinen, malerisch gelegenen Gemeinde im Norden des Landes, in der die Raketen stationiert werden sollen, wehren sich gegen das Projekt. Von Kamil Majchrzak, Słupsk

Demonstranten protestierten am 14. August in Warschau gegen das geplante Raketenschild in Polen©

Die Nachricht über den Vertragsschluss verbreitete sich blitzschnell in der malerisch zwischen Seen und Kiefern-Wäldern gelegenen 15.000 Seelen-Gemeinde Słupsk, nur wenige Kilometer von der Ostsee entfernt. Spontan versammelten sich Ende der Woche einige Dutzend Menschen vor dem Rathaus. "Wir fühlen uns betrogen", riefen sie in die Kameras der zahlreich angereisten Journalisten. Anders als die angrenzenden Dorfgemeinden gilt der Bürgermeister der Stadt Słupsk als glühender Verfechter des Raketenschildes.

Mehr als 40 Dörfer wehren sich

Dagegen wehren sich seit knapp zwei Jahren mehr als 40 Dörfer der Gemeinde Słupsk, am Rande der Kaschubei. Sie wollen die Stationierung von Langstreckenraketen beim Dörfchen Redzików mit aller Kraft verhindern.

Am Wochenende gingen die Proteste in eine neue Runde. Die Bürgerinitiative "Centrum Inicjatyw Obywatelskich (CIO)” sammelt Protestunterschriften unter einem Offenen Brief an Premierminister Donald Tusk. Die Demonstranten werfen der Regierung in Warschau das "Fehlen jeglicher Gespräche mit der betroffenen Bevölkerung über die Lokalisierung des Raketenschildes" vor. Das ist auch eine unmittelbare Reaktion darauf, dass der Vize-Premier und der Verteidigungsminister ihren für vergangenen Donnerstag geplanten Besuch in Słupsk abgesagt haben und die Interessen der Lokalbevölkerung im Entscheidungsprozess ignorieren, erzählt Marcin Dadel, Vorsitzender des CIO.

Bedenken werden heruntergespielt

Im frisch renovierten Flachbau aus der Gemeindeverwaltung am nördlichen Stadtrand herrscht unterdessen Hochbetrieb. Gemeindevorsteher Mariusz Chmiel, der an vorderster Front der Proteste gegen das Raketenschild steht, ist allerdings nicht zu sprechen. Er sei in Warschau zu Gesprächen, entschuldigt sich eine Verwaltungsangestellte. "Bis zum Vertragsschluss zwischen den USA und Polen am vergangenen Mittwoch wurden wir nicht einmal offiziell darüber in Kenntnis gesetzt, ob das US Raketenabwehrschild wirklich in Redzików gebaut wird", beklagt der Stellvertreter des Gemeindevorstehers Bernard Rybak die mangelnde Informationspolitik Warschaus. "Praktisch haben wir bislang keine Antwort auf unsere Schreiben bekommen, mit Ausnahme der US-Botschaft in Warschau, die unsere Bedenken herunterspielte", fügt er bitter hinzu.

Gemeinde setzt auf friedlichen Protest

Die Gemeinde setzte deshalb von Anfang an auf friedlichen Protest. Zoff gab es trotzdem, nachdem die Polizei im März dieses Jahres im Anschluss an eine friedliche Demonstration in der Innenstadt von Słupsk mehrere Friedensaktivisten am frühen Morgen aus einer Wohnung zerrte. Ihnen wurde "Störung der Nachruhe" vorgeworfen. "Auf der Polizeidienststelle wurden sie über die Gegner des Raketenschildes ausgefragt", erklärt die Soziologie-Studentin Agnieszka Wasieczko vom Unterstützungskomitee.

  zurück
1 2
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
tripex (26.08.2008, 20:20 Uhr)
Schutz gegen Raketen aus Iran??
Ich wüsste mal zu gerne, warum ausgerechnet der Norden Polens ein strategisch günstiger Standpunkt für Abwehrraketen gegen den Iran sein soll?
utospatz (26.08.2008, 13:31 Uhr)
Hat schon irgendjemand sich die
Versorgungskarte von Gaz-Prom Gerd mal angesehn? Wenn der morgen früh nach durchzechter Nacht denn aufgewacht, hat Putin mit Hlife von Medwedew alle Gashähne dicht gemacht.! Dann liebe NATO gute Nacht!
So hat denn unser Gaz-Prom-Gerd den Braten gerochen, weil seine Dollars auf den Cayman-Isles kochen! So ist es nun mal in allen vergangenen Jahrzehnten der deutschen Politik, breche niemals meinem Kontostand das Genick!
520i (26.08.2008, 13:14 Uhr)
@simie
IAEA: http://www.informationclearinghouse.info/article18636.htm
CIA: Artikel von Standard.at, leider nur als Kopie, Original ist kostenpflichtig:
http://balkanblog.org/2007/12/04/us-geheimdienst-bericht-iran-hat-keine-atom-waffen/
simie (26.08.2008, 12:23 Uhr)
@ 520i
Vielleicht belegen Sie ihre Informationen mit einer Quelle.
520i (26.08.2008, 11:29 Uhr)
@simie
Genau Naiv. CIA: Naiv. Int. Atomenergiebehörde: Naiv.
Sie: nicht naiv, sie wissen bescheid, weil sie ja soviel Stern lesen.
simie (26.08.2008, 11:08 Uhr)
naiv
Zu glauben, der Iran betreibe kein Atomprogramm mit dem Ziel der Atombombe
ist wohl naiv. Mindestens genauso naiv ist jedoch der Glaube, dass das amerikanische Raketenabwehrsystem Europa und damit die Polen schützen könnte. Selbst wenn es wider Erwarten
erfolgreich wäre, würden die Trümmer der Raketen auf Osteuropa niedergehen , mit dem Risiko ganze Landstriche z bedrohen.
520i (26.08.2008, 10:55 Uhr)
Welcher Angriff eigentlich?
Hat nicht sowohl die interantionale Atomenergiebehörde, als auch die CIA(!) bestätigt, dass der Iran KEIN militärisches Nuklearprogramm betreibt und/oder plant?
Ja, da war doch was. Aber bitte verwirren Sie unsere Politiker nicht mit Tatsachen, deren Meinung steht fest.
ganzbaf (26.08.2008, 09:51 Uhr)
Vor allem...

würden die abgefangenen Dinger genau auf Polen und angerenzende Länder herunterkommen.
Die Polen opfern sich also für einen etwaigen Angriff auf Amerika - na dann Prost... )-:
gmathol (26.08.2008, 09:18 Uhr)
Es geht hier überhaupt nicht um einen Raktenschild...
...sondern um Geld für die US Rüstungsindustrie!
Die deutschen Wähler müssen aufpassen das sie nicht wieder eine Regierung wählen die diesen Mist von den Amis kauft.
520i (26.08.2008, 09:13 Uhr)
Raketenabwehr 2
Ich möchte gerne Wissen wie die USA und vorallem die Medien reagieren wenn Russland ein "Raketenschild" -natürlich NUR zu Verteidigung- auf Kuba aufstellt. Aber das ist dann ja etwas völlig anderes, stimmts :)
Schauen wir halt zu wie die selbsterannten Führer der Welt uns alle ins Verderben stürzen, die Medien machen mit, alles wunderbar.
MEHR ZUM ARTIKEL
US-Raketenabwehrschild Russland droht Polen mit Militärschlag

Das geplante Raketenabwehrschild in Polen stößt auf Ablehnung in Moskau. Russische Militärs bringen nun sogar die Möglichkeit eines Atomschlags ins Spiel. Kanzlerin Angela Merkel rief bei ihrem Besuch in Russland beide Seiten dazu auf, die Gespräche trotz der Diskrepanzen fortzusetzen.

US-Raketenabwehrschild Putin verblüfft mit Alternativplan

Russlands Präsident Putin hat am Rande des G-8-Gipfels einen überraschenden Vorschlag gemacht: Die USA könnten eine Radaranlage in Aserbaidschan mitnutzen, um den Iran zu überwachen. Der geplante US-Raketenschirm wäre so überflüssig. US-Präsident Bush nannte die Idee "interessant."

Amerikanische Raketenabwehr Löcher im Schirm

Die USA wollen einen Raketenabwehrschild in Europa installieren - zum Schutz vor Angriffen aus dem Iran. stern.de erklärt, wie das modulare Abwehrsystem arbeitet und zeigt auf, wo es versagt.

 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (21/2013)
Geht's jetzt an mein Geld?